Märkte

Tobt an den Märkten ein Währungskrieg?

Was ist das eigentlich - und müssen sich Anleger rüsten? Alan Cauberghs, Senior Investment Director Fixed Income, schätzt die aktuelle Lage ein.

10.11.2015

Alan Cauberghs

Alan Cauberghs

Senior Investment Director, Fixed income

Globaler Währungskrieg

Im Sommer 2015 und ganz besonders im August waren bei Anlegern gute Nerven gefragt: Die Aktienmärkte stürzten ins Bodenlose, die Rentenmärkte setzten zu einer rasanten Berg- und Talfahrt an. Gleichzeitig sandten die verschiedenen Wirtschaftsregionen ganz unterschiedliche Signale aus, was die Lage nicht gerade beruhigte. Liegt der Grund etwa in einem globalen Währungskrieg?

Die Konjunkturdaten aus den USA und Großbritannien zeigen unverändert Zuwächse an, und der Euroraum entwickelte sich stabil. Dagegen nahmen Regierung und Zentralbank in China (People’s Bank of China – PBoC) drastische geldpolitische Anpassungen vor, um die sich abflauende Konjunktur im Reich der Mitte zu stützen. All dies spielte sich vor dem Hintergrund des Ölpreises ab, der auf dem niedrigsten Stand seit mehr als sechs Jahren vor sich hindümpelt. In einer solchen Situation erhalten Schlagzeilen über einen Währungskrieg naturgemäß eine besondere Beachtung.

Reale Bedrohung oder nur eine Schlagzeile?

Unter dem Strich ist ein Währungskrieg das gezielte Abwerten der Landeswährung. In der Regel bezieht sich das Konzept auf Maßnahmen der jeweiligen Zentralbank, die zwei hauptsächliche Ziele verfolgt: Die eigene Währung schwächen und damit die Wettbewerbsfähigkeit sowie Exporte fördern. Nach dieser Definition kann man durchaus die These vertreten, dass die Maßnahmen der der PBoC vom August gerade keine „kriegerischen Handlungen“ sind. Dafür sprechen einige gute Gründe.

Seit 1994 koppelt China seine Währung an den US-Dollar, abgesehen von einem Zeitraum zwischen 2005 und 2008, als man eine Aufwertung des Renminbi tolerierte. Im August dieses Jahres passte die PBoC ihren Referenzkurs an das bestehende Marktniveau an. Ob die aktuelle Maßnahme die Konjunktur tatsächlich stützen kann, bleibt abzuwarten.

Aus unserer Sicht lag die Entscheidung der Zentralbank vielmehr im Wunsch Chinas begründet, den Renminbi zu einer Reservewährung zu entwickeln: Denn der Internationale Währungsfonds sieht ein Schlüsselkriterium für die Zulassung als Reservewährung darin, dass der Markt den Kurs bestimmt – und gerade nicht die PBoC. Für sich genommen widerspricht dies der Position, die Entscheidung der Zentralbank sei ein rein taktisches Manöver im Rahmen eines Währungskrieges gewesen. Zudem wandelt sich die chinesische Wirtschaft gegenwärtig fundamental: Produktion und Export verlieren ihre Dominanz zugunsten von Dienstleistung und Binnennachfrage. Dies ist ein langwieriger Prozess, der mehrere Jahrzehnte dauern und sicherlich von weiteren Schwankungen im Kurs des Renminbi begleitet sein wird. Mit ihren Maßnahmen will die chinesische Zentralbank eigenen Angaben zufolge die unvermeidliche Volatilität während dieser Transformation glätten.

Ein Blick auf die anderen Volkswirtschaften der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) zeigt im laufenden Jahr dramatische Verluste der Wechselkurse. So verloren der brasilianische Real und der russische Rubel erheblich an Wert, was jedoch auf wirtschaftliche Probleme zurückzuführen war – und nicht auf Interventionen der jeweiligen Zentralbanken.

Was heißt all dies für Anleger?

Die Währung – und deren relative Stärke zu anderen Währungen – bleibt bei der Analyse von Märkten natürlich ein entscheidender Faktor. Bei ihrer Sitzung im September vertagte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre Zinsentscheidung auf (frühestens) Dezember. So konnte sie einige Befürchtungen von Anlegern im Hinblick auf asiatische Währungen beruhigen. In diesem Zusammenhang spielt das in den vergangenen Jahren erheblich angestiegene Volumen von US-Dollar-Finanzierungen asiatischer Schuldner eine Rolle: Um ihre lokalen Währungen gegen einen steigenden Dollar zu verteidigen, müssten wertvolle Fremdwährungsreserven eingesetzt werden.

In der Sitzung des Offenmarktausschusses begründete Fed-Chefin Janet Yellen ihre Entscheidung, dass die „zunehmende Besorgnis im Hinblick auf das Wachstum in China und anderen aufstrebenden Volkswirtschaften zu erheblicher Volatilität an den Finanzmärkten“ geführt habe. Zwar erklärte Yellen weiterhin, dass man die Bedeutung dieser Schwäche in den Schwellenländern für die US-Geldpolitik nicht überschätzen solle. Dennoch seien schwächere Exporte aus den USA einer der zentralen Gründe, die Zinsanhebung aufzuschieben. Denn immerhin ist China nach Kanada und vor Mexiko zweitgrößter Außenhandelspartner der USA.

Fazit

Insgesamt wird zumindest kurzfristig die Unsicherheit als wesentlicher Faktor der Anlagelandschaft erhalten bleiben – unabhängig davon, ob sie sich auf den Zinsschritt in den USA bezieht oder auf weitere Besorgnis für das globale Wirtschaftswachstum. Einen Währungskrieg zu fürchten, könnte sich jedoch als übertrieben erweisen; aus unserer Sicht können Anleger zumindest in dieser Hinsicht relativ gelassen bleiben. Sie sollten allerdings Währungsbewegungen im Auge behalten, und die Währungen der Schwellenländer dürften weiterhin schwach und volatil bleiben. Doch welche Absichten China bei der Abschwächung des Renminbi auch immer verfolgt: Die USA bleiben in Sachen Wirtschaftskraft das Maß aller Dinge.

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Alan Cauberghs, Senior Investment Director Fixed Income, und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.