Wie dekarbonisiert man das Transportwesen – und warum sollten Anleger sich dafür interessieren?

Der Verkehrssektor insbesondere in den Schwellenländern lässt sich nur sehr schwer dekarbonisieren. Da die Regierungen den dringenden Handlungsbedarf erkennen, ergeben sich auch Investitionsmöglichkeiten.

04.10.2022
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Authors

Prabaljit Sarkar
Investment Director, Infrastructure

Weltweit ist das Transportwesen der größte Verursacher von CO2-Emissionen. Diese Tatsache steht im Vordergrund, wenn Regierungen auf der ganzen Welt Maßnahmen zur Emissionsbekämpfung ergreifen. Die aktuellen Pläne gehen nicht weit genug.

Die erneute Dringlichkeit eröffnet für Anleger eine Reihe von Möglichkeiten in der Verkehrsinfrastruktur, insbesondere in den Schwellenländern.

Weshalb ist das Transportwesen so schwer zu dekarbonisieren?

Es ist der größte Verursacher von Treibhausgasen (THG) weltweit und ist für jährlich etwa 20 % verantwortlich. Die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen im Transportwesen ist entscheidend, wenn die Netto-Null-Ziele erreicht werden sollen.

Diese Herausforderung ist nicht nur aufgrund ihres gewaltigen Ausmaßes schwer zu bewältigen, sie wird auch immer größer. Im Jahr 2030 wird die Weltbevölkerung Schätzungen zufolge bei 8,5 Mrd., 2050 bei 9,7 Mrd. und 2100 bei 11,2 Mrd. Menschen liegen. Infolge der grundlegenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Transportwesens wird es in den kommenden Jahrzehnten wohl massiv wachsen. Bis 2050 könnten die durch das Transportwesen verursachten THG um 60 % zunehmen.

Diese Aufgabe ist für die Schwellenländer besonders schwierig. Die Kohlendioxidemissionen des Transportwesens wachsen in vielen Schwellenländern schneller als deren Wirtschaft. Ein Beispiel: Die verkehrsbedingten Emissionen stiegen zwischen 1990 und 2018 in Nigeria zweimal und in Nepal sechsmal so schnell wie das BIP. Eine effiziente, sichere und bezahlbare Mobilität mit einem geringen CO2-Fußabdruck zu erzielen, ist ein gigantisches Vorhaben.

Mittlerweile weiß man, dass Netto-Null nicht erreichbar ist, selbst wenn die aktuelle und engagierte Politik erfolgreich wäre. Die CO2-Emissionen des Transportwesens würden bis 2050 immer noch um fast 20 % zunehmen. Eine äußerst ambitionierte Politik könnte diese CO2-Emissionen um 70 % senken – aber nicht auf null.

Aggressivere Strategien werden umgesetzt und noch ehrgeizigere Vorgaben für die Dekarbonisierung festgelegt. Da sich immer mehr Regierungen weltweit mit erneutem Elan engagieren, dürften viele der Hindernisse, die einem schnelleren Fortschritt bei der Dekarbonisierung im Wege stehen, wegfallen. Daraus ergeben sich enorme Chancen für Anleger.

Vier Schlüsselthemen der Dekarbonisierung: Impulsgeber für Anlagechancen

1. Die Energieeffizienz steigern

Die Steigerung der Energieeffizienz ist einer der besten Wege zur Dekarbonisierung. Obligatorische Kraftstoffverbrauchsnormen beschleunigen die geforderten Verbesserungen bei der Emissionsintensität. In vielen Ländern, sowohl Industrie- als auch Schwellenländern, gelten die CAFE-Vorschriften (Corporate Average Fuel Efficiency/Economy). Ziel dieser Normen und Vorschriften ist es, den Kraftstoffverbrauch zu senken und die Kraftstoffeffizienz zu verbessern, indem die Kohlendioxidemissionen (CO2) gesenkt werden. Dies dient einem doppelten Zweck: Die Abhängigkeit von Öl als Kraftstoff zu verringern und die Luftverschmutzung zu kontrollieren. Im Rahmen des Grünen Deals der Europäischen Kommission wurde das Legislativpaket „Fit for 55“ angenommen. Ziel ist es, die Nettoemissionen bis 2030 um mindestens 55 % (im Vergleich zu 1990) zu reduzieren.

2. CO2-arme Kraftstoffe

In Bereichen des Transportwesens, deren Elektrifizierung unrealistisch ist – insbesondere in schwer zu reduzierenden Sektoren wie Luft- und Schifffahrt – werden kohlenstoffarme Kraftstoffe unerlässlich sein. Bis 2050 dürfte die Seeschifffahrt knapp 10 % aller CO2-Emissionen ausmachen. Und aktuell ist die Elektrifizierung von Schiffen noch keine praktikable Option. CO2-arme Kraftstoffe – insbesondere Biokraftstoffe und Kraftstoffe auf Basis von blauem und grünem Wasserstoff – bieten zahlreiche potenzielle Lösungen für Probleme im Zusammenhang mit E-Autos.

3. Transportbedarfsmanagement

Das Transportbedarfsmanagement ist eine Strategie zur Optimierung der Leistungsfähigkeit des Transportwesens. Dabei werden effektivere, gesündere und umweltfreundlichere Transportmittel gefördert. Ziel ist es, die Menschen dazu zu bringen, auf Fahrzeuge zur Alleinbenutzung zu verzichten und stattdessen auf effizientere Beförderungsmethoden umzusteigen, wie beispielsweise den ÖPNV, Fahrgemeinschaften, Mitfahrgelegenheit, sowie auf nicht motorisierte Fahrzeuge wie Fahrräder.

4. Elektrifizierung

Auf dem Weg zur Dekarbonisierung ist die Elektrifizierung ein Game Changer. Auf den Straßenverkehr entfallen aktuell etwa drei Viertel des weltweiten Energieverbrauchs im Verkehrssektor. Neben dem Zu-Fuß-Gehen, dem Radfahren und der Nutzung des ÖPNV gehört die Elektrifizierung von Fahrzeugen zu den Schlüsselinitiativen, um dieses Ziel zu erreichen. So haben zwar die höheren Fahrzeugkosten die Akzeptanz bei Privatpersonen gebremst, aber die langfristigen Einsparungen (Gesamtbetriebskosten = Betriebskosten + Anschaffungspreis) bei der Elektrifizierung von Nutzfahrzeugflotten sind wirtschaftlich sinnvoll.

Welche Chancen bieten sich für Anleger, die in die Infrastruktur von Schwellenländern investieren?

Wenn wir den Umfang der Investitionen verdreifachen wollen, die für Netto-Null erforderlich sind – von 390 Milliarden US-Dollar pro Jahr in den frühen 2020er Jahren auf 1,2 Billionen US-Dollar in den 2030er Jahren –, ist die Mobilisierung privater Finanzmittel entscheidend.

Elektrifizierung

Von den vier wichtigsten Impulsgebern für die Dekarbonisierung ist die Elektrifizierung heute wohl der beste Ausgangspunkt für Anlagechancen.

Die indische Automobilindustrie ist die fünftgrößte der Welt und wird bis 2030 voraussichtlich die drittgrößte sein. Einen derartig großen Inlandsmarkt zu versorgen, ist nicht nachhaltig, wenn man sich auf eine konventionelle, kraftstoffintensive Mobilität verlässt. Indien wird durch die Umstellung auf Elektrofahrzeuge an vielen Fronten profitieren. Das Land besitzt eine Fülle von erneuerbaren Energiequellen und hat zudem Facharbeiter in den Bereichen Technologie und Fertigung.

Indien hat bereits das größte Flottenengagement von Unternehmen im Rahmen von EV100, einer globalen Initiative der Umweltorganisation „Climate Group“. Die EV100 besteht aus 122 Unternehmen, die sich verpflichtet haben, ihre Fahrzeugflotte bis 2030 auf E-Fahrzeuge umzustellen und/oder Ladestationen für Mitarbeiter und/oder Kunden einzurichten. Zu diesen Firmen zählen Flipkart, Myntra, IKEA und Zomato, die sich bis 2030 auf die vollständige Umstellung auf E-Autos verpflichtet haben. Indiens geplante Elektrifizierung von 194.388 Fahrzeugen übertrifft Großbritannien mit 176.154 und Frankreich mit 71.264 Fahrzeugen.

Auch in den ASEAN-Ländern nimmt das Interesse an der Elektrifizierung des Transportwesens ständig zu. Mit der wachsenden Akzeptanz von E-Autos in der Automobilbranche engagieren sich immer mehr Hersteller. In Südostasien ist Thailand einer der führenden Märkte für E-Autos. Es gibt eine Roadmap zur Fertigung von 1,2 Mio. Elektroautos und Errichtung von 690 Ladestationen.

Kfz-Hersteller sind nicht nur an der Fertigung von Elektroautos interessiert, sondern auch am Aufbau der erforderlichen Ladeinfrastruktur, wie VinFast in Vietnam.

Auch Südostasien ist auf dem besten Weg, ein globales Zentrum für die Batterieherstellung zu werden. In Thailand hat die thailändische Investitionsbehörde zehn Projekte zur Herstellung von Batterien genehmigt. Diese werden eine Jahreskapazität von 500.000 Autobatterien haben und zwei Projekte zur Herstellung von Ladestationen, die mehr als 4.400 Einheiten pro Jahr produzieren werden.

Indonesiens Regierung plant die Gründung einer staatlichen Holdinggesellschaft für die Herstellung von Batterien mit einer Jahresleistung von 8 bis 10 GWh. Das Land verfügt über reichliche Vorkommen von Nickel, das ein wichtiges Bauelement von Batterien für E-Autos ist. Aus diesem Grund traut man sich, in die Batterieproduktion einzusteigen.

CO2-arme Kraftstoffe

Auch für kohlenstoffarme Kraftstoffe eröffnen sich Möglichkeiten. Es bedarf allerdings zunächst der Entwicklung der Infrastruktur, um kohlenstoffarme Kraftstoffe weitläufig einzusetzen. Wasserstoff, Ammoniak, Methanol und verflüssigtes Methan erfordern Modifikationen an Motor- und Kraftstoffspeichersystemen. Damit nachhaltiger Wasserstoff zu einer lebensfähigen Industrie wird, müssen die Kosten in der gesamten Lieferkette optimiert und die Sicherheit verbessert werden. CO2-arme Kraftstoffe sind keine kurzfristige Lösung, wenngleich sie über ein bedeutendes Potenzial zur Dekarbonisierung verfügen und zahlreiche mittel- bis langfristige Anlagechancen versprechen.

Japan plant die Errichtung eines Versorgungsnetzes für Wasserstoff, das Australien und Brunei umfasst. Geplant ist der jährliche Import von 300.000 Tonnen Kraftstoff bis etwa 2030. Gemeinsam haben die drei Länder an der Kostensenkung für Wasserstoff gearbeitet, um ihn gegenüber fossilen Brennstoffen konkurrenzfähig zu machen. Damit soll ein gangbarer Weg zur Verringerung des CO2-Fußabdrucks aufgezeigt werden.

Der Schlüssel zu preiswertem Wasserstoff liegt in der Gewinnung aus Braunkohle, die in Australien reichlich vorhanden ist. Aufgrund ihrer schlechten Qualität wird Braunkohle nicht in großem Umfang in die ganze Welt verschifft und die Kosten sind gering. Abscheidungs- und Speichertechnologien reduzieren während der Herstellung von Wasserstoff die CO2-Emissionen. Das japanisch-australische Unternehmen, das Wasserstoff aus Braunkohle herstellt, hat in diesem Jahr seine erste Ladung auf den weltweit ersten Flüssigwasserstofftransporter geladen und einen Testlauf durchgeführt. Die japanische Werft Kawasaki Heavy Industries (KHI) baute das Schiff mit dem Namen „Suiso Frontier“. Das japanische Wort für Wasserstoff ist Suiso. In Brunei wurde 2019 eine Anlage zur Gewinnung von Wasserstoff aus Erdgas fertiggestellt, und die Lieferungen nach Japan haben bereits begonnen.

Der kohlenstofffreie Übergang gewinnt an Tempo und hat zunehmend das Potenzial, eine epochale Investitionsmöglichkeit zu sein.

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