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Schroders Live: kurzfristige Volatilität - langfristige Perspektiven

In der letzten Ausgabe von Schroders Live sprach Gastgeber Wolfgang Münchau, Associate Editor der FT, mit Rory Bateman, Johanna Kyrklund, Gareth Isaac und Matthew Dobbs über den jüngsten Konjunktureinbruch in China sowie die Folgen des langsameren Wachstums für die Weltwirtschaft.

07.09.2015

Gareth Isaac

Gareth Isaac

Fondsmanager Anleihen

Johanna Kyrklund

Johanna Kyrklund

Global Head of Multi-Asset Investments

Matthew Dobbs

Matthew Dobbs

Fund Manager, Asian Equities & Head of Global Small Cap

Rory Bateman

Rory Bateman

Head of UK & European Equities

Bewertung der aktuellen Volatilität

Die Diskussionsrunde vertrat die Ansicht, dass Chinas Währungsabwertung von größerer Bedeutung sei als der Kursverfall an der Börse. Matthew Dobbs bezeichnete die Folgen der rückläufigen Aktienkurse für die Wirtschaftslage Chinas generell als „verhältnismäßig moderat“, auch wenn sie für bestimmte Sektoren negativ seien. Nach seinem Dafürhalten ist China mit zwei zusammenhängenden Problemen konfrontiert: Erstens ist ein Großteil des Wachstums seit der Finanzkrise auf die erhöhte Kreditvergabe zurückzuführen, sodass sich in Bereichen wie Infrastruktur und Immobilien eine Blase gebildet hat. Die Luft aus der Blase zu lassen, sei „möglich, wird aber dauern“ und könne kurzfristig weitere Volatilität mit sich bringen. Zweitens – und dies ist seiner Meinung nach weitaus bedeutender –  werde sich Chinas jährliches Wirtschaftswachstum auf rund 3-4 % verlangsamen.

Neben dem schwächeren Wachstum Chinas ist für Gareth Isaac die zögernde Haltung der amerikanischen Notenbank (Fed) eine weitere Ursache für die Marktvolatilität. „Wenn die US-Konjunktur – einer der großen Hoffnungsträger für ein weltweites Wirtschaftswachstum – nicht in der Lage ist, eine Zinserhöhung von 25 Basispunkten zu verkraften, dann stecken wir alle in Schwierigkeiten“, so Isaac. Angesichts der momentanen Probleme in China besteht seiner Meinung nach jedoch die Möglichkeit, dass die Fed die Zinserhöhung erneut verschiebt.

Johanna Kyrklund bezeichnete die Abwertung des Renminbi als symptomatisch für das recht schwache globale Wachstum. Das sei insbesondere in Anbetracht der Anreize der Zentralbanken enttäuschend. Doch das schwächere Wachstum müsse nicht unbedingt zu einer höheren Volatilität der Finanzmärkte in den kommenden Monaten führen, wenn die Probleme Chinas zu langsameren Zinsschritten der USA führten. „Im vierten Quartal könnte die Volatilität zurückgehen“, fügte sie hinzu.

Rory Bateman erklärte, dass die europäischen Exporteure vom abnehmenden Wachstum der Schwellenländer betroffen seien, fügte aber hinzu, dass sich die europäische Konjunktur auf „Erholungskurs“ befinde: „Innerhalb Europas sind wir davon überzeugt, dass die Dinge allmählich Gestalt annehmen; es gab zahlreiche Reformen, und die Nachfrage hat offensichtlich von der quantitativen Lockerung profitiert.“ Laut Bateman könnten europäische Aktien daher bei einem schwächeren globalen Wachstum einen „sicheren Hafen“ darstellen.

Die Gefahr von Fehlentscheidungen

Angesichts des wahrscheinlich schwachen Wachstumsklimas bat Moderator Wolfgang Münchau die Diskussionsrunde, die Möglichkeit von Fehlentscheidungen zu erwägen. So wies er darauf hin, dass die chinesischen Behörden offenbar mit Schuldzuweisungen für die Volatilität der Aktienkurse begonnen habe, anstatt das zugrunde liegende Problem zu beheben.

Matthew Dobbs stimmte dieser Sichtweise zu. Die chinesischen Verantwortlichen hätten möglicherweise nicht die vollständige Kontrolle über die Ereignisse. Er sagte ergänzend: „Die Blase ist so groß, dass sie sich nicht sauber und ordentlich beseitigen lässt.“ Dabei könne es zu Marktverwerfungen kommen. Er vertrat aber auch die Ansicht, dass „ein China, das langsamer wächst, jedoch seinen Dienstleistungsanteil am BIP von 50 auf ein angemessenes Maß von 70 % ausbaut und keine Deflation exportiert, längerfristig betrachtet positiv für die Weltwirtschaft wäre. Das Wachstum wäre damit zwar schwächer, aber dafür geordneter und disziplinierter.“

Gareth Isaac betonte, dass die Fed ein Teil des Problems sei, da sie die Zinsen nicht erhöht habe. Dadurch gebe sie zu verstehen, die US-Konjunktur sei zu schwach, um einen Zinsschritt zu verkraften. Seiner Ansicht nach könne eine Zinserhöhung, begleitet von einem optimistischen Ausblick auf die US-Wirtschaft, dafür sorgen, dass ein gewisses Vertrauen an den Markt zurückkehrt.

Die Diskussionsrunde war sich darin einig, dass kurzfristig zwar Marktverwerfungen zu erwarten seien, es jedoch nicht nur negative Meldungen gebe. So bezeichnete Gareth Isaac den Preissturz bei den Rohstoffen als „zweifelsfrei gut für Industrieländer wie Europa, die USA und Großbritannien, aber auch für Schwellenländer wie China und Indien.“

Zu den Risiken in Europa äußerte sich Rory Bateman, der sich „nicht allzu viele Sorgen wegen Griechenland“ macht. Kurz- und mittelfristig habe man schließlich beträchtliche Fortschritte bei der Lösung des Problems erzielt. Seine größere Sorge sei dagegen, wie die chinesischen Verantwortlichen mit einer möglichen harten Landung umgingen:  „Wir benötigen eine ausgewogenere und rationalere Politik, um sicherzustellen, dass sich die Entwicklung von einer durch Industrie und Infrastruktur geprägten Volkswirtschaft zu einer stärker konsumorientierten Wirtschaft innerhalb eines bestimmten Zeitraums vollzieht.“

Was bedeutet das schwächere Wachstum für Anleger?

Moderator Wolfgang Münchau wandte sich den Auswirkungen des schwächeren Wachstums auf das Anlageumfeld zu und befragte die Diskussionsrunde insbesondere zur Wahrscheinlichkeit großer Umschichtungen in die oder aus den Industrieländern. Johanna Kyrklund stellte fest, dass vor allem „die zyklischsten Marktsegmente Wertpotenzial bieten: Rohstoffe, Schwellenländer und Rohstoffsektoren. Das Problem ist, dass angesichts der schwachen globalen Konjunkturlage die Impulse fehlen, um dies auszunutzen.“ Sie fügte hinzu, dass bereits Gelder in die Industrieländer flössen und dass defensive Marktsegmente bereits teuer erscheinen und möglicherweise noch teurer würden.  Daher „sehen die potenziellen Erträge in den kommenden 6 bis 12 Monaten recht verhalten aus“, so Kyrklund. Sollte sich jedoch eine Möglichkeit ergeben, wieder in diese Value-Assets umzuschichten, dann könnte dies den Erträgen einen wirklichen Schub geben.

Mit Blick auf Europa bezeichnete Rory Bateman den innereuropäischen Handel als den wesentlichen Faktor für die Konjunkturerholung der Region. Aus seiner Sicht seien daher Unternehmen, die auf den Binnenhandel ausgerichtet sind, am attraktivsten. Die Exporteure sind stärker von der Abschwächung in China gefährdet – obwohl auf China nur 10 % der europäischen Exporte entfallen. Hinsichtlich der Auswirkungen auf Asien merkte Matthew Dobbs an, dass die Bewertungen stark zurückgegangen seien und er erklärte: „Asien bleibt nicht lange billig.“ Er wies ferner darauf hin, dass das Wachstum einiger asiatischer Märkte angesichts des schwachen globalen Wachstums attraktiv sein dürfte.

Gareth Isaac betonte, dass das derzeitige Szenario eine Chance für aktive Manager sei, da es jetzt größere Unterschiede zwischen den Märkten gebe. Er hob zudem hervor, dass Schwellenländer keine homogene Gruppe seien: „Einige Schwellenländer werden das schwächere Rohstoffumfeld besser verkraften als andere.“

Wie sind die Aussichten für Rohstoffe und Währungen?

Für Johanna Kyrklund ist die Ursache für den Rückgang der Rohstoffpreise „die mangelnde Nachfrage der Weltwirtschaft. Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass die Rohstoffpreise recht niedrig bleiben werden.“ Gleichzeitig merkte sie an, dass Rohstoffe derzeit stark in Ungnade gefallen seien und künftig wieder Wertpotenzial im Verhältnis zu anderen Anlageklassen bieten könnten. Die Rohstoffpreise würden ihrer Meinung nach von einem stabilen bzw. schwächeren Dollar profitieren. Ein solches Szenario könne eintreten, wenn die Fed deutlich behutsamere Zinsschritte signalisieren würde.

Im Hinblick auf die Währungsentwicklung sprach Wolfgang Münchau die Möglichkeit an, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im kommenden Jahr ihr Inflationsziel verfehlen könnte. Dies könne zu einer Verlängerung der quantitativen Lockerung führen und damit strukturellen Druck auf den schwachen Euro ausüben. Für Rory Bateman „ist die deflationäre Wirkung der Rohstoffe ganz erheblich und verantwortlich dafür, dass die Inflation in Europa momentan so niedrig ist.“ Hinsichtlich der Folgen für Aktien räumte er ein, dass die quantitative Lockerung Liquidität bereitstelle und gut für den europäischen Börsenplatz sei. Er fügte hinzu, dass sich EZB-Präsident Mario Draghi seiner Meinung nach der Bedeutung des Euro sehr bewusst sei und nach wie vor über zahlreiche Möglichkeiten verfüge, um rhetorisch oder über geldpolitische Maßnahmen Anpassungen vorzunehmen.

Aussichten für Anleihen

Gareth Isaac stellte fest, dass der Geldmarkt infolge des extrem niedrigen Zinsniveaus keine Anlageoption sei. Deshalb seien Investoren gezwungen gewesen, Anlagen mit größerem Risiko zu berücksichtigen. Sollten die Zinsen in den USA steigen, könnte es daher zu Marktverwerfungen kommen, wenn die Anleger aus diesen risikoreichen Anlagen umschichten. Belässt die US-Notenbank die Zinsen jedoch bei null, so werde die Jagd nach Rendite weitergehen, so Isaac: „Die Babyboomer aus den USA und Europa gehen in den Ruhestand und brauchen Einkommen. Das erhalten sie nicht am Geldmarkt, weshalb sie sich anderweitig umsehen müssen.“

Einen weiteren Sachverhalt, den Gareth Isaac ansprach, waren die sinkenden weltweiten Reserven. Nach steigenden Reserven in den letzten 10 bis 15 Jahren versuchten die Länder im Nahen Osten, bei einem Ölpreis von 40 USD je Barrel zu überleben. Sie seien daher gezwungen, ihren Haushalt durch den Verkauf von US-Staatsanleihen zu subventionieren. „Auch wenn das niedrige Zinsniveau unter Umständen anhält, könnten die Anleihenzinsen demnach in die Bredouille geraten, wenn sich ein Rückgang der globalen Reserven abzeichnet“, so Isaac.

Wachstum gegen einen Aufpreis

Matthew Dobbs fasste abschließend zusammen, dass „der häufig prophezeite Tod der Aktien noch längst nicht eingetreten“ ist und betonte, dass für Wachstum „wahrscheinlich weiter ein hoher Preis gefordert wird.“ Als potenziell besonders interessant bezeichnete er Small Caps, da sie sich in den richtigen Marktnischen für Wachstum befänden. Das generelle Wachstum Europas sei zwar niedrig, stellte er fest, aber der Markt für Small Caps entwickele sich kräftig und sei nach wie vor nicht zu teuer.

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