Brexit

Der Weg zum Brexit (und die weitere Richtung)

Das ESG-Team von Schroders beschäftigt sich mit den sozialen Problemen, die Großbritannien zum Votum für den EU-Ausstieg bewegten, sowie mit den damit verbundenen Herausforderungen und Chancen für Industriezweige und Märkte weltweit.

06.07.2016

Andrew Howard

Andrew Howard

Leiter Research für nachhaltige Anlagen & ESG

Großbritannien hat für den Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt. Es hat mit dieser Entscheidung Schockwellen an den Finanzmärkten ausgelöst, wo man mit einem Erhalt des Status quo gerechnet hatte. Seither überschlagen sich die Medien mit Meinungen dazu, welche Auswirkungen ein Ausstieg in nächster Zeit auf die Finanzmärkte haben wird. Wir wollen keinen weiteren Kommentar zu den Folgen für die Finanzmärkte liefern; das Rot auf unseren Bildschirmen ist aussagekräftig genug. Wir haben uns bei Schroders auf die Möglichkeit eines Ausstiegsvotums vorbereitet. Das dürften auch andere in unserer Branche getan haben.

Statt über zukünftige politische Entscheidungen zu mutmaßen, konzentrieren wir uns lieber auf die Gründe, die uns bis zu diesem Punkt geführt haben, sowie auf deren Folgen für die Zukunft. Diese Entwicklungen reichen weit über die weitere Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU hinaus und werden unserer Überzeugung nach von den Finanzmärkten weiterhin unterschätzt.

Wenn es auch von den Medien als ein Votum über Zuwanderung oder Bürokratie abgestempelt wird: Sieht man sich die von den Abstimmenden genannten Gründe näher an, so ergibt sich eine breitere und konventionellere Liste von Sorgen und Bedenken. Dabei scheinen bei dem Votum weniger Grenzen und europäische Regulierung im Vordergrund gestanden zu haben, als vielmehr ein Urteil in Bezug auf unser wirtschaftliches und politisches System.

Abbildung 1: Themen, die für das Abstimmungsverhalten beim EU-Referendum ausschlaggebend waren

Quelle: Lord Ashcroft Polls

Das Brexit-Votum zeugt von wachsenden sozialen Spannungen infolge zunehmender Ungleichheit, schwindender Einkommenszuwächse und rückläufiger Beschäftigungssicherheit sowie Unzufriedenheit mit den politischen Systemen, die diese Missstände verursachten. Es handelt sich hier um eine weltweite Entwicklung. Sie tritt bei den Präsidentschaftswahlen in den USA ebenso zutage wie bei Demonstrationen in Hongkong oder bei Amtsenthebungen in Brasilien.

Auch der anhaltende Vertrauensverlust in die politischen Institutionen spiegelt diese Entwicklung in den großen Volkswirtschaften. Nach den Ergebnissen der Eurobarometer-Umfrage ist das Vertrauen in nationale EU-Regierungen seit Mitte der 2000er-Jahre um ein Drittel gesunken. Die Wirtschafts- und Sozialforschungsagentur EKOS stellt einen noch größeren Verlust in den USA fest. Dort ist der Prozentsatz der Befragten, die darauf vertrauen, dass ihre Regierung meistens oder immer richtig handelt, von über 70 % in den 1960er-Jahren aktuell auf unter 20 % gefallen.

Es entstehen Spannungen, die in Zukunft weitere politische „Überraschungen“ verursachen werden. Wir konzentrieren uns hier auf die drei Triebkräfte, die unserer Ansicht nach die Spannungen, die uns an diesen Punkt gebracht haben, untermauern und untersuchen deren Auswirkungen auf Unternehmen und Anleger.

Mehr Protektionismus und eine stärker national ausgerichtete Politik

Seit Jahrzehnten ist die Globalisierung in Industriestaaten und Schwellenländern ein beherrschendes politisches Thema und allgemein von großem Erfolg geprägt. Das Wachstum im weltweiten Handel hat das Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen 30 Jahren um mehr als das Zweifache überrundet. Die internationale Migration ist seit Beginn des Jahrhunderts um 40 % gestiegen und der Anteil von ausländischen Direktinvestitionen am globalen Bruttoinlandsprodukt ist dreimal so hoch wie noch vor 20 Jahren.

Abbildung 2: In den meisten Ländern steigt die Einkommensungleichheit; die Ungleichheiten bei der Weltbevölkerung nähern sich an

Quelle: Branko Milanovic, Weltbank.
Der GINI-Koeffizient misst Ungleichheiten, wobei höhere Werte höhere Ungleichheiten bedeuten.

Zwar haben diese politischen Strategien im Allgemeinen die gesetzten Ziele erreicht, dabei aber die sozialen Spannungen innerhalb der Länder verschärft. Während Volkswirtschaften immer globaler werden, sind die Gesellschaften national geblieben. Die Globalisierung mag das wirtschaftliche Wachstum erhöhen. Doch viele können mit ihrem Tempo nicht mehr Schritt halten. Die Folge davon: Während weltweit Einkommen gestiegen sind und die Ungleichheit gesunken ist, ist in den meisten Ländern das Gegenteil der Fall.

Die Folge sind zunehmende Spannungen in vielen Gesellschaften, die (in vielen Fällen berechtigt) die Globalisierung als die Ursache ihrer Probleme sehen. Und daher auf der Suche sind nach Lösungen, die sie vor diesen Kräften schützen.

Angesichts des Ausmaßes, in dem die Globalisierung Volkswirtschaften und Gesellschaften bereits durchdrungen hat, ist es zweifelhaft, ob Protektionismus noch funktionieren kann – eine Entwirrung der „guten“ und der „schlechten“ Anteile ist praktisch unmöglich. Doch Politiker, die einen dahingehenden Versuch versprechen, dürften eine Anhängerschaft finden.

Globale Unternehmen müssen lokal tätig sein

Gesellschaften definieren sich immer noch auf lokaler Ebene. Und auch wenn große Unternehmen internationaler geworden sind: Die erfolgreichsten darunter handeln dabei nach lokal festgelegten Strategien. Unternehmen, die sich darauf konzentrieren, das Umfeld, in dem sie tätig sind, zu verstehen, und ihre Strategien darauf ausrichten, sind besser in der Lage, den unterschiedlichen Anforderungen von Kunden, Mitarbeitern, Gesetzgebern und anderen Interessengruppen in ihren Wettbewerbsmärkten zu entsprechen.
Unternehmen in globaler ausgerichteten Bereichen haben in der Regel sowohl größere Herausforderungen als auch größere Chancen, wenn sie sich an eine Umgebung anpassen, in der es besondere lokale Erwartungen und Regeln gibt, die spezielle Strategien erfordern. Das folgende Diagramm zeigt den Umsatzanteil, den europäische Unternehmen in den einzelnen Branchen außerhalb ihrer größten Märkte erwirtschaften. Als Grundlage gelten die bekannt gegebenen Umsätze nach Regionen. Die im linken Bereich des Diagramms haben in der Regel eine größere Bandbreite an Märkten.

Abbildung 3: Gewinnanteile nach Sektoren außerhalb des Heimat- oder größten Marktes

Quelle: Thompson Reuters DataStream und Schätzungen von Schroders.Gruppierung nach IndustryClassification Benchmark, ca. 2.000 europäische Unternehmen. Geografische Regionen zur Berechnung des Anteils unter Nutzung eigener Angaben der Unternehmen.

Höhere politische und soziale Instabilität

Desillusion hat eine Suche nach Alternativen ausgelöst. Veränderung ist als Option attraktiver geworden als der Erhalt des Status quo. Das beschränkt sich nicht nur auf die linke oder rechte Seite des politischen Spektrums: Beide Seiten haben von der Enttäuschung in der Mitte profitiert. Bewegungen wie Occupy machen Schlagzeilen, doch die Zunahme der Wahlbeteiligung in den letzten zehn Jahren ist eine sehr viel stärkere Kraft.

Abbildung 4: Die Wahlbeteiligung hat sich in den Industriestaaten über das letzte Jahrzehnt erholt

Quelle: Institute for Democracy & Electoral Accountability

Abbildung 5: Der Anteil der gemäßigten Kräfte nimmt zugunsten der Parteien an den Rändern ab

Quelle: Statistiken der Länder über Barclays

Wir bezweifeln, dass es für die Probleme der Wähler eine einzige Lösung gibt. Entsprechend dürften die Hoffnungen auf ein Allheilmittel von einer Partei zur nächsten übergehen, was innerhalb kurzer Zeit zu erheblichen politischen Umschwüngen führen kann.

Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind entscheidend

Bei einer effektiven Unternehmensstrategie wird es weniger um die Voraussage der Zukunft und entsprechende Kursfestsetzung gehen als vielmehr um den Aufbau einer unternehmerischen Resilienz, um sich an unerwartete Veränderungen anpassen zu können. Kultur, Aufsicht, Incentives und Struktur sind zu wichtigeren und stabileren Kräften geworden als Prognosefähigkeiten oder geschäftliches Verhandlungsgeschick. Effektive Corporate Governance ist ein wichtiges Element dieser Flexibilität – ebenso wie die Fähigkeit von Führungskräften und Mitarbeitern zur Einbindung aller Interessengruppen (Stakeholder), um Druck auf lokaler Ebene erkennen zu können.

Unternehmen in Industriebereichen, in denen Veränderung an der Tagesordnung und die Governance in der Regel stärker ist, dürften besser gewappnet sein für fließendere Regulierung, politischen Druck und soziale Erwartungen. Weniger gerüstet sein dürften hingegen Unternehmen, die nicht so sehr auf Veränderungen eingestellt sind. Das gilt besonders dann, wenn die Corporate Governance schwächer ist.

Mehr Druck zum Wohl von Arbeitnehmern und Gesellschaft

Ein großer Teil der Unruhe ist darauf zurückzuführen, dass die meisten Menschen nicht von den Vorteilen der Globalisierung und der internationalen Wirtschaftsexpansion profitiert haben. In den USA sind die mittleren Einkommen seit Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr gestiegen, was der Inflation den Weg bereitete. Seit der Finanzkrise ist der Lebensstandard des durchschnittlichen Arbeitnehmers in den Mitgliedsstaaten der OECD um 5-10 % gesunken. Gleichzeitig haben diejenigen, die Kapitalanlagen besitzen, ihr Vermögen dank quantitativer Lockerung vermehrt. Und die Medien sind voll von Geschichten über Vorstandsvergütungen und Reichtum von Unternehmen.

Diese Wahrnehmung wird durch Zahlen untermauert. Die Unternehmensgewinne machen seit Jahrzehnten einen immer größeren Anteil am BIP aus, was von der schwindenden Auszahlung an die Arbeitnehmer zeugt. Die Chefgehälter steigen nach wie vor sehr viel schneller als die Mitarbeiterlöhne. Wir sind der Überzeugung, dass das Machtpendel in Zukunft wieder in Richtung Arbeitnehmer ausschlagen dürfte. Beschleunigt durch die Ereignisse des Jahres 2008, ist das Vertrauen in die großen Unternehmen seit Langem rückläufig. Und den Regierungen wurde ein klares Mandat erteilt, zum Wohle der Gesellschaft regulierend einzugreifen.

Abbildung 6: Der Anteil britischer Arbeitnehmer am weltweiten Bruttoinlandsprodukt nimmt ab, der Anteil der Unternehmensgewinne nimmt zu.

Quelle: Office for National Statistics

Abbildung 7: Managergehälter (inkl. Boni) im Verhältnis zu Angestelltengehältern

Quelle: Economic Policy Institute

Verstärkt wird der soziale Druck dadurch, dass es sich Staaten nicht mehr leisten können, Arbeitnehmer zu unterstützen, deren Lohn zum Leben nicht reicht. Die staatlichen Reaktionen darauf zeigen sich bereits darin, dass mittlerweile existenzsichernde Löhne, Steuerhinterziehung, Reform von Renten- und Gesundheitssystem und andere „Subventionen“ des privaten durch den öffentlichen Sektor in den sozialen und politischen Mittelpunkt gerückt sind.

Investitionen zur Stärkung der Stakeholder-Beziehungen

Unternehmen haben langfristig nur dann Erfolg, wenn sie in der Lage sind, fähige Mitarbeiter zu gewinnen, Kunden einzubinden, Lieferketten zu beherrschen und starke Beziehungen zu unterhalten mit allen Interessengruppen, auf die sie angewiesen sind. Unternehmen, die dafür sorgen, dass ihre Interessengruppen – insbesondere die Mitarbeiter – von solchen Beziehungen in Form von angemessenen Löhnen und Arbeitsbedingungen profitieren, werden dem zunehmenden Druck besser gewachsen ein, ohne dass ihre Margen darunter leiden. Anders als die Unternehmen, die Investitionen in die Stakeholder und Gewinn weiterhin gegeneinander abwägen.

Dabei werden Unternehmen in Industriezweigen mit in der Regel niedrigeren Löhnen am stärksten unter Druck geraten. Gleichzeitig haben die, die zusätzlich mit niedrigen betrieblichen Gewinnmargen zu kämpfen haben, weniger Spielraum. Höhere Löhne in einem Industriezweig dürften letztendlich die Preise nach oben treiben. Dadurch bleibt die Gesamtrentabilität des Industriezweigs größtenteils unverändert. Dabei könnten sich jedoch signifikante Wertverschiebungen ergeben zwischen den Unternehmen, die auf Niedriglöhne angewiesen sind, und Unternehmen, bei denen das nicht der Fall ist.

Die stärksten Unternehmen werden eher die Ursachen als die Symptome angehen. Zunächst einmal werden alle Unternehmen unmittelbar von Problemen durch die Nachwirkungen des Brexit betroffen sein. Aber diejenigen, die dem Votum zugrunde liegende Entwicklungen erkennen und sich anpassen, werden langfristig besser aufgestellt sein. Wir haben uns hier auf drei Entwicklungen konzentriert, wobei die Probleme und Chancen jedoch wahrscheinlich sehr viel komplexer und vielfältiger sind:

  1. Mehr Protektionismus und eine stärker national ausgerichtete Politik: Globale Unternehmen müssen lokal tätig sein.
  2. Höhere politische und soziale Instabilität: Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind entscheidend.
  3. Mehr Druck, Gewinne mit Arbeitnehmern und Gesellschaft zu teilen: Investitionen zur Stärkung der Stakeholder-Beziehungen.

Zwar werden diese Überlegungen in der Unternehmenswelt sehr viel besser verstanden als in den Finanzmärkten. Doch es bestehen weiterhin Unterschiede zwischen Unternehmen und den aktuellen Anlagemöglichkeiten für die Anleger, die diese verstehen.

Eine wesentliche Erkenntnis: Wir brauchen bessere Werkzeuge

Für Investoren ist das Brexit-Votum ein Zeichen für den zunehmenden Bedarf an neuen Modellen und Tools. Die Marktgrundsätze sind konstant. Langfristig beflügeln Gewinne die Kapitalrenditen, und auf kürzere Sicht führen Schwankungen bei Stimmung und Bewertungsmultiplikatoren zu Abweichungen bei diesen längerfristigen Trends.

Doch die Instrumente, mit denen die Märkte diese Probleme bisher unter die Lupe nahmen, tendieren zur Annahme des Status-quo-Erhalts und erweisen sich immer mehr als unzureichend. Unsere Branche hat kurzfristige Gewinnmodelle erstellt. Als Grundlage dienten dabei die Analyse der laufenden Aktivitäten, die jüngsten Finanzentwicklungen und die kurzfristigen Konjunkturprognosen. Wir haben die Gewinne, die sich aus diesen Modellen ergeben, mit den Aktienkursen verglichen und Entscheidungen auf Basis der relativen Attraktivität von Unternehmen getroffen. Die Effekte des veränderten sozialen Drucks passen nicht in dieses Modell – auch wenn dieser Druck oft als wichtig erkannt und akzeptiert wird.

Daher sind wir fest davon überzeugt, dass neue Werkzeuge erforderlich sind. Wir bei Schroders konzentrieren uns auf die Erstellung von Analysemodellen und -instrumenten, die zeigen, wie gut sich Unternehmen an die Veränderungen der sozialen und umwelttechnischen Trends anpassen können. Das bedeutet die Analyse von Industriezweigen und der Art und Weise, wie sich soziale Entwicklungen auf Geschäftsmodelle, Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität auswirken. Es heißt, sich eher darauf zu konzentrieren, wie Unternehmen geführt werden, als nur darauf, wie viel Gewinn sie machen. Und es heißt, über Investitionen als Unternehmen und nicht als Symbole nachzudenken.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Andrew Howard, Head of Sustainable Research ESG, und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.