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Pulverfass Türkei

Kurz nach dem Putschversuch im Juli wurde in der Türkei der Notstand ausgerufen. Das Land hatte bereits zuvor zu den fragilsten und risikoreichsten Schwellenländern gehört. Insgesamt sehen wir genauso schwerwiegende wie langfristige Konsequenzen.

16.08.2016

Craig Botham

Craig Botham

Schwellenländervolkswirt

Aus unserer Sicht ist der Putschversuch vom 15. Juli ausschließlich negativ für die türkische Wirtschaft zu bewerten. Wie schwer die Folgen tatsächlich sein werden, hängt insbesondere von der politischen Antwort ab.

Sollte Präsident Erdogan sein Ziel eines Präsidialsystems erreichen, würde die Erosion der institutionellen Strukturen weiter voranschreiten. Inländische wie ausländische Investitionen würden wahrscheinlich zurückgehen und so das Wachstum sowohl kurz- als auch langfristig belasten.

Eine wachstumsorientierte und inflationsfreundliche Tendenz ist sowohl für Geld- als auch Fiskalpolitik zu erwarten, um die Konjunktur kurzfristig anzukurbeln. Die negativen Folgen würden sich erst auf lange Sicht bemerkbar machen und durch die Abwertung der Lira noch verstärken – sobald diese Politik an Glaubwürdigkeit verliert und die „Dollarisierung“1 zunimmt.
Vielleicht bleibt nur die Hoffnung, dass sich der Putsch nicht für politische Zwecke ausbeuten lässt, was sich beispielsweise in Wahlniederlagen für die regierende AKP manifestieren könnte (keine Parlamentsmehrheit für eine Verfassungsänderung). Allerdings gehen wir selbst in diesem Fall davon aus, dass Erdogan seine Macht kontinuierlich ausbauen würde.

Aus globaler Sicht ist das Scheitern des Putsches zwar positiv zu bewerten, da ein Bürgerkrieg in der Türkei tatsächlich eine Katastrophe wäre. Mit einer Türkei, die in erster Linie mit sich selbst beschäftigt oder sogar feindselig gestimmt ist, wären sowohl der Syrienkonflikt als auch das Flüchtlingsproblem in Europa deutlich schwerer in den Griff zu bekommen.

Die Geldpolitik Erdogans

Bereits vor der Ernennung Murat Cetinkayas zum Gouverneur der türkischen Zentralbank war die Geldpolitik der unorthodoxen Wirtschaftstheorie Erdogans zum Opfer gefallen.

Schon seit einiger Zeit wettert Erdogan gegen die von ihm so genannte „Zinslobby“ – also gegen praktisch jeden Ökonomen mit der Auffassung, dass die Türkei die Inflation durch Zinserhöhungen bekämpfen sollte. In Erdogans Augen handelt es sich dabei nur um eine eigennützige Forderung, durch die Gewinne für ausländische Banken generiert werden sollen. Dadurch gerät die Zentralbank unter noch größeren Druck, die Zinsen trotz der hohen Inflation niedrig zu halten oder sogar zu senken.

Höhere Inflation droht

Auf die Türkei dürfte also eine steigende Inflation zukommen, selbst wenn man den Einfluss der Währung noch gar nicht berücksichtigt. Die türkische Lira verlor nach dem Putschversuch deutlich an Wert und wird starke Inflationsimpulse auslösen, sollte der Abwärtsdruck nicht unter Kontrolle zu bringen sein. Leider scheint dies angesichts der beschriebenen geldpolitischen Aussichten unwahrscheinlich.

Dollarisierung

Die Situation wird noch dadurch verschlimmert, dass politische Schocks in der Türkei oft eine verstärkte Dollarisierung in der türkischen Wirtschaft zur Folge haben. Nach den Demonstrationen gegen das Bauvorhaben im Gezi-Park 2013 beispielsweise kaufte die Bevölkerung in der zweiten Jahreshälfte insgesamt 20 Mrd. US-Dollar – in der ersten Jahreshälfte waren es nur 5 Mrd. US-Dollar gewesen. In jüngerer Zeit, vor dem Putschversuch, hatten die Türken aufgrund des schwachen Wechselkurses Lira gekauft. Die Zeit wird zeigen, welcher dieser Trends vorherrschen wird, aber das Risiko für die Stabilität der türkischen Währung und für das Inflationsprofil ist zweifellos hoch.

Ungewissheit beeinträchtigt das Wachstum

In Großbritannien zeigt sich aktuell, welch negativen Einfluss politische Unsicherheit auf das Wachstum haben kann. Erstens wirkt sich eine längere Phase der Unsicherheit mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Vertrauen und private Ausgaben aus – und hier insbesondere auf Anlageentscheidungen. Ferner schafft die allmähliche Erosion der institutionellen Stärke sowohl in der Justiz als auch bei der Zentralbank ein negatives Umfeld für geschäftliche Investitionen aus dem In- und Ausland.

Problem Auslandsverbindlichkeiten

Auch die Auslandsverbindlichkeiten der Türkei geben Anlass zur Sorge. Die Türkei gehört zu den Schwellenländern mit dem im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt höchsten externen Finanzierungsbedarf. Als die US-Notenbank Fed 2013 angekündigt hat, ist mit diesem Schock des „Taper Tantrum“ der Finanzierungsbedarf sogar noch gestiegen – auf über 19 % des Bruttoinlandsprodukts. Das Leistungsbilanzdefizit ist zwar zurückgegangen, aber mit 4,1 % des Bruttoinlandsprodukts immer noch hoch. Die Verbesserungen in der Handelsbilanz seit 2014 sind eher den niedrigeren Ölpreisen als fundamentalen Veränderungen in der türkischen Wirtschaft zu verdanken. Mit der steigenden politischen Risikoprämie dürfte dieses Ungleichgewicht in der Außenbilanz verstärkt in den Fokus rücken.

 


1 Die offizielle oder inoffizielle Nutzung des US-Dollar als gesetzliches Zahlungsmittel, vor allem bei instabiler Inlandswährung.

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Craig Botham und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.