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Der VW-Abgas-Skandal und die Auswirkungen auf die Automobilindustrie

VW entsteht ein massiver Imageschaden, doch auf die Branche insgesamt dürfte sich der Skandal nur begrenzt auswirken.

24.09.2015

Scott MacLennan

Was ist passiert?

Am Wochenende wurde bekannt gegeben, dass die US-Umweltbehörde (Environmental Protection Agency, EPA) VW beschuldigt, gegen das Klimaschutzgesetz „Clean Air Act“ verstoßen zu haben. So habe VW mehrere Diesel-Motoren mit einer Software ausgestattet, die bei Tests in den Jahren 2009–2015 die Messung des Schadstoffausstoßes manipulierte. VW bekannte sich anschließend zu den Manipulationsvorwürfen, von denen 11 Millionen Fahrzeuge betroffen sein könnten. Der Autobauer kündigte gleichzeitig Rückstellungen für Schadensersatzzahlungen in Höhe von 6,5 Mrd. EUR an.

Bei der eingesetzten Software handelt es sich offenbar um ein ausgeklügeltes Instrument zur Umgehung der EPA-Vorschriften, das in verschiedenen Fahrzeugtypen von VW eingesetzt wurde.

Welche Folgen hat der Skandal für die VW-Aktie?

Die Reaktion am Aktienmarkt erfolgte schnell und deutlich: Die Aktie von VW büßte innerhalb von zwei Tagen rund 35 % ihrer Marktkapitalisierung ein. Noch ist es dem Markt nicht möglich, die Kosten für Rückrufe und Strafzahlungen, die in naher Zukunft anfallen werden, zu quantifizieren. Auch die langfristigen Folgen für die Marke VW können noch nicht genau abgeschätzt werden. Die Anleger können sich an ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit orientieren, doch exakte Vorhersagen sind nahezu unmöglich. Somit wurde an den Märkten bereits kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe ein Worst-Case-Szenario für Strafzahlungen eingepreist.

Darüber hinaus befürchten die Anleger Kosten für mögliche Sammelklagen, erhöhte Ausgaben für Forschung und Entwicklung, um die Abgasvorschriften künftig einhalten zu können und negative Auswirkungen auf das Image des VW-Konzerns. Die Konsequenzen sind also weitreichend und komplex. Leider kommt es in der Automobilindustrie immer wieder zu Rechtsverstößen, die einen langen Schatten auf die Aktienkursentwicklung der Branche werfen. Die Beispiele Toyota und Porsche zeigen, dass die niedrigere Wertentwicklung gegenüber dem Markt nicht nur einige Tage, sondern einige Jahre anhält. Schließlich lassen sich Rechtsstreitigkeiten nicht innerhalb einiger Tage lösen, sondern ziehen sich über mehrere Jahre hin.

Von den kurzfristigen finanziellen Folgen einmal abgesehen, offenbart der weit verbreitete Einsatz dieser illegalen Software im gesamten VW-Konzern zudem eine äußerst schwache Corporate Governance. Ein solch grundlegendes Problem lässt sich nicht von heute auf morgen beheben und man stellt sich die Frage, ob noch weitere Probleme ans Tageslicht gefördert werden.

Welche Folgen ergeben sich für die Automobilindustrie?

In den vergangenen Tagen blieb die gesamte Automobilbranche hinter dem Markt zurück. Die Anlegersorgen richten sich hierbei vor allem auf ein Übergreifen des Skandals auf den europäischen Markt, die Zukunft von Dieselautos und den Fahrzeugabsatz allgemein.

So mancher spricht nun von einem „Todesurteil“ für den Dieselmotor in den USA. Es gilt allerdings zu berücksichtigen, dass Dieselfahrzeuge lediglich ca. 1 % des US-Marktes ausmachen. Die Auswirkungen auf den Diesel-Markt außerhalb der USA gestalten sich weitaus komplexer, da hier verschiedene regulatorische Vorschriften gelten und die Erstausrüster als Arbeitgeber in den europäischen Ländern eine wichtige Rolle spielen. Da allerdings damit zu rechnen ist, dass die Abgasvorschriften in Europa verschärft werden, werden Dieselfahrzeuge sowohl für Verbraucher als auch für Hersteller zunehmend unrentabel.

Wie bereits erwähnt, sind solche Skandale leider keine Neuheit in der Automobilindustrie, daher glauben wir, dass sich die langfristigen Folgen für Absatz und Nachfrage in Grenzen halten werden.

Scott MacLennan, Analyst, European & UK Equities


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Scott MacLennan und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.