Märkte

Deutschland steht ein steiniger Weg bevor

Eine Postkarte aus Deutschland

14.10.2015

Keith Wade

Keith Wade

Chefvolkswirt

Unser Chefökonom Keith Wade reiste Mitte September nach Frankfurt und Berlin, um Gespräche mit hochrangigen Vertretern von EZB, Bundesbank, Finanz-, Wirtschafts- und Arbeitsministerium sowie einer Denkfabrik zu führen. Hier ist sein Fazit zu den zentralen Themen seiner Gespräche.

Die optimistische Einschätzung der deutschen Wirtschaft und eine gewisse Erleichterung, dass die Griechenlandkrise wieder unter Kontrolle ist, verliehen seiner kurz vor Bekanntwerden des Abgasskandals bei Volkswagen unternommenen Reise einen positiven Hintergrund. Die längerfristigen Aussichten für Deutschland scheinen allerdings schwach, auch wenn dies niemand offen aussprechen wollte.

Die Abkühlung in China und den Schwellenländern stellt eine große Herausforderung dar, wenn das Wachstumsmodell größtenteils auf einem Produktionssektor basiert, der ungemein vom Aufstieg Chinas und dem Wachstum der Schwellenmärkte profitiert hat.

Die langfristigen Haushaltsverpflichtungen Deutschlands steigen jedoch durch: (a) die Unterstützung für die Einwanderer, die der Wirtschaft auf kurze Sicht Auftrieb verleihen, sich langfristig jedoch als Belastung erweisen könnten, (b) die Eurozone, wegen der Garantien und der Vergemeinschaftung des Risikos im Bankensektor, ganz zu schweigen von Griechenland. Diese Herausforderungen kommen zum demografischen Defizit einer schrumpfenden erwerbstätigen Bevölkerung in den nächsten Jahren hinzu.

Es ist durchaus möglich, dass sich Deutschland gegenwärtig auf dem Zenit befindet und anschließend nur mühsam vorankommt, wenn es seine neuen Verpflichtungen erfüllen muss und einen ausgeglichenen Haushalt bewahren will.

Wirtschaft: kurzfristiger Optimismus bei Wachstum und Inflation

Bei meinen Gesprächen bestand weitestgehend Einigkeit, dass sich die deutsche Wirtschaft gut entwickelt und dieses und nächstes Jahr um 1,8 % wachsen dürfte. Keinesfalls überraschend wurde die Abkühlung in China als Wolke am Horizont wahrgenommen, die zu einer gewissen Abschwächung des Exportwachstums führen dürfte. Das wurde jedoch nicht als größeres Problem erachtet, da nur 6,5 % der deutschen Exporte (2,5 % des BIP) nach China gehen, d. h. ebenso viel wie in die Niederlande.

Die meisten Gesprächspartner stuften die Schwierigkeiten in China als vorübergehend ein und erwarten, dass die Stimulierungsmaßnahmen seitens der Regierung 2016 zu einer Belebung der Wirtschaft führen wird. In Deutschland kann die Schwäche Chinas durch eine bessere Nachfrage aus den europäischen Peripherieländern, in denen die Wirtschaft an Schwung gewinnt sowie die höheren öffentlichen Ausgaben für Flüchtlinge (siehe unten) kompensiert werden.

Attestiert wurde jedoch, dass sich die Auswirkungen der jüngsten Ereignisse in China noch nicht in den Daten niedergeschlagen hätten. Für viele Unternehmen ist China ein starker Absatzmarkt (so wird beispielsweise jeder dritte VW in China verkauft) und die breiteren Auswirkungen könnten durch die Finanzmärkte, vor allem durch den Euro, verstärkt werden.

Den Erwartungen zufolge wird der höhere handelsgewichtete Euro zusammen mit der jüngsten Verschärfung der Finanzbedingungen dafür sorgen, dass die Kernrate der Verbraucherpreisinflation im Euroraum nächstes Jahr um 0,2 % fällt und sich die Schließung der Produktionslücke bis zum Ende der Dekade (2019) hinauszögert. Die Abwärtsrisiken hätten zugenommen und durch diese Entwicklungen sei offenbar die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank (EZB) gestiegen, ihre quantitative Lockerung (QE) auszuweiten oder über September 2016 hinaus zu verlängern. Angesichts der fiskalpolitischen Grenzen bleibt die Geldpolitik die primäre Stimulierungsquelle.

Mit Blick auf Deutschland bestand eine gewisse Verwunderung über die nicht vorhandene Inflation infolge des im letzten Jahr schwächeren Euro. Die meisten Gesprächspartner meinten, dass die Produktionslücke geschlossen sei. Da die Wirtschaft weiter über Potenzial wächst, müsste die Inflation eigentlich steigen, was von den meisten begrüßt wurde. Niemand glaubte, dass die Inflation aus dem Ruder läuft. Denn die EZB habe die Inflationserwartungen erfolgreich bei 2% stabilisiert – so der Tenor.

Einwanderung

Der Zustrom von Einwanderern war für alle Gesprächspartner aus wirtschaftlicher Perspektive positiv, da er der Nachfrage Auftrieb gibt und das demografische Defizit abbaut. In diesem Jahr dürften erwartungsgemäß mindestens 800 Tsd. und in den nächsten vier Jahren insgesamt ca. 2 Mio. Migranten nach Deutschland kommen. Die Nettomigration liegt in Deutschland bereits bei 400 Tsd. p.a. Die neue Welle würde einen erheblichen Anstieg bedeuten. Das Aufnahmeverfahren für Flüchtlinge wird schätzungsweise fünf Monate dauern. Anschließend wird ihnen ein sechsmonatiger Deutschkurs angeboten, gegebenenfalls gefolgt von einer fachlichen Schulung, um sie für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Ersten Schätzungen zufolge ist diese Schulung notwendig, denn inoffiziellen Umfragen zufolge sind 80 bis 90 Prozent der Flüchtlinge derzeit nicht für den deutschen Arbeitsmarkt qualifiziert.

Der deutsche Ansatz ist kaum zu kritisieren, er bringt allerdings Kosten mit sich, die auf mindestens 10 Tsd. EUR pro Flüchtling geschätzt werden. Die deutschen Finanzen sind stark und alle Gesprächspartner bestätigten: „Geld ist nicht das Problem“. Die 10 Mrd. EUR, die ausgegeben werden können, ehe die Politik eines ausgeglichenen Haushalts in Gefahr ist, könnten jedoch schnell aufgebraucht sein.

Update: Seit meinem letzten Besuch forderte Finanzminister Schäuble die Ministerien auf, Einsparungen in Höhe von 2,5 Mrd. EUR vorzubereiten, um die zusätzlichen Ausgaben des Bundes von 9 Mrd. EUR für die Flüchtlinge zu schultern. Da für einen großen Teil der Finanzierung niedrigere Zinsen anfallen als erwartet, fallen die Ausgabenkürzungen auch entsprechend geringer aus. Der Nettoanstieg der Ausgaben für die Flüchtlingshilfe beträgt den aktuellen Plänen zufolge daher rund 8 Mrd. EUR. Das entspricht ca. 0,3% des BIP, das ist – obwohl nicht unerheblich – die Höchstgrenze, sofern Schäuble seine Haushaltspolitik nicht lockert.

Auf der Angebotsseite helfen die zusätzlichen 2 Mio. Menschen, das demografische Defizit abzubauen, wobei die erwerbstätige, deutsche Bevölkerung in den nächsten 15 Jahren von 45 Mio. auf 36 Mio. schrumpft. Die Auswirkungen auf das Produktionspotenzial hängen davon ab, inwieweit die Neuankömmlinge profitabel beschäftigt werden können. Abgesehen von der Notwendigkeit, die Qualifikation der Flüchtlinge zu erhöhen, gibt es auch Warnungen, dass der Mindestlohn und das strengere Arbeitsrecht eine Integration der vielen Einwanderer im Segment der gering Qualifizierten am unteren Ende des Arbeitsmarkts erschweren. Der kurzfristige Fiskalschub könnte sich langfristig durchaus als Belastung erweisen, wenn die Einwanderer keine Arbeit finden und wieder auf Sozialleistungen angewiesen sind.

„Schwellenländer-Exportblase ist geplatzt“

Deutsche Volkswirte und Politiker gehen nach wie vor davon aus, dass die deutsche Wirtschaft von einem starken Produktionssektor angetrieben wird, der seinerseits der Motor des Dienstleistungssektors ist. Diese traditionelle Einschätzung war in den vergangenen Jahren, als der Welthandel boomte, zweifellos richtig. Jetzt wendet sich das Blatt jedoch: Obwohl man zuversichtlich ist, dass eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft abgewendet werden kann, wurde eingeräumt, dass die „Schwellenländerblase” geplatzt und die Phase außerordentlichen Wachstums in China vorbei ist. Deutschland verfügt nach wie vor über eine starke Nischenposition im Export von Luxusautos und Investitionsgütern. In den nächsten Jahren muss die deutsche Wirtschaft jedoch einen neuen Motor finden.

Eurozone

Dieses Thema wurde überraschenderweise kaum angeschnitten. Die Lage in Griechenland galt als gelöst und von offizieller Seite wurden Andeutungen, dass Schäuble einen irreversiblen Tabubruch begangen habe, als er Griechenland die Euro-Ausgangstür zeigte, zurückgewiesen: „Das war nur ein taktisches Manöver“, erklärte ein Gesprächspartner.

Die Bereitschaft, Abschläge zuzulassen, war gering. Allerdings gab es auch andere Stimmen. Ein Amtsträger sagte: „Das Geld ist weg, und das sollten wir uns eingestehen”. Das Problem dürfte sich zuspitzen, wenn der IWF, der einen Schuldenschnitt für notwendig hält, zu Beginn des neuen Jahres über die Verlängerung seiner Griechenlandhilfe entscheidet.

Schäubles Politik eines ausgeglichenen Haushalts (seltsamerweise unter der Bezeichnung „schwarze Null“ bekannt) wurde weitgehend gelobt. Es entstand der Eindruck, dass viele eine Ausweitung auf die gesamte Eurozone begrüßen würden. Die Frustration über die mangelnde Haushaltsdisziplin in der Eurozone war beträchtlich: Mit Blick auf die Verschuldung der öffentlichen Haushalte bestehen zu viele Ausnahmen und zu viel politisches Kalkül. Die Lösung wurde darin gesehen, die EU-Kommission nicht mehr am Verfahren zu beteiligen und stattdessen ein neues unabhängiges Kontrollgremium einzuführen. Dieses Gremium würde dann der Eurogruppe berichten, in der die Finanzminister eine verbindliche Stimme haben. Ein Verantwortlicher beschrieb dies als seinen „Traum“, der voraussichtlich nicht wahr werde.

Brexit

Dieses Thema wurde überraschend oft angeschnitten. Als einziger Engländer auf der Reise sollte ich des Öfteren erklären, weshalb Großbritannien womöglich aus der EU austreten wolle. In Berlin gab es erfreulicherweise beträchtliche Unterstützung für einen Verbleib Großbritanniens in der EU.

Ein Amtsträger sagte, eine EU ohne Großbritannien sei “undenkbar”. Eine mit dem Verfahren vertraute Person erklärte, bezüglich der Verhandlungen mit Großbritannien sei man optimistisch, hinsichtlich des Ausgangs des Referendums jedoch pessimistischer.

Dieser Optimismus basiert auf den Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Großbritannien bezüglich der Frage, wie Einwanderer das Sozialsystem nutzen könnten. Die Freizügigkeit blieb eine rote Linie. Allerdings gab es Spielraum für ein Übereinkommen. Der Pessimismus geht auf den jüngsten Wechsel an der Spitze der Labour-Partei zurück. Seit meiner Reise hat die Opposition jedoch anklingen lassen, dass sie einen Verbleib in der EU unterstützen würde.

Im Oktober dürfte es einen Bericht aus Brüssel über die Forderungen Großbritanniens geben, gefolgt von einem Gipfeltreffen im Dezember. Anfang 2016 sollte es dann zu einer politischen Einigung kommen, allerdings nur nach einer gewissen Zuspitzung. Das Referendum könnte nach dem Sommer, gegen Ende nächsten Jahres abgehalten werden.

Angemerkt wurde in diesem Zusammenhang, dass im Falle eines britischen Austritts aus der EU eine längere Verhandlungsperiode (von bis zu zwei Jahren) über die Auflösung der Verträge und den Abschluss neuer Vereinbarungen (über deren Details im Anti-EU-Lager bemerkenswerterweise kein Wort verloren wurde) zu erwarten sei. Die resultierende Unsicherheit wurde als Beeinträchtigung der Kapitalflüsse nach Großbritannien und des internationalen Ansehens des Landes wahrgenommen.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Keith Wade und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.