Marktausblick

Monatlicher Marktausblick: Juli 2016

Dominoeffekt auf die Gesamtwirtschaft durch den Brexit? Den sieht das volkswirtschaftliche Team weniger in den Schwellenländern, und auch für den Rest der Welt sollten die Folgen überschaubar bleiben. Allerdings gilt das alles nicht für Großbritannien: Hier erfolgt eine deutliche Korrektur nach unten.

14.07.2016

Azad Zangana

Azad Zangana

Volkswirt

Craig Botham

Craig Botham

Schwellenländervolkswirt

Keith Wade

Keith Wade

Chefvolkswirt

Zusammenfassung:

  • Indem Großbritannien für einen Austritt aus der EU stimmte, hat sich das Land möglicherweise einen Bärendienst erwiesen. Mit einem Anteil von knapp 4 % am weltweiten Bruttoinlandsprodukt ist es allerdings nicht bedeutend genug, um die Weltwirtschaft zum Entgleisen zu bringen. Die politischen Risiken jedoch nahmen zu; und die Erfahrungen mit Großbritannien könnten sich an anderer Stelle wiederholen: Gestärkt durch die soziale Ungleichheit sind die    
    Populisten auf dem Vormarsch.
  • Wir korrigierten unsere Einschätzung des britischen Wachstums deutlich nach unten und revidierten die Inflationsprognose nach oben, da das britische Pfund abrutscht. Die Bank of England wird wahrscheinlich die Zinssätze senken und in der Folge die finanzpolitischen Unterstützungsmaßnahmen reduzieren. Auch die Prognose für die Eurozone wurde angepasst, wenn auch nicht in gleichem Maße wie die britischen Zahlen.
  • Für die Schwellenländer stellt der Brexit keine große Gefahr dar, da die direkten Verbindungen zu Großbritannien begrenzt sind. Eine weiter reichende europäische Krise wäre hingegen ein Problem, allerdings ist das nicht unser Basisszenario.

Brexit 1:0 für Populisten gegen Ökokomen

Makroökonomische Auswirkungen: Ein Dominoeffekt?

Obwohl die Gefahr besteht, dass der Brexit zu einem Dominoeffekt führt, bei dem andere EU-Länder Referenden über ihre Mitgliedschaft abhalten, glauben wir aus zwei Gründen nicht, dass ein Auseinanderbrechen der EU wahrscheinlich ist. Erstens erwarten wir, dass die EU als Reaktion auf den Brexit enger zusammenrücken wird. Insbesondere Deutschland und die Kernländer dürften gegenüber den Peripherie-Ländern entgegenkommender werden. Zweitens wäre vermutlich kein Regierungschef der großen Volksparteien bereit, zu einem solch komplexen Thema ein Referendum mit einfacher Mehrheit durchzuwinken. Großbritannien musste sein Lehrgeld bezahlen und alle anderen werden das zur Kenntnis nehmen.

Märkte und Währungspolitik: Die Zentralbanken greifen (wieder) ein

Wir gehen jetzt davon aus, dass die Bank of England aufgrund der Konjunkturabschwächung im August die Zinssätze senken und auch die Europäische Zentralbank den Leitzins nach unten korrigieren wird. Die US-amerikanische Notenbank Fed hingegen dürfte aller Voraussicht nach im September einer Zinsanhebung ausweichen, weshalb wir jetzt die nächste Anhebung im Dezember erwarten und das Profil für 2017 entsprechend gesenkt haben.

Die aktuellen Marktturbulenzen könnten weiter andauern, es ist allerdings festzuhalten, dass unseres Erachtens die Voraussetzungen für eine Systemkrise wie diejenige, die im Jahr 2008 zum Fall des gesamten Finanzsystems führte, nicht gegeben sind. Käme es nicht zu Verlusten, so wäre das sehr überraschend, bei den Opfern dürfte es sich vor dem Hintergrund der Verschärfung der Regulierungsmaßnahmen rund um Risikoaktivitäten allerdings nicht um Banken und Handelsabteilungen handeln.

Gesamtwirtschaftliche Folgewirkungen: Das Risiko extremer Ereignisse steigt 

Die wesentlichen Auswirkungen des Brexit wird Großbritannien zu spüren bekommen, wo wir unsere Wachstumsprognose für 2017 auf 0,8 % gesenkt haben. Infolge der schwächeren Nachfrage vonseiten eines ihrer größten Handelspartner korrigierten wir auch die Prognose für den Euroraum nach unten. Aufgrund der Größe Großbritanniens in der Weltwirtschaft sind die Gesamtauswirkungen auf den weltweiten Handel jedoch eher gering. Wir haben in unserer vorläufigen Nach-Brexit-Prognose unseren Ausblick für das weltweite Wachstum im Jahr 2017 von 2,7 % auf 2,6 % herabgesetzt. Darüber hinaus haben wir unsere Inflationsprognosen von 2,4 % auf 2,5 % leicht heraufgesetzt, obgleich sich uns hier ein gemischteres Bild zeigt, das die Währungsschwankungen widerspiegelt.

Durch die Entscheidung Großbritanniens steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit etlicher weiterer politischer Szenarien. So sind die Wähler über die soziale Ungleichheit verärgert, weshalb es in der Folge populistischere Regierungen geben wird und auch die Wirtschaftspolitiken in verstärktem Maße populistisch geprägt sein werden. Da die Vorteile der Globalisierung ins Gegenteil verkehrt werden, wird währenddessen die Konjunktur schwach bleiben und die Inflation steigen. Es ist zu erwarten, dass, sobald den Wählern klar wird, dass sie betrogen wurden, die Unzufriedenheit weiter schwelen wird. Das ist mit der Gefahr verbunden, dass verzweifelte Regierungen versuchen werden, sich soziale Stabilität durch höhere Ausgaben zu erkaufen und mit großer Wahrscheinlichkeit zur Finanzierung dessen Geld drucken werden.

Wenn es wirklich zum Brexit kommt, droht eine Stagflation

Konsequenzen für Großbritannien

Wir haben vor dem Hintergrund der geringeren Inflationsdynamik und der niedrigeren Ausgaben der privaten Haushalte unser prognostiziertes BIP-Wachstum für 2016 von 1,9 % auf 1,6 % und für 2017 von 1,6 % auf 0,8 % nach unten korrigiert. Zudem dürften durch die Abwertung des britischen Pfund die Importpreise und in der Folge die Gesamtinflation steigen, die wir für 2016 von 1,2 % auf 0,8 % und für 2017 von 1,8 % auf 2,5 % revidiert haben. Wir gehen über die Versorgung der Märkte mit Liquidität durch die Zentralbanken hinaus davon aus, dass die Bank of England im August die Zinssätze um 0,25 % senken wird und wir auch mit finanzpolitischen Unterstützungsmaßnahmen rechnen können.

Langfristiger Ausblick äußerst ungewiss

Auf lange Sicht hängen die Auswirkungen auf die Wirtschaft Großbritanniens davon ab, welchen Zugang zum Binnenmarkt die Briten wahren können, welche Auswirkungen die Regierungspolitik auf die Migrationsströme haben und welche Kosten die britische Regierung einsparen kann. Die meisten Untersuchungen skizzieren eine Reihe von Szenarien. Sie kommen zu dem Schluss, dass das wahrscheinlichste Ergebnis längerfristig ein niedrigeres potenzielles Wachstum wäre als bei einem Verbleib in der EU.

Weiterreichende Folgen

Ein Brexit verleiht den EU-feindlichen Strömungen in der gesamten Region Auftrieb, sodass die politische Ansteckung in Europa um sich greifen könnte. Die makroökomomischen Auswirkungen dürften sich jedoch in Grenzen halten. Wir haben aufgrund der geringeren Exportnachfrage Großbritanniens und des etwas reduzierten Investitionswachstums das prognostizierte BIP-Wachstum in der Eurozone für 2016 von 1,7 % auf 1,6% und für 2017 von 1,6 % auf 1,3 % nach unten korrigiert. Vor dem Hintergrund der Abwertung des Euro haben wir auch die Inflationsprognose nach oben revidiert (0,6 % für 2016 und 1,4% für 2017). Wir erwarten im September eine weitere Senkung der Zinssätze durch die EZB auf -0,5 % (Einlagezins) und gehen davon aus, dass diese ihre quantitativen Lockerungsmaßnahmen ausweiten oder verlängern wird,was auch die Nutzung von Geschäften in unbeschränktem Umfang, sogenannter Outright Monetary Transactions (OMT) einschließt.

Schwellenländer und Brexit: Grund zur Sorge?

Zwar scheint es eher unwahrscheinlich zu sein, dass die Volkswirtschaften der Schwellenländer die Auswirkungen der Brexit-Abstimmung Großbritanniens auch nur im entferntesten so stark zu spüren bekommen werden wie Großbritannien oder Europa, allerdings wären einige Kanäle denkbar, durch die sie von einem Brexit beeinträchtigt werden könnten.

Ein verlangsamtes Wachstum dürfte den Handel belasten

Da Großbritannien insgesamt kein wichtiger Handelspartner der Schwellenländer ist, sollte ein Szenario, in dem es in Folge eines Brexit zu geringerem Wachstum und nachlassender Nachfrage in Großbritannien allein kommt, kein allzu großes Problem darstellen. Sollte der Brexit jedoch dem Wachstum auf europäischer Ebene einen größeren Schlag versetzen, werden die Folgen schwerwiegender sein. Am stärksten davon betroffen sein werden die Volkswirtschaften Mittel-und Osteuropas, deren Exporte in die EU 66,3 % der Gesamtexporte aus der Region ausmachen. Asien und Lateinamerika dürften angesichts ihrer geringeren Handelsabhängigkeit von Europa eine gute Ausgangsposition haben.

Auch finanzielle Verbindungen stellen ein Risiko dar

Die Länder Mittel- und Osteuropas würden unter einer Verschlechterung der Freizügigkeit und einer damit einhergehenden Gefährdung von Geldtransfers leiden. Die erhöhte Unsicherheit könnte die Stabilität der grenzüberschreitenden Bankgeschäftsabläufe zwischen den Schwellenländern und Großbritannien und/oder Europa in Frage stellen. Südafrika und Malaysia wären dem Risiko, dass sich britische Banken gezwungen sehen, Kredite einzufrieren oder zu reduzieren bzw. von den Regulierungsbehörden aufgefordert werden, wie in der Finanzkrise Gelder zurückzuführen, besonders stark ausgesetzt. Betrachtet man die EU ohne Großbritannien, stellt man fest, dass vor allem die Länder Mittel- und Osteuropas und die Türkei von Bankforderungen betroffen sind. Lateinamerika scheint bezüglich dieser Maßnahme die am wenigsten gefährdete Region zu sein.

Ein weiterer indirekter Kanal für ein Übergreifen auf die Schwellenländer ist die Abhängigkeit von Auslandsfinanzierungen. Ausnahmsweise scheinen die Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas davon nicht allzu stark gefährdet zu sein, aber sowohl Südafrika als auch die Türkei gelten als Volkswirtschaften mit hohem Risiko. Im Gegensatz zu dem, was Handels- und Bankdaten vermuten lassen, sind die lateinamerikanischen Volkswirtschaften diesem Risiko ungleich stärker ausgesetzt.

Lateinamerika: Der Hafen der Schwellenländer mitten im Sturm

Insgesamt scheint die durch die Brexit-Abstimmung erzeugte Belastung für das Wachstum der Schwellenländer gering und grundsätzlich kontrollierbar zu sein. In einigen Volkswirtschaften ist das Wachstum gefährdet, jedoch werden sich die inflationären Auswirkungen in Grenzen halten, wodurch eine stützende Währungs- und Finanzpolitik ermöglicht wird. Dank verschiedener Handels- und Finanzverbindungen dürften die Volkswirtschaften der CEEMEA-Region (Zentral- und Osteuropa, Mittlerer Osten, Afrika) am stärksten betroffen sein. Asien und insbesondere Lateinamerika hingegen dürften recht isoliert sein, es sei denn, die Abstimmung ist Auslöser einer globaleren Krise. Als Anleger in Schwellenländern könnten wir durchaus in die seltsame Lage geraten, Lateinamerika als sicheren Hafen anzusehen. Es ist eine schöne neue Welt.


1 Es ist zu beachten, dass bei einer Wahlbeteiligung von 72,2 % lediglich 37,4 % der britischen Wähler für einen Austritt au der EU stimmten – einer der Gründe, warum in anderen Ländern wichtige Referenden häufig eine Zweidrittelmehrheit vorschreiben, um eine sogenannte „Tyrannei der Mehrheit“ zu verhindern. Siehe: http://www.ncsl.org/research/elections-and-campaigns/supermajority-vote-requirements.aspx.

2 Der Ankauf von Staatsanleihen der Eurozone im Sekundärmarkt durch die EZB

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen vom volkswirtschaftlichen Team von Schroders und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.

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