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Löst das Ende der Ein-Kind-Politik in China einen demografischen Boom aus?

Mit Blick auf die hohen Kosten für Kinder in China gehen wir nicht davon aus, dass das Ende der Ein-Kind-Politik zu einem demografischen Boom führt.

06.11.2015

Craig Botham

Craig Botham

Schwellenländervolkswirt

Die gezielte Veränderung gesellschaftlicher Strukturen

Die Änderung ist zwar von großer politischer Bedeutung, hat aber nur einen geringen unmittelbaren Effekt. Die schädliche Wirkung der Ein-Kind-Politik, die geschichtlich einen der erfolgreichsten Versuche zur gezielten Veränderung gesellschaftlicher Strukturen darstellt, gilt bereits als sicher: Die chinesische Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird nach Prognosen der UN zwischen 2015 und 2030 um 3 % zurückgehen. Doch nach unserer Analyse wird sich dieser Rückgang mit einer Senkung des Jahreswachstums um 0,1 bis 0,3 Prozent in diesem Zeitraum nur sehr geringfügig bemerkbar machen. Die größeren Kosten entstehen China auf Staatshaushaltsebene. Denn der Altersabhängigkeitsquotient verschlechtert sich auf das Niveau der Industrieländer, während sich die Einkommen weiter im Schwellenländerbereich bewegen. Das Ergebnis ist eine haushaltspolitische Belastung für China. Und es ist unklar, wie diese gestemmt werden kann.

Die Steigerung der Geburtenrate würde zwar helfen, doch ist ungewiss, ob sich der Schlussstrich unter der Ein-Kind-Politik hierbei als effektiv erweist. Frühere Lockerungen zeigten relativ beschränkte Wirkung. Bei der letzten dieser Maßnahmen im Jahr 2014 qualifizierten sich elf Millionen Paare für ein zweites Kind. Doch nur eine Million machte davon Gebrauch. Nach so langer Zeit könnte eine Umkehr der Auswirkungen der Ein-Kind-Norm einige Zeit in Anspruch nehmen. Außerdem stellen für viele junge Chinesen nach einzelnen Berichten die Kosten für ein Kind, speziell die Kosten für Bildung, eine deutliche Hürde bei der Planung einer größeren Familie dar.

Generalüberholung des Systems notwendig

Dementsprechend müssten zuerst die Kosten für das Großziehen eines Kindes sinken. Hauptvoraussetzung dafür ist das Angebot hochwertiger und erschwinglicher – nach Möglichkeit kostenloser – Bildung sowie Kinderbetreuung und wahrscheinlich auch eine Generalüberholung des Sozialsystems. Aktuell hindert das chinesische Meldesystem Hukou die Menschen daran, Sozialleistungen außerhalb des Bezirks, in dem sie registriert sind, zu beantragen. Das heißt, dass viele Migranten aus den Städten wieder in ihre Heimatorte zurückkehren müssen, um Bildung, medizinische Versorgung usw. zu erhalten. Das treibt die Kosten für Kind und Niederlassung enorm in die Höhe, was zum Aufschub der Familiengründung beiträgt. Erst wenn diese Probleme gelöst werden, wird diese politische Veränderung einen demografischen Wandel bewirken.

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Craig Botham, Volkswirt Schwellenländer, und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmer ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.