Märkte

Politische Risiken und Marktrenditen 2016

In seiner Rede auf der Schroders Investmentkonferenz in Budapest im September ging Daniel Franklin, Chefredakteur von The Economist, auf die seiner Ansicht nach größten politischen Risiken für Anleger 2016 ein.

27.10.2015

Daniel Franklin

Chefredakteur, The Economist

Laut Franklin, der für den jährlichen Jahresausblick „The World in …“ im The Economistverantwortlich ist, unterschätzen Anleger routinemäßig die politischen Risiken und ihre wirtschaftlichen Folgen.
„Wir sprechen in der Betriebswirtschaft und in den Märkten über Volatilität, sollten das aber auch in der Politik erwarten“, so Franklin.

Politische Einflussfaktoren im Jahr 2015

Als Beispiele für wirtschaftlich folgenreiche Ereignisse, deren Auslöser zweifellos politischer Natur waren, verwies Franklin speziell auf die Griechenlandkrise, den Konflikt in der Ukraine, das Migrationsproblem, den Vormarsch des IS und die Börsenturbulenzen in China.

Die Griechenlandkrise hatte zwar einen wirtschaftlichen Hintergrund. Allerdings fand 2015 eine politische Veränderung statt: die Wahl einer radikalen, alternativen Regierung, die ein sechsmonatiges Drama rund um das Land zur Folge hatte. Auch die Krise in der Ukraine, die enorme wirtschaftliche Auswirkungen hatte, war laut Franklin, der Politik des russischen Präsidenten Putin und seiner Reaktion auf politische Entscheidungen in Westeuropa zuzuschreiben.

„Selbst der Börsencrash in China ist meiner Ansicht nach politisch bedingt“, sagte er. „Er wurde dadurch verursacht, dass die Regierung versucht hat, den Wirtschaftskurs zu verändern und die Währung marktorientierter und globaler aufzustellen.“

Natürlich ist nicht jede politische Veränderung negativ, wie Franklin am Beispiel der Wahl von Narendra Modi 2014 in Indien unterstrich. „Sie hat die Stimmung in Indien verändert und Hoffnung auf eine neue Dynamik im Land gegeben.“

Triebkräfte für politische Veränderungen in naher Zukunft

Franklin nannte fünf Faktoren, die die wichtigen politischen Entwicklungen der nächsten Zeit bestimmen dürften.

  1. Ärger.
    Konkret die negativen Konsequenzen aus den Nachwehen der tiefen Rezession. „Ärger über Ungleichheit, Unzufriedenheit mit Politik und Staat. Dieser Ärger wird Wege finden, sich zu entladen“, warnte er.
  2. Demografischer Wandel.
    „Tief greifende, grundlegende Strukturveränderungen, die dazu beitragen, einige der aktuellen Trends zu forcieren.“ Als Beispiel nannte er das Bevölkerungswachstum im Nahen Osten und die daraus resultierende junge Bevölkerungsstruktur, die er als die stärkste Triebkraft für den Arabischen Frühling sieht. „Einen ähnlichen Trend gibt es in Afrika, wo sich die Bevölkerung in den kommenden 30 Jahren verdoppeln wird“, sagte er.
  3. Die negativen Auswirkungen des Arabischen Frühlings.
    Die Ereignisse im Nahen Osten, z. B. in Syrien, die noch lange nicht abgeschlossen sind, haben weit reichende und vielschichtige Folgen.
  4. Technologie.
    Die Technologie entwickelt sich schnell weiter und vernichtet Arbeitsplätze.
  5. Schwellenländer.
    Anpassungen der Volkswirtschaften und Veränderungen der Wachstumstreiber bringen Probleme und Möglichkeiten mit sich.

„Alle fünf sind grundlegende Triebkräfte für tief reichende Veränderungen und werden im kommenden Jahr und darüber hinaus einige politische Erschütterungen auslösen“, sagte Franklin.

Mögliche Erschütterungen 2016

EU-Referendum in Großbritannien

„Das ist ganz klar ein wichtiges Ereignis, nicht nur für Großbritannien, sondern für die gesamte EU“, sagte er. Obwohl Franklin davon ausgeht, dass Großbritannien letztendlich für einen Verbleib in der EU stimmen wird, so ist dies seiner Ansicht nach ein „dramatischer Prozess, wobei die Meinungsumfragen manchmal ein sehr knappes Rennen prognostizieren werden.“ Je mehr Schwierigkeiten es im kommenden Jahr in der EU geben wird, desto wahrscheinlicher wird der „Brexit“.

Schon allein die Vorstellung eines Brexit ist laut Franklin für die EU ungemein beunruhigend. „Der Gedanke, eines der wichtigsten Mitglieder könnte aussteigen, bringt das Selbstverständnis der EU grundlegend ins Wanken. Schließlich sieht sie sich auf einem steten Marsch nach vorn hin zu einer noch engeren Union.“

Eurozone

„Die Krise in der Eurozone ist noch lange nicht vorbei“, sagte Franklin und verwies darauf, dass seine Kollegen in der Economist Intelligence Unit die Wahrscheinlichkeit eines „Grexit“ in den kommenden fünf Jahren immer noch bei 60 % ansetzen.
Außerdem stellt die Flüchtlingskrise eine der für ihn „größten Errungenschaften der EU“ in Frage, nämlich den Umstand, dass man sich innerhalb des Gebiets frei bewegen kann. Denn er sieht, „überall in Europa werden wieder Grenzen hochgezogen“. Franklin warnt, dass damit die Zukunft der EU auf dem Spiel steht. Sollten sich die politischen Entwicklungen gegen die Union fortsetzen, „könnten wir erleben, wie sie praktisch vor unseren Augen zerbricht.“

Ukraine

„Möglicherweise liegt das Schlimmste hier hinter uns, doch es besteht die Gefahr, dass uns noch weitere Konfrontationen und Provokationen erwarten“, sagte Franklin und warnte davor, dass auch baltische Staaten hineingezogen werden könnten.

Wahlen in den USA

Die Wahlen in den USA haben seit jeher einen enormen Einfluss auf den Rest der Welt. Und diesmal präsentiert sich Donald Trump als das Überraschungspaket. „Als er seinen Hut in den Ring warf, hatte man es zunächst als eine Art Witz abgetan. Aber jetzt gilt er als der aussichtsreichste Kandidat und wird mehr als nur ernst genommen“, sagte Franklin. „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass er Präsident wird, aber er lost ordentliche Beben aus.“
Er hält den Aufstieg von Trump (ähnlich wie den von Jeremy Corbyn in Großbritannien) für ein Zeichen des oben erwähnten Aspektes „Ärger“. „Es herrscht Ärger darüber, dass die Politik nicht im Interesse der normalen Bürger handelt. Trump prescht hier mit einem populistischeren Politikstil nach vorn und andere Kandidaten haben das Gefühl, hier mithalten zu müssen.“

Terrorismus

„Das ist etwas, was wir als Risiko nicht länger ignorieren können“, sagte Franklin. „Es könnte weitere Terrorangriffe geben, besonders wenn man sich die Entwicklungen in Syrien im Zusammenhang mit dem IS anschaut. Sollten die Terrorangriffe mit Folgen für Handel und die Bewegung von Menschen zunehmen, könnte das eine Destabilisierung zur Folge haben.“
China
„Es hat bereits Spannungen zwischen China und seinen Nachbarn im Südchinesischen Meer gegeben. Sollte China wirtschaftlich ins Straucheln geraten, könnte das Land als eine mögliche Taktik nationalistische Rhetorik, speziell gegen Japan, nutzen und sich so Unterstützung verschaffen und in Pose bringen. Das ist bisher noch nicht in gefährlicher Weise hochgekocht, stellt aber ein Risiko dar, das man im Auge behalten sollte.“

Überregulierung

Verbunden mit dem Ärger über die negativen Folgen der Rezession besteht die Gefahr, dass der Industrie durch staatliche Überregulierung die Hände zu stark gebunden werden. Schreckt man zum Beispiel Banken von gewissen Bereichen ab, könnte das eine Liquiditätskrise zur Folge haben. Auch hat es neben einer Gegenreaktion auf technologische Veränderungen, hier speziell der störende Einfluss der sogenannten „Sharing Economy“, auch behördliche Veränderungen gegeben, die Firmen wie Uber und Google treffen könnten.

Welche Möglichkeiten bieten sich?

Ethischer Konsum.
„Wenn die tiefe Unzufriedenheit mit Wirtschaft und Ungleichheit tatsächlich der Realität entspricht, so könnte meiner Ansicht nach das Interesse an Unternehmen steigen, die eine passende Kombination von Gewinnerzielung und ethischer Vertretbarkeit bieten können“, sagte Franklin. „Oder anders betrachtet: Unternehmen, die ihr Geld in einer als unethisch betrachteten Art verdienen, könnten bestraft werden. Das könnte speziell bei jüngeren Konsumenten und der Generation Y immer mehr an Schlagkraft entwickeln.“

Demografische Trends.
Möglichkeiten ergeben sich durch die Veränderungen auf Bevölkerungsebene, besonders im Nahen Osten und in Afrika. Sogar die Flüchtlingskrise wird seiner Ansicht nach zu steigenden Investitionen in den Ländern führen, die die Leute verlassen. „Sie werden verstärkt dafür sorgen, der Bevölkerung Anreize zum Bleiben zu schaffen, die beim Aufbau einer Zukunft helfen und eine Auswanderung nach Europa verhindern", sagte er.

Sektoren
Als Möglichkeiten, die sich auf Sektorebene durch politische Risiken ergeben, sieht Franklin Währungen, Sicherheit und Verteidigung.

 

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Daniel Franklin und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.