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Antibiotika-Resistenz: Folgen für Anleger, vom Agrar- bis zum Pharmasektor

Die sich ausbreitende Resistenz von Bakterien gegen herkömmliche Antibiotika ist eines der bedeutendsten Probleme der modernen Medizin. Die Kosten und der Nutzen im weiteren Sinne werden jedoch noch nicht ganz verstanden.

13.09.2017

Seema Suchak

Seema Suchak

ESG Analyst

Die Folgen medikamentenresistenter Infektionen sind potenziell enorm. Führende Ökonomen schätzen, dass die Resistenz bis 2050 zehn Millionen Todesopfer pro Jahr fordern und Kosten in Höhe von 100 Billionen US-Dollar verursachen könnte, sollte nichts dagegen unternommen werden.

Dessen ungeachtet berücksichtigen weder die Lebensmittel- und Pharmabranche noch Investoren vollständig die damit verbundenen Auswirkungen und Chancen.

Die Tatsache, dass immer mehr Bakterien trotz Antibiotika überleben können, bereitet den Ärzten zunehmend Schwierigkeiten bei der Behandlung infizierter Patienten. Beschleunigt wurde die Ausbreitung der Antibiotika-Resistenz durch den unsachgemäßen und übermäßigen Einsatz von Antibiotika bei Menschen und Tieren.

So erkranken jedes Jahr weltweit 480.000 Menschen an multiresistenter Tuberkulose, und 2016 wurde berichtet, dass Bakterien eine Resistenz gegen das Reserveantibiotikum Colistin entwickelt haben.

Die Antibiotika-Resistenz könnte den Wert von Branchen beeinträchtigen, die mit konventionellen Antibiotika zu tun haben, da die Gesetzgeber gegen ihre übermäßige Verwendung und Verfügbarkeit vorgehen. An dieser Stelle möchten wir einen kurzen Blick auf die Auswirkungen für die Gesundheits- und Lebensmittelbranche werfen und auf potenzielle Risiken und Chancen hinweisen.

Auswirkungen auf die Gesundheitsbranche

Der Gesundheitssektor trägt zwar keine Schuld an der Antibiotika-Resistenz, aber er liefert Antibiotika für Menschen und Tiere und wird sich darauf einstellen müssen, dass das Wachstum dieses Produktbereichs letzten Endes begrenzt sein dürfte.

Auch wenn der Zugang zu Antibiotika in den Schwellenländern zunimmt, was höhere Umsätze verspricht, sind diesem Wachstum unserer Ansicht nach Grenzen gesetzt, und es herrscht eine strenge Kostenkontrolle.

Unseren Erkenntnissen zufolge werden etablierte Antibiotika-Hersteller – vor allem Zulieferer der Agrarbranche – mit den größten Hemmnissen konfrontiert sein.

Chancen bieten sich hingegen für innovative Pharmaunternehmen, die sich von der Erfindung neuartiger Antibiotika – was bereits eine wissenschaftliche Herausforderung darstellt – finanzielle Gewinne versprechen können, aber wahrscheinlich strengeren Vermarktungsbeschränkungen unterliegen werden.

Am meisten dürften unserer Ansicht nach Unternehmen profitieren, die entweder Alternativen zu Antibiotika (wie beispielsweise Impfstoffe und Probiotika) oder periphere Dienstleistungen (wie diagnostische Tests für Infektionen und Reinigungsdienste – angesichts der Bedeutung der Hygiene bei der Ausbreitung einer Infektion) anbieten.

Chan

Quelle: Schroders.

Auswirkungen auf die Lebensmittelbranche

Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Rolle der Agrar- und Lebensmittelbranche beim Problem der antimikrobiellen Resistenz, der zunehmende regulatorische Druck und die erhöhte Wachsamkeit der Verbraucher Auswirkungen auf die Unternehmenspolitik haben werden.

Zu den vermutlich am stärksten betroffenen Branchen gehören Lebensmittelhersteller, die auf Antibiotika zur Kontrolle von Infektionen angewiesen sind, da ihnen Zusatzkosten für die Modernisierung der landwirtschaftlichen Praktiken entstehen könnten.

Unternehmen, die Zusatzstoffe für Tierfutter herstellen, sind hingegen gut aufgestellt, da sie die Gelegenheit zur Innovation und Erweiterung des Nährstoffangebots nutzen, um so die Abhängigkeit von Antibiotika zu verringern.

Einzelhändler und Restaurants sind ebenfalls vom zunehmenden Verbraucherbewusstsein betroffen, und viele davon haben bereits strengere Regeln für die Lieferkette zur Verringerung des Einsatzes von Antibiotika eingeführt.

So engagiert sich Schroders für einen verantwortungsbewussten Einsatz von Antibiotika

Angesichts der erheblichen branchenübergreifenden Folgen für die Anleger versuchten wir, uns ein Bild darüber zu machen, wie Unternehmen die Risiken und Chancen der Antibiotika-Resistenz angehen und behandeln, und fordern zur Offenlegung weiterer Daten auf, damit wir die Folgen in unseren Modellen bewerten können. Dies ist von entscheidender Bedeutung: Die Bedrohung durch die Resistenz wird von sieben der zehn Unternehmen mit dem größten Antibiotika-Umsatz in den USA noch nicht als Risiko wahrgenommen.

Unsere Fragen an Gesundheitsunternehmen im Rahmen unseres Engagements konzentrieren sich auf:

  • Produktbereiche, die von der Antibiotika-Resistenzentwicklung betroffen sind
  • Umbrüche bei Umsatz, Marketing und Preisgestaltung
  • F&E-Ansatz
  • Interne Kenntnisse der aktuellen politischen Entwicklungen
  • Auswirkungen des O’Neill1-Berichts auf die Risikodiskussion
  • Bewertung der Nebenwirkungen der Antibiotika-Resistenz auf die Nachfrage nach anderen Therapien, Geräten oder Behandlungen, für die Antibiotika benötigt werden

Wir unterstützten außerdem Initiativen für ein gemeinsames Engagement bei Lebensmittelunternehmen in der Antibiotika-Lieferkette unter der Leitung des gemeinnützigen Programms Business Benchmark on Farm Animal Welfare (BBFAW).

In diesem Jahr wurden Aktionärsanträge zum Thema Antibiotika-Resistenz erstmals auf Jahreshauptversammlungen von Lebensmittelunternehmen zur Abstimmung gestellt. Darin werden Fristen für die Abschaffung der nichttherapeutischen Verwendung von Antibiotika in den Fleischlieferketten gefordert.

Wir stimmten bei Sanderson Farms für, bei McDonald’s hingegen gegen einen entsprechenden Antrag, da sich das letztere Unternehmen bereits zum schrittweisen Verzicht auf Antibiotika verpflichtet hat.

 



1 Lord Jim O’Neill ist ein britischer Ökonom, der die weltweiten Folgen von Antibiotikaresistenzen analysiert.