Marktausblick

Monatlicher Marktausblick: Mai 2016

"Erneut auf ein Neues?", fragen unsere Experten beim Blick auf den Internationalen Währungsfonds. Die Zentralbanken denken über negative Zinsen nach und manche der Schwellenländer sind beim Reformmarathon weit vorne.

12.05.2016

Azad Zangana

Azad Zangana

Volkswirt

Craig Botham

Craig Botham

Schwellenländervolkswirt

Keith Wade

Keith Wade

Chefvolkswirt

Weltweit: Erneut auf ein Neues

Der Internationale Währungsfonds hat vor Kurzem seine weltweite Wachstumsprognose gesenkt, obwohl Rohstoffpreise und Konjunkturumfragen auf bessere Aussichten für die weltweite Wirtschaft hindeuten. Wahrscheinlich ist man wieder einmal dem „Erstes-Quartal-Effekt“ in den USA zum Opfer gefallen. Darunter versteht man die Tendenz, dass Statistiker bei ihren Bemühungen, saisonale Konjunkturschwankungen vollständig in ihre Berechnungen einzubeziehen, das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal unterschätzen. Angesichts der Größe der US-Wirtschaft trägt dieser Effekt in erheblichem Umfang zur Herabstufung des IWF bei. Die gute Nachricht ist, dass es in den nachfolgenden Quartalen weniger einseitige Tendenzen gibt, wodurch sich Möglichkeiten für eine Erholung im zweiten Quartal ergeben.

Auftrieb in Sicht, doch Herabstufungen bleiben

So dürfte 2016 das sechste Jahr in Folge werden, in dem die Ökonomen ihre Prognosen vom Jahresbeginn deutlich nach unten korrigieren müssen – weil der Optimismus bei Angebot und Nachfrage erneut zu groß war. Das deutet darauf hin, dass uns nach einem kurzzeitigen Aufwärtstrend wieder die Flaute droht. Dies ist ein ernsthaftes Problem für Politiker und Regierungen, die sich in einer Zwickmühle befinden: zwischen notwendigen Sparmaßnahmen zur Schuldenkontrolle einerseits und einer geldpolitischen Expansion zur Ankurbelung der Konjunktur andererseits.

Welche Möglichkeiten hat Japan?

Nirgendwo ist das Problem akuter als in Japan, wo die öffentliche Verschuldung weiter steigt, gleichzeitig aber Konjunkturschwäche und nachlassende Inflationserwartungen steuerliche Anreize erforderlich machen. Auch rechnen wir bis Ende des Jahres mit weiteren Ankurbelungsmaßnahmen seitens der Bank of Japan (BoJ). Das könnte in Form sogenannten „Helikoptergeldes“ erfolgen, wobei neue japanische Yen auf die Konten der Bürger überwiesen würden (staatliche Ausgaben ohne Schuldenanstieg). Auch wenn wir dies nicht vollständig ausschließen möchten, könnte es auch andere Wege geben.

Vorstellbar wäre durchaus, dass die Regierung einen großen Teil der steigenden Staatsschulden, die die BoJ hält, abschreibt oder die Schulden in eine Anleihe ohne laufende Zinsen und mit ultralanger Laufzeit umwandelt. Eine solche Umstrukturierung wäre zwar ein Ausfall, der aber die eigene Bank treffen würde. In der Folge würden die Rating-Agenturen Japan herabstufen. Doch die Auswirkungen auf Renditen und zukünftige Kosten für eine Kreditaufnahme ließen sich so eindämmen, z. B. durch weitere quantitative Lockerung. Dennoch könnte die Währung drastisch an Wert verlieren, da internationale Anleger sich vor Schulden fürchten, die die Zentralbank des Schuldners selbst aufgekauft hat.

Natürlich sind wir davon noch weit entfernt. Auch ist keine andere Volkswirtschaft mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Solche Überlegungen zeigen jedoch, wo die quantitative Lockerung bei ausbleibendem Wachstum enden könnte. Da die Europäische Zentralbank (EZB) ihr eigenes quantitatives Lockerungsprogamm durch den Aufkauf weiterer Vermögenswerte ausweitet, gewinnt das Geschehen in Japan immer mehr an Relevanz.

Negativzinsen: die Büchse der Pandora

Negativzinsen sind bei Zentralbanken gerade in Mode und werden dort, wo die Mittel der Finanzpolitik ausgeschöpft sind, als die ultimative Lösung gepriesen. Sie wurden zunächst eingeführt, um Kapitalzuflüsse abzuwehren und Währungsaufwertung zu bremsen. Doch mittlerweile nutzen die EZB und die BoJ negative Zinsen, um Konjunktur und Kreditaufnahme zu beflügeln. Die Idee dahinter ist: Durch Negativzins werden Einlagen effektiv belastet. Das motiviert Finanzinstitute zum Verleihen von Geld oder zum Kauf von Vermögenswerten, wodurch die wirtschaftliche Nachfrage in einem Land insgesamt zunimmt. Doch wiegen unserer Ansicht nach die Kosten hier größtenteils die Vorteile des Wirtschaftswachstums auf.

Warum negative Zinsen kontraproduktiv sein können

Negativzinspolitik ist kein kostenloses Instrument. Eine volkswirtschaftliche Verzerrung dieser Art hat schwerwiegende Folgen. Ernster noch dürften die Konsequenzen aus verhaltensökonomischer Sicht sein. Erstens motiviert eine Negativzinspolitik Privathaushalte und Unternehmen, Geld abzuheben und anderweitig unterzubringen. Zweitens fällt es den Banken schwer, den Negativzins an ihre Kunden weiterzugeben. Das gilt besonders für Kleinkunden. Hier ist die Konkurrenz in der Regel heftig und keine Bank möchte den ersten Zug machen. Denn die Angst ist groß, Kunden zu verlieren, die nicht nur Einlagen bei der Bank haben, sondern häufig auch Hypotheken. Stattdessen scheinen die Banken die Gewinneinbußen hinzunehmen.

Sorgen um eine Bankenkrise

Unsere größte Sorge ist, dass der Markt überreagiert und von noch höherem Negativzins ausgeht, wenn Anleger erst einmal anfangen, sich vor einer wirtschaftlichen oder finanziellen Erschütterung zu fürchten. Das könnte dann das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Banken erschüttern und damit möglicherweise in riesigen Mengen Geld abheben und eine Finanzkrise auslösen.

Unser Rat an die Notenbanken lautet, die neue untere Zinsgrenze klar festzulegen, um fehlgeleitete Negativstimmung abzuwehren. EZB-Präsident Mario Draghi kann weiterhin versprechen, „alles Notwendige zu tun“, solange dies nicht einen sehr hohen Negativzins zu Lasten des Bankensystems impliziert.

Schwellenländer: Der Reformmarathon

Reformen – um einen klischeehaften Vergleich aus dem Sport zu bemühen – sind ein Marathon, kein Sprint. Einige Schwellenländer sind bei diesem Rennen weiter vorne als andere, aber laufen sie alle dieselbe Strecke?

Indonesien, das nächste Indien?

So wie die Wahl von Narendra Modi Reformhoffnungen in Indien weckte, so rief auch die Wahl von Joko Widodo („Jokowi“) Optimismus in Bezug auf eine Kehrtwende in der indonesischen Politik hervor. Obwohl es in beiden Ländern seit den Wahlen Enttäuschungen gab, haben durch Reformen begründeten Gewinne an den indonesischen Börsen unserer Ansicht nach einen stärkeren Unterbau als in Indien. In Indonesien dürfte die Regierung größtenteils ihren Infrastrukturplan umsetzen. Dort gab es, wie in Indien, einen enormen Investitionsschub durch Reformbemühungen, die auf die Einbeziehung des Privatsektors abzielten.
Hingegen schleppen sich die Reformen in Indien weiterhin nur mühsam voran. Nach den Kommunalwahlen im Mai könnten sich die Machtverhältnisse im indischen Oberhaus verschieben – das ist das nächste Signal, das wir im Auge behalten werden. Bei einem ungünstigen Ergebnis für die regierende Partei wären wir sehr versucht, die Aussichten auf weitere wesentliche Reformen unter Modi aufzugeben. Wir dürften zwar immer noch Gewinne sehen und die Rekapitalisierung des Bankensektors wird dem Konjunkturwachstum zu Hilfe kommen. Doch ein Reformfehlschlag könnte sich in einem immer noch gesättigten Aktienmarkt als schädlich erweisen.

Südafrika, das nächste Brasilien?

Brasilien und Südafrika hinken auf dem Reformweg hinter Indonesien und Indien her. Beide Länder werden derzeit durch politische Tumulte von einer Wirtschaftsreform abgehalten. In Brasilien rückt die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff immer näher. Hingegen wird eine Absetzung oder ein Rücktritt des südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma sehr viel unwahrscheinlicher. Daher sind die Reformaussichten in Südafrika schlechter als in Brasilien, wo eine neue Regierung einige Reformen anstoßen dürfte – und sei es nur, um die aktuellen Haushaltsprobleme des Landes anzugehen.

Die gute Nachricht für Südafrika: Im Gegensatz zu Brasilien war die Politik bisher einigermaßen vernünftig. Währungsschwäche wurde als Reaktion auf Erschütterungen von außen zugelassen, man verfolgt eine straffe Geldpolitik und auch die Haushaltspolitik wurde etwas gestrafft. Das Land überrundet Brasilien auch in der wirtschaftlichen Entwicklung. Unserer Ansicht nach dürfte Südafrika allerdings wie Brasilien zuvor in der Bewertung herabgestuft werden, wenn sich Zuma weiter an die Macht klammert und die Politik nicht mit der Umsetzung einiger der versprochenen Reformen beginnt.

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen vom Schroder Investment Managements Economics Team und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.