EU Referendum

„Kein Risiko“ sagen Anleger, Unsicherheiten werden schnell eingepreist, sagt der Markt

Deutliche Rücksetzer am Markt waren die erste Reaktion auf die Entscheidung der Briten. Wir meinen allerdings: Anleger sollten wegen der zu erwartenden Berg- und Talfahrt heute nicht überreagieren. Aktien ohne Schwerpunkt im britischen Inlandsmarkt dürften ein probates Mittel sein, um in den unsicheren Marktbedingungen obenauf zu bleiben.

24.06.2016

Rory Bateman

Rory Bateman

Head of UK & European Equities

Es gibt eine Vielzahl von Fragen und Verwerfungen, die sich unmöglich alle hier aufzählen lassen. Deshalb konzentrieren wir uns auf zehn wesentliche Punkte, die heute für Anleger zählen.

1. Haben „Remain“-Wähler Angst vor Risikopapieren?

Viele Anleger aus dem EU-freundlichen Lager sehen große wirtschaftliche Unsicherheiten, die sich durch einen Brexit ergeben. Nun hat sich eine Mehrheit der Briten entschieden, die EU zu verlassen. Möglicherweise schätzen die Anhänger des unterlegenen Lagers die Lage als unsicher ein und fürchten, dass die Risiken für die britische Wirtschaft zu groß sein könnten – und trennen sich von ihren Aktien.

Wie umfangreich diese Verkäufe ausfallen, wird sich unmittelbar auf die Marktreaktion in den nächsten Tagen und Wochen auswirken. Wir sehen die Gefahr, dass die negative Stimmung eine Eigendynamik entwickelt und zu einer mehr als deutlichen Marktkorrektur führen wird. Allerdings haben sich Aktien im Vorfeld des Referendums einigermaßen schwach entwickelt und die negative Marktstimmung dürfte zum Teil schon eingepreist sein.

2. Der britische Aktienmarkt tendiert nach unten: Kurzfristig oder fundamentale Neubewertung?

Die Unternehmen des FTSE 100 Index erwirtschaften ihre Gewinne zu 78 % außerhalb Großbritanniens. Und durch den deutlicheren Effekt einer schwächeren britischen Währung dürften sich die negativen Auswirkungen auf die Gewinne in Grenzen halten – trotz der allgemein erwarteten Dämpfer für die britische Wirtschaft.

Mittelgroße britische Unternehmen im FTSE 250 Index entwickelten sich dieses Jahr rund 3 % schlechter als die im FTSE 100 vertretenen Werte. Damit zeigt sich, dass die eher binnenwirtschaftlich orientierten mittelgroßen Unternehmen bereits die erwartete Schwäche der britischen Wirtschaft zu spüren bekommen. Und diese Tendenz dürfte sich mit dem heutigen Ergebnis noch verstärken. Langfristig orientierte Anleger sollten möglicherweise auf die deutlichen Preiskorrekturen reagieren, die auch durch geringe Liquidität entstehen.

3. Insgesamt könnten sich Chancen ergeben, und Unternehmen mit weltweitem Fokus könnten sich überdurchschnittlich entwickeln.

Die relativen Verhältnisse von europäischen Aktien zu US-Titeln befindet sich auf Allzeit-Tiefs, in lokaler Währung wie auch in US-Dollar. Dass Europa seit dem Ende der Finanzkrise deutlich hinter den Vereinigten Staaten zurückgeblieben ist, erklärt sich im Wesentlichen durch die unterschiedliche Gewinnsituation für die Unternehmen. Die ganz aktuellen Unterschiede ergeben sich vor allem jedoch durch die Bedenken über die Zukunft der Europäischen Union.

Zu einem gewissen Punkt sehen wir überzeugende Chancen und einiges Wertpotenzial bei europäischen Aktien, denn der Markt hat offenbar schon ein vom Brexit befeuertes Worst-Case-Szenario eingepreist. Zeiten von Marktstress fallen häufig mit fast willkürlichen Verkäufen zusammen. In diesem Umfeld dürften global ausgerichtete Konzerne mit Engagements außerhalb der EU das deutlichste Aufwärtspotenzial bieten.

4. Andere Aktienmärkte drohen sich anzustecken, besonders an der europäischen Peripher…

Großbritannien ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union, der Anteil am gesamten EU-Bruttoinlandsprodukt liegt bei 16 %. Ohne Großbritannien können sich die Veränderungen signifikant auf die restlichen Staaten auswirken. Gerade in Staaten am Rande Europas könnten sich die Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen erhöhen, da die Märkte eine weitere Zersplitterung der Union fürchten.

5. Die Unsicherheiten könnten die US-Notenbank dazu bringen, Zinsschritte zu verschieben.

Nicht unwahrscheinlich ist, dass der Brexit zu einer Aufwertung des US-Dollar führt, denn die Währung gilt als sicherer Hafen. Außerdem könnte sich dies auf niedrigere Rohstoffpreise durchschlagen und damit weitere Schritte der US-Notenbank Fed überflüssig machen: Denn ein stärkerer Dollar wirkt an sich schon restriktiv.

Außerdem: Die Bergbauindustrie und Rohstoffe machen einen wesentlichen Teil im FTSE 100 Index aus – und im skizzierten Umfeld könnte dies den Index unter Abwärtsdruck setzen.

6. David Cameron tritt als Chef der Konservativen zurück.

David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt. Innerparteilicher Aufruhr könnte für zusätzliche politische Instabilität sorgen sowie zu erhöhten Risiken und damit schlechteren Bewertungen bei britischen Aktien.

In aller Regel funktionieren die Märkte auch in Phasen politischer Verwerfungen weiter. Doch fehlen die politische Einheit und ein Führungsanspruch, kann dies zu Marktunsicherheiten führen, wie wir sie zuletzt in Spanien gesehen haben.

7. Wird die EU ein Freihandelsabkommen dulden, ohne dass für ihre Bürger auch Freizügigkeit besteht?

Es scheint fast, als hätte Brüssel keinen „Plan B“ für das Abstimmungsergebnis in der Schublade. So könnte die EU bald die Position einnehmen, dass ein Freihandelsabkommen ohne Freizügigkeit für Unionsbürger nicht zu akzeptieren ist.

Dennoch dürfte Großbritannien diese Freizügigkeit nicht akzeptieren – zumal die Einwanderungsdebatte ein zentraler Baustein der „Leave“-Kampagne war. Auf der Produktionsseite dürften Zollvereinbarungen über die Welthandelsorganisation vereinbart werden und sich konkret beziffern lassen – beispielsweise mit 10 % für die Automobilindustrie usw. Wo immer dies möglich ist, dürfte der Markt die veränderte Zollsituation einpreisen.

8. Der Dienstleistungssektor dürfte unter Druck geraten, wenn Großbritannien den europäischen Binnenmarkt verlässt.

In ganz Europa dürfte von Unternehmensseite Druck ausgeübt werden, um das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien möglichst reibungslos aufrechtzuerhalten – denn die Vorteile liegen für beide Seiten auf der Hand. Zugleich bleibt die Frage der Freizügigkeit die Krux.

Im Finanzsektor wird sich ein enormes Problem stellen, grenzübergreifende Dienstleistungen zwischen Europa und Großbritannien anbieten zu können, wenn der EU-Binnenmarkt nicht mehr in seiner gegenwärtigen Form bestehen wird: Schließlich lag der Überschuss für britische Finanzdienstleister und Versicherungen im Jahr 2014 bei ganzen 20 Milliarden Pfund. Damit steht die Frage im Raum, ob möglicherweise viele Unternehmen ihre Geschäftsbereiche teilweise von Großbritannien in die EU verlegen, um im Fall von Beschränkungen möglichst wenig Marktanteile zu verlieren.

9. Artikel 50 des Vertrages von Lissabon: Dieser könnte die Unsicherheit deutlich verkürzen.

Sich auf Artikel 50 des Lissabon-Vertrages zu berufen, heißt schlicht, dass Großbritannien zwei Jahre Zeit bleibt, um die Union zu verlassen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass zu dieser Frist beispielsweise auch alle Handelsabkommen ausverhandelt sein werden. Schließlich besteht die EU nunmehr aus 27 Mitgliedsstaaten, die teils nur eine einfache Mehrheit bilden müssen, um Vorlagen in die Gesetzgebung einzubringen. Teils müssen die Staaten auch einstimmig entscheiden – beispielsweise, wenn es um die Frage einer Verlängerung der Zwei-Jahres-Frist geht.

Mit der Erfahrung aus früheren Verhandlungen erscheint uns mehr als unwahrscheinlich, neue Handelsabkommen in einer so kurzen Zeit zu vereinbaren. Ist die Frist zum Austritt abgelaufen, treten automatisch standardmäßige Abkommen der Welthandelsorganisation inkraft.

Dies ist allerdings ein Präzedenzfall, sodass die Unsicherheit und auch die höheren Risikoprämien auf Aktien noch länger bestehen dürften. Außerdem sollte man eines nicht vergessen: Großbritannien hat extrem wenig Erfahrung bei Handelsvereinbarungen – denn die letzten Jahrzehnte hat immer die Europäische Union im Namen von Großbritannien verhandelt.

10. International ausgerichtete Unternehmen dürften vom abgewerteten Pfund profitieren.

Unternehmen, die ihre Gewinne vor allem außerhalb Großbritanniens machen, dürften besonders von der höheren Wettbewerbsfähigkeit eines schwächeren Pfunds profitieren können: Darunter die Basiskonsumgüter genauso wie Investitionsgüter, Pharma oder Software.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Rory Bateman und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.