Märkte

Wohin steuern asiatische Anleihen?

Die Konjunkturabkühlung in China gibt nicht das ganze Bild wider, welches Potenzial in der Region liegt.

26.08.2015

Wir meinen: Paranoia und Spekulationen helfen nicht weiter. Vielmehr sollte man sich einen Überblick verschaffen und die vorliegenden Daten genau ansehen. Was wir heute wissen:

  • Im Gegensatz zu zahlreichen Industriestaaten wächst die US-Wirtschaft relativ robust
  • Die Eurozone scheint wieder etwas stabiler, sie wird trotzdem noch eine gewisse Zeit Unterstützung brauchen
  • Die Konjunktur der meisten asiatischen Länder kühlt sich gegenwärtig ab. Ungeachtet dessen, dass die Region im Kreditzyklus schon weiter fortgeschritten ist als etwa die USA, lassen sich dafür Einflussfaktoren ausmachen: das langsamere Wachstum in China, der schwache Welthandel, politisch bedingter Rückgang sowie zum Teil auch politische Unruhen.
  • Die meisten Rohstoffpreise sind so niedrig wie kurz nach der großen Finanzkrise: Das bedeutet harte Zeiten für Exporteure, während sich Importeure von Rohstoffen freuen dürfen.

Die aktuelle Lage in Asien

Nicht zuletzt wegen der Verwerfungen an den Weltmärkten sollten wir unseren Ansatz bei festverzinslichen Papieren in Asien überprüfen. Bevor wir das Vermögen unserer Kunden in asiatische Anleihen investieren, stellen wir uns drei Fragen.

  • Erstens, wie sehen die Fundamentaldaten für Asien wirklich aus?
  • Zweitens, preisen die Bewertungen das Risiko für die Anleger ein?
  • Drittens, wohin dürften die Märkte tendieren?

China

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Lage in China. Wir widersprechen Pessimisten, die eine harte Landung für die chinesische Wirtschaft erwarten. Allerdings geben wir auch Optimisten nicht unbeschränkt Recht, die Lage in China als sprichwörtlichen „Sturm im Wasserglas“ zu bezeichnen.

Wir sehen die Lage pragmatisch – und teilen manche Einschätzung der Schwarzseher. Etwa dass der Immobilienmarkt und damit die Spekulation ungesunde Formen angenommen hatte: Schließlich hat man ganze Städte auf die grüne Wiese gebaut, und die Flächen werden kurz- bis mittelfristig nicht nachgefragt werden.

Wir glauben ebenfalls, dass die Überschuldung von kommunalen Haushalten und Staatsbetrieben kontraproduktiv ist. Um in der Finanzkrise gegenzusteuern, war die Geldpolitik extrem locker und die Liquidität üppig – und führte zu deutlich hoher Aufnahme von Fremdkapital.

Unsere eigene Analyse berücksichtigt politische, ökonomische und soziale Faktoren; und die Ergebnisse deuten darauf hin, dass China diese schwierige Phase mit einem langsameren Wachstum überstehen wird.

Zwar ist der Verschuldungsgrad der kommunalen Haushalte, der Staatsbetriebe und der staatlich kontrollierten Banken hoch, doch die Zentralregierung besitzt noch immer erhebliche Schlagkraft, die unangenehme Rezession abzufedern: hohe Reserven genauso wie hohe Realzinsen. Zudem zeichnet sich zumindest für die Großstädte eine gewisse Erholung ab und die Transaktionen verbessern sich ebenfalls.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass die politischen Eliten die Abkühlung des Wachstums gefördert haben, um

  1. die massiv anwachsende Verschuldung zu verringern
  2. die Wirtschaft auf ein konsumorientiertes Wachstumsmodell auszurichten
  3. die riesigen Staatsbetriebe zu reformieren
  4. die Korruption einzudämmen

Dass sich dies kurz- und mittelfristig negativ auf das Wachstum Chinas und auch seiner Handelspartner auswirkt, liegt auf der Hand: Denn die traditionell exportorientierte Industrie dürfte die umfangreiche staatliche Unterstützung verlieren.

Wir blicken auf den dramatischen Verfall der Rohstoffpreise: Über China gäbe es noch viel mehr zu sagen, um unsere Haltung zu rechtfertigen – dies ginge jedoch weit über den Rahmen dieses Quickview hinaus.

Asien ohne China

Weitere Länder, die die Schlagzeilen bestimmt haben, sind Indien, Indonesien, Malaysia und Thailand.

  • Für Indien bleiben wir insgesamt optimistisch; wir glauben, dass die Reformbemühungen bei Bürokratie, Wirtschaftswachstum und Korruptionsbekämpfung früher oder später Ergebnisse bringen werden.
  • Die indonesische Führung hat bei ihren strukturellen Reformen allerdings nachgelassenen und es fehlt an tatsächlichem politischem Rückhalt.
  • Obwohl die Fundamentaldaten in Malaysia angemessen sind, hat das Land mit einer politischen Krise zu kämpfen: Der Premierminister ist in einen Schmiergeldskandal verstrickt, was die Lage insgesamt destabilisiert.
  • Thailands Führung scheint sich nach dem Staatsstreich vom letzten Jahr nicht auf die Wirtschaft zu konzentrieren; vielmehr scheint man damit beschäftigt, die Macht zu festigen und sich national wie international um Legitimation zu bemühen.
  • Bleiben noch die Industriestaaten Singapur, Hongkong, Südkorea und Taiwan. In allen vier Ländern kühlt nach dem starken Wachstumsjahr 2013 die Konjunktur ab: Mit dem schwachen Welthandel und der Abschwächung Chinas dürften die Volkswirtschaften bis 2016 weiter an Fahrt verlieren.

Positive Signale

Für alle asiatischen Volkswirtschaften außer Malaysia lässt sich festhalten: Nachgebende Währungen und dramatisch verfallende Energie- und Rohstoffpreise sind grundsätzlich als positive Signale zu werten.

Denn Asien ist das Fertigungszentrum der Welt, und die in dieser Region produzierten Güter und Dienstleistungen werden günstiger, wenn die Herstellungskosten sinken – und sie lassen sich somit auch billiger exportieren.

Für uns deuten diese Rahmenbedingungen darauf hin, dass die asiatischen Volkswirtschaften über genügend Spielraum verfügen und keine größeren konjunkturellen Dämpfer zu erwarten haben: Denn schließlich sollten sich geringere Kosten positiv auf die jeweiligen Leistungsbilanzen auswirken.

Bewertungen

In puncto Bewertungen ergeben sich erste attraktive Chancen. Wenn sich die Abschwächung fortsetzt, rechnen wir auf kurze Sicht mit noch besseren Möglichkeiten für den Einstieg. Daher warten wir vorläufig ab.

Volatilität

Abschließend rechnen wir mit höherer Volatilität; gleichzeitig nehmen wir an, dass die heftigen Ausschläge der vergangenen Wochen kurz vor ihrem Ende stehen. Auch von dieser Position sind kurzfristig bessere Eintrittspunkte absehbar.

Insgesamt sind Asiens makroökonomische Fundamentaldaten mittelfristig nach wie vor gut. Wir erwarten, dass das Wachstum stärker als in Europa, den USA und Japan ausfallen wird.

Allerdings sind Verschuldung und Defizitquoten höher als in den meisten Ländern. Zugleich verzeichneten die meisten asiatischen Länder durch den wettbewerbsfähigen Export Leistungsbilanzüberschüsse.

Was heißt das für Anleger?

Anleger haben mehrere Möglichkeiten, Anlagechancen in Asien zu nutzen: am einfachsten über Aktien, Anleihen und Währungen.

Allerdings kann man bei wachstumsorientierten Anlageklassen – Aktien und Währungen – augenblicklich kaum zuversichtlich sein.

Im Gegenzug dürften Anleihen davon profitieren, dass politische Entscheidungsträger (ob nun Politiker oder Vertreter der Zentralbanken oder beide zusammen) versuchen, über Wirtschaftsreformen, Zinssenkungen und Regulierungsmaßnahmen das regionale Wachstum anzukurbeln.

Daraus leiten wir ab, dass asiatische Staaten wahrscheinlich eine höhere Kreditwürdigkeit erreichen oder ihre Zinsen senken – beides ist positiv für Anleihen.

Da die Renditen in Asien allgemein deutlich höher sind als in westlichen Ländern, können sich Anleger attraktive Renditechancen in ihre Portfolios holen. Ebenfalls willkommen ist die sehr wahrscheinliche Chance auf Kapitalgewinne: Diese dürften sich einstellen, wenn durch politische Maßnahmen die Renditen sinken – und vor dem Hintergrund des weltweiten Renditehungers.

Im asiatischen Anleihenuniversum bieten Staatsanleihen die besten risikobereinigten Ertragsaussichten; bevor wir Unternehmensanleihen als attraktiv einschätzten, muss sich erst eine Korrektur einstellen.

Zusammengefasst glauben wir, dass es später dieses Jahr bessere Gelegenheiten zum Einstieg geben wird; Geduld haben und nicht zu durchschnittlich guten Kursen einsteigen, kann sich in den kommenden Monaten auszahlen und attraktive Erträge für Anleihen bringen.

 

*Zum Zeitpunkt der Redaktion hat die chinesische Zentralbank mit sofortiger Wirkung ihren Leitzins für Ausleihungen mit einjähriger Laufzeit um 25 Basispunkte (Bp.) auf 4,6 % gesenkt; auch den einjährigen Referenz-Sparzinssatz hat sie um 25 Bp. auf 1,75 % abgesenkt. Zudem kündigte die Zentralbank an, zum 6. September 2015 den Mindestreservesatz um 50 Bp. zu senken.