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Schroders Live: Möglichkeiten der Zentralbanken & kommende Risiken

Nach einem ereignisreichen ersten Quartal traf sich Manus Cranny, Redakteur für europäische Märkte bei Bloomberg, mit Keith Wade und Gareth Isaac, um ihre aktuellen Ansichten über die Weltwirtschaft und die Märkte zu erfahren.

04.05.2016

Gareth Isaac

Gareth Isaac

Fondsmanager Anleihen

Keith Wade

Keith Wade

Chefvolkswirt

Cranny bezog sich zunächst auf die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) in dieser Woche ausgegebene Warnung, dass infolge der langen Phase des schleppenden Wachstums die Gefahr einer Stagnation der Weltwirtschaft bestehe. Wade maß dem IWF-Bericht jedoch keine so große Bedeutung bei.

„Die neue IWF-Prognose berücksichtigt viele der Bedenken, die wir zu Beginn des ersten Quartals hatten“, erklärte Wade. „In gewisser Weise ist der IWF ein rückblickender Indikator. Unsere Bedenken vom Jahresbeginn nehmen allmählich ab, da in China, in den USA und im Rest der Welt ein wenig mehr Stabilität eingekehrt ist.“

Geht den Zentralbanken die Munition aus?

Nach der Einführung einer Negativzinspolitik durch mehrere Zentralbanken weltweit, wollte Cranny wissen, ob sich dieser Trend fortsetzen werde und ob dies bedeute, dass den Zentralbanken die geldpolitische Munition ausgegangen ist.
„Die Zentralbanken befinden sich in einer sehr schwierigen Situation“, erwiderte Wade. „Sie müssen sich so verhalten, als hätten sie noch mehr Instrumente zur Verfügung. Privat, und wenn man zwischen den Zeilen liest, gestehen sie jedoch ein, dass sie nahezu am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sind. Sie können nicht mehr viel tun, um Impulse zu geben.“
Außerdem wies er darauf hin, dass Negativzinsen tatsächlich eine Reihe negativer Auswirkungen haben, insbesondere auf das Bankensystem und seine Rentabilität. Damit könnten sie in Wirklichkeit kontraproduktiv sein. Seiner Meinung nach muss der nächste Fokus nicht geldpolitisch, sondern finanzpolitisch sein.

„Ich sehe, dass die Zentralbanken die Regierungen auffordern, finanzpolitische Impulse zu geben“, so Wade.
Isaac stimmte zu, und erklärte, es gebe keine echte Alternative.  „In Großbritannien strafft Schatzkanzler George Osborne die Haushaltspolitik. Dies ist jedoch kein Schritt, der unmittelbar auf der Hand liegt. Gleiches war während der Krise in der Eurozone zu beobachten“, fügte Isaac hinzu.

„Normalerweise wird das Abgleiten der Wirtschaft in eine Rezession oder eine Phase mit schwachem Wachstum durch den kombinierten Effekt von Zinssenkungen einerseits sowie höheren Staatsausgaben und Steuersenkungen andererseits abgefangen. Diesmal ist das nicht geschehen. Deshalb kam es zu dieser langwierigen, unterdurchschnittlichen Erholung.“

Was bleibt noch, um die Weltwirtschaft anzuregen?

Isaac meinte, er könne sich nicht vorstellen, dass die Zentralbanken noch mehr tun können, um die Wirtschaft anzukurbeln – abgesehen von extremen Maßnahmen, wie dem sogenannten „Helikoptergeld“ (effektiv Geld drucken und an die Bürger verteilen) oder der Monetarisierung von Schulden (direkter Aufkauf neu emittierter Staatsanleihen durch die jeweilige Zentralbank, wodurch sich die Geldmengenbasis erhöht).

Ob die nötigen finanzpolitischen Stimulationsmaßnahmen zustande kommen, ist jedoch zweifelhaft. „In Europa können wir bestenfalls hoffen, dass die Regierungen die Restriktionen etwas lockern und zulassen, dass die sogenannten ‚automatischen Stabilisatoren‘ wirksam werden (nämlich dass die Ausgaben steigen und gleichzeitig die Steuerlast für Unternehmen wie Privathaushalte sinken) und die Sparmaßnahmen nicht mehr so drastisch sind wie bisher“, so Wade.

Sollten wir in Bezug auf die Schwellenländer optimistisch sein?

Im ersten Quartal stiegen die Währungen von Schwellenländern. Isaac führt dies auf die „positive Wechselwirkung“ aus steigenden Rohstoffpreisen, dem schwächeren US-Dollar und der Verbesserung in China zurück. Innerhalb der Schwellenländer erkennt Wade Gründe für Optimismus. „In einigen Schwellenländern gibt es Anzeichen für eine allmähliche Verbesserung der Exportaufträge und der Aktivität im Fertigungssektor“, berichtete er. „Durch die Stabilität und den Anstieg der Rohstoffpreise wurde dies enorm unterstützt, aber auch durch die Wende im globalen Lagerbestandszyklus. Durch die Bemühungen der Unternehmen, die überschüssigen Lagerbestände abzubauen, wurden die Produktion und der Handel stark gedämpft. Nun scheint es, als wäre dies allmählich erreicht, was den Schwellenländern künftig zugute kommen wird.“

Wade zufolge könnte ein stabileres Umfeld für die Schwellenländer weitere Zinserhöhungen der Fed wahrscheinlicher machen, da die durch einen solchen Schritt ausgelöste weltweite Marktschwankungen geringer ausfallen dürften.

Wie geht es mit der Fed weiter?

Wade ist der Ansicht, dass die Fed die Zinsen bald erneut anheben muss: „Es ist klar, dass die Zinsen insgesamt sehr, sehr niedrig sind: In einer Wirtschaft, deren Arbeitslosenquote sich dem Gleichgewichtswert nähert, sind Realzinsen von -1% höchst ungewöhnlich. Die Fed wird die Zinsen allmählich anheben müssen. Sie ist sich aber auch bewusst, dass in einem Wahljahr das Zeitfenster dafür begrenzt ist. Deshalb muss sie unbedingt in den nächsten Monaten etwas unternehmen.“

Wer profitiert vom Anstieg des Ölpreises?

Die Erholung des Ölpreises in diesem Jahr war einer der wichtigsten Treiber der Marktrally. Deshalb fragte Cranny unsere Marktexperten: Welche Regionen werden am meisten profitieren oder verlieren, wenn der Ölpreis weiter steigt?
„Die Gewinner und Verlierer werden das genaue Kehrbild der letzten Jahre sein“, sagte Isaac. „Europa wird mit am meisten darunter leiden, da die Region nicht viel Öl produziert, aber viel verbraucht.“
Wade stimmte zu, dass ein höherer Ölpreis in gewisser Weise negativ für Europa sein wird, in anderer Hinsicht aber begrüßt werden dürfte. „Der niedrigere Ölpreis war eine der treibenden Kräfte für die Erholung in Europa“, so Wade. „In Deutschland sind die Konsumausgaben zum Beispiel wirklich hoch, was der deutschen Wirtschaft zugute kam. Ein steigender Ölpreis wird dies dämpfen. EZB-Präsident Mario Draghi blickt aber auch auf die Auswirkungen des Ölpreises auf die Gesamtinflation (ein Maßstab für die gesamte Inflation in einer Wirtschaft, einschließlich der Preise für Rohstoffe wie Lebensmittel und Energie). Somit sind uns höhere Ölpreise eigentlich willkommen, da die Gesamtinflation steigt und Europa die Deflation hinter sich lässt.

Überschätzen die Anleger den Einfluss Chinas auf die Weltwirtschaft?

China bleibt für die Anleger weltweit ein wichtiger Fokus. Isaac ist jedoch der Ansicht, dass die Menschen den Einfluss Chinas auf den Rest der Welt überschätzen, da sich die Dynamik verändert hat. Der Markt starrt gebannt auf das Gesamtwachstum in China. Vor zehn oder gar fünf Jahren war diese Ziffer für den Rest der Welt wichtig, allein schon, weil das Land viel in Infrastruktur investierte, große Mengen an Rohstoffen verbrauchte und das globale Wachstum antrieb“, so Isaac.

„Die Wachstumsbilanz Chinas verlagert sich jedoch von der Industrie auf den Dienstleistungssektor, der wesentlich weniger Einfluss auf den Rest der Weltwirtschaft hat. 5% heute ist nicht das Gleiche wie 5% vor fünf Jahren. Denn woher stammt am Ende des Tages das Wachstum von Untenehmen wie Alibaba? Von in China produzierten Gütern, von einer Website in China, die ihre Gewinne in China erzielt. Es hat wesentlich weniger Auswirkungen auf den Rest der Welt.“

Was sind die größten Risiken, die auf die Anleger im 2. Quartal zukommen?

Zum Abschluss der Diskussion fragte Cranny Isaac und Wade, wo sie die beiden größten Risiken für das kommende Quartal sehen. Das erste ist das bevorstehende Referendum zur Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU.
„In unseren Augen könnte ein Brexit ziemlich schwerwiegende Auswirkungen auf das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes haben – etwa 0,9% weniger im nächsten Jahr“, erklärte Wade. „Denn dies würde das Investitionswachstum und den Konsum belasten, sodass die britische Wirtschaft gewissermaßen eine Pause einlegen würde. Der eigentliche Fokus wird aber das Pfund sein, und die Frage, ob es noch weiter fallen könnte. Unserer Meinung nach könnte es noch weiter sinken. Dies würde der Wirtschaft letztlich zugute kommen, aber kurzfristig die Inflation beeinflussen.“

Das zweite wichtige Risiko für das Quartal betrifft laut Wade die Währungen. „Die Devisenmärkte sind der andere Bereich, den wir aufmerksam im Auge behalten. Sie sind stabiler, aber der Yen ist enorm gestiegen. Der Bank of Japan ist das gar nicht recht, weshalb sie möglicherweise eingreifen wird. Dies könnte zu einem erneuten Aufflammen des Währungskriegs führen.“

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Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Manus Cranny, Keith Wade und Gareth Isaac, und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.