Märkte

Nach Rousseff braucht Brasilien Reformen

Nach der Amtsenthebung von Dilma Rousseff muss Brasilien sich endgültig auf Reformkurs begeben.

02.09.2016

Craig Botham

Craig Botham

Schwellenländervolkswirt

Das Ergebnis des Amtsenthebungsverfahrens gegen die (ehemalige) Präsidentin entspricht den allgemeinen Erwartungen. Was für brasilianische Aktien und Vermögenswerte nun besonders zählt? Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie dringend nötige Reformen.

Größer als erwartet fiel die Mehrheit aus, mit dem der brasilianische Senat die Amtsenthebung von Dilma Rousseff beschlossen hat – und die schon seit Mai ihre Amtsgeschäfte ruhen lassen musste. Als Präsident folgt ihr Michel Temer nach, der bereits kommissarisch an der Spitze des Staates stand.

Das Ergebnis der Senatsabstimmung hatte sich bereits im Vorfeld überdeutlich abgezeichnet, daher erscheint es unwahrscheinlich, dass es zu einer Rallye bei brasilianischen Wertpapieren kommen wird. Falls sich die Märkte doch bewegen sollten, dürfte dies lediglich als kurzfristige Reaktion zu verstehen sein. Wovon die Aussichten für brasilianische Titel insbesondere abhängen: Vom gesamtwirtschaftlichen Umfeld genauso wie von der dringend notwendigen Reformkraft für die Regierung Temer.

Brasilianische Wirtschaft auf dem Weg der Besserung

Betrachtet man die Ende August veröffentlichten Wachstumszahlen, so setzt sich die längste Rezession des Amazonasstaates seit den 1930er Jahren weiter fort. Dennoch: Die Zeichen mehren sich, dass Brasilien sich wieder auf dem Wege der Besserung befindet. Was spricht für diese Annahme? Der private Sektor scheint sich zu erholen, die Investitionstätigkeit dreht ins Positive und auch der Verbrauch privater Haushalte erscheint nicht mehr so stark rückläufig.

Dass die Investoren zurückkehren, gründet sich vor allem auf die wirtschaftliche Zuversicht in einer Zukunft ohne Rousseff und auf den politischen Reformwillen unter Michel Temer. 

Reformstärke und Reformfortschritt entscheiden

Aus unserer Sicht gibt es einige Risiken, die sich vor allem auch auf Präsident Temer konzentrieren: Seine Regierung und der Präsident selbst stehen immer noch in engem Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras, der sich zwischenzeitlich auf den mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen Energiekonzern Eletrobras ausgeweitet hat. Über diese Verbindung könnte die Regierung Temer ähnlich wie ihre Vorgängerin stolpern – was wiederum die Reformstärke beeinträchtigen würde.

Zusätzlich zu den möglichen Problemen erscheinen einige Reformansätze bereits jetzt schon wieder verwässert: Dies mag teils wahltaktisches Kalkül vor den Lokalwahlen im Oktober sein – dennoch halten wir es für sinnvoll, wenn Anleger hierauf ein besonderes Augenmerk legen. In welche Richtung sich die Dinge entwickeln werden, zeigt aus unserer Sicht deutlich den tatsächlichen Reformwillen der neuen Regierung.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Craig Botham, Volkswirt Schwellenländer, und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.