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Die US-Bankenreform ist ein Warnsignal für Europa

Huw van Steenis analysiert, was es mit der von US-Finanzminister Mnuchin geplanten Reform der Bankenregulierung auf sich hat und mit welchen Auswirkungen auf Europa zu rechnen ist.

15.08.2017

Huw van Steenis

Huw van Steenis

Global Head of Strategy

Bücher über die Finanzregulierung schaffen es nur selten auf die Leseliste für den Sommerurlaub. Doch dieses Jahr gibt es eine Ausnahme. Die Bewertung der Bankenregulierung durch US-Finanzminister Steven Mnuchin ist eine Pflichtlektüre für jeden europäischen Zentralbanker und jeden Politiker, dem die Wettbewerbsfähigkeit Europas am Herzen liegt. 

Spoiler-Warnung: Die überraschende Wendung in diesem Bericht ist, dass nicht versucht wird, den enormen Fortschritt, der durch die im Zuge der Finanzkrise eingeführten Regeln erreicht wurde, rückgängig zu machen. Stattdessen beschreibt Mnuchin kleine, praktische Schritte, damit die neuen Regeln in der Praxis funktionieren, ohne die Sicherheit und Solidität des Systems zu gefährden.

Selbst die härtesten Bankenkritiker geben im privaten Kreis zu, dass sie vom Tiefgang und angemessenen Ton des Berichts beeindruckt waren. Mnuchin versucht, „die amerikanischen Interessen und die weltweite Wettbewerbsfähigkeit zu fördern“. Daher sollten Europäer ihn lesen. Wenn nur ein Teil dieser Vorschläge nach sorgfältiger Überprüfung umgesetzt werden würde, könnten die Kapitalkosten für US-Unternehmen sinken. Wenn Europa nicht möchte, dass die USA einen größeren Wettbewerbsvorteil erhalten, müssen wir beginnen, über die klügsten Vorschläge Mnuchins zu debattieren.

Was könnte geschehen?

Erstens erkennt Mnuchin an, welche dramatische Auswirkung die Finanzregulierung auf die Effektivität der Geldpolitik und die Kreditvergabe hatte. Der US-Repomarkt ist zum Beispiel seit 2012 um ein Fünftel bzw. eine Billion US-Dollar geschrumpft, als höhere Fremdkapitalanforderungen eingeführt wurden. Daher besteht eine der Empfehlungen Mnuchins darin, die sichersten Vermögenswerte, zum Beispiel Zentralbankeinlagen oder Bargeld, aus der Berechnung der Verschuldungsquote herauszunehmen.  

In seinem Bericht schlägt er außerdem vor, ein breiteres Spektrum der Vermögenswerte als Liquidität einzubeziehen. Dies spiegelt die Realität wider, da die Zentralbanken inzwischen als Anbieter von Liquidität eine umfassendere Rolle einnehmen und außerdem größere Bilanzen halten möchten. Zu einer Zeit, in der europäische Banken gezwungen sind, aufgrund negativer Zinssätze Kunststücke zu vollführen, wird ein größeres Vertrauen, dass die Übertragung der Geldpolitik auf die reale Wirtschaft effektiv ist, äußerst wichtig sein – vor allem dann wenn die Zentralbanken versuchen, ihre Anleihekäufe zu reduzieren.  

Zweitens argumentiert Mnuchin, dass die Liquidität des Marktes sehr wichtig ist.  Eine gesunde Wirtschaft erfordert vielfältige Finanzierungsquellen. Seit 2009 erfolgte die gesamte Nettoausweitung der Unternehmenskredite in der Eurozone über die Anleihemärkte, da Banken sich zurückhielten. Aber wenig liquide Märkte sind nicht effektiv.  Der Bericht macht einige Vorschläge, um das Market-Making mit mehr Flexibilität zu unterstützen. Jetzt, wo wegen des Brexits der Fortschritt der europäischen Kapitalmarktunion eine Auszeit einlegt, müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln, um sichere und effektive Märkte zu fördern.  

Drittens wird gefordert, dass Regulierungen angemessen sind, die Wettbewerbsfähigkeit unterstützen und auf einer Kosten-Nutzen-Analyse basieren.  Das US-Finanzministerium konsultierte mehr als 250 Institutionen, Akademiker, Industrieverbände und Verbrauchergruppen, um eine schlüssige Faktengrundlage für den Bericht zu schaffen. Politiker mussten in der Krise und in der Zeit nach der Krise natürlich schnelle Entscheidungen fällen, aber ab jetzt sollten wir eine Balance aus Geschwindigkeit und Effizienz finden.   

Unbeabsichtigte Folgen

Ein Beispiel ist MiFID II: Seine Ziele sind unanfechtbar, aber es gibt trotzdem Bedenken wegen der unverhältnismäßigen und unbeabsichtigten Folgen. Guillaume Eliet von der französischen Aufsichtsbehörde AMF äußerte zuletzt Bedenken über die Auswirkung von MiFID II auf das Research kleiner und mittlerer Unternehmen. Es besteht die Gefahr, dass die Kapitalkosten für kleinere europäische Unternehmen, die Motoren des Wirtschaftswachstums, einen möglichen Nachteil gegenüber ihren US-Kollegen darstellen. 

Und schließlich ist gute Aufsicht genauso wichtig wie Regulierung. Mnuchin versucht in seinem Bericht, den Aufsichtsprozess zu vereinfachen, insbesondere wenn mehrere Aufsichtsbehörden beteiligt sind.  

Strenge Prüfung notwendig

Es gibt aber auch einen Vorschlag, den die Europäer unserer Meinung nach nicht übernehmen sollten: den Stresstest für Banken zweimal im Jahr durchzuführen. Die Initiative des früheren US-Finanzministers Tim Geithner, öffentliche Stresstests zu schaffen, war eine der folgenreichsten Entscheidungen bei der Finanzregulierung in den vergangenen 50 Jahren. Sie sind heute die primäre Form, wie US-Banken reguliert werden.

Europa war zunächst zögerlich, alle Banken strengen Stresstests zu unterziehen und die schwächeren Institute angemessen zu rekapitalisieren. Wie jüngste Erfahrungen mit notleidenden Banken zeigen, wirft die Finanzkrise einen unnötig langen Schatten. Europäische Gesundheitschecks müssen regelmäßig, transparent, vertrauensverbessernd sein und im Bedarfsfall zu sofortigen Behebungsmaßnahmen führen. 

Wir wissen, dass Mnuchins Ausführungen nicht jedermanns Wahl für die Ferienlektüre sein werden. Aber angesichts dessen, wie weitreichend die Konsequenzen für Investoren, Zentralbanken und Europa sein könnten, und wo zudem weitere drei Berichte zu anderen Teilen der Finanzbranche kommen werden, ist es besser, bald mit dem Lesen zu beginnen. 

Justin Bisseker, Europäischer Bankenanalyst, und Alan Straus, Fondsmanager und US-Bankenanalyst, von Schroders trugen ebenfalls zu diesem Artikel bei.