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Nachhaltiges Investieren in Europa: drei Lektionen aus drei Jahren

Nachhaltiges Investieren ist rasch zum Mainstream geworden und unsere Erfahrungen haben uns in den vergangenen Jahren drei Lektionen gelehrt.

22.02.2022
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Authors

Nicholette MacDonald-Brown
Leiterin European Blend Equities
Scott MacLennan
Fondsmanager, Europäische Aktien

In den vergangenen drei Jahren haben wir einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Gesellschaft und Firmen erreicht, in die wir investieren. Die Idee, dass ein gewinnbringendes Unternehmen unabhängig von seinen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt betrieben werden kann, wurde so stark in Frage gestellt, dass sie heute überholt erscheint. Unsere kapitalistische Wirtschaft verlagert sich vorsichtig von einer kommerziellen zu einer bewussten Ökonomie.

Als Verwalter des Kapitals unserer Kunden müssen wir diesen Wendepunkt und die Chancen und Risiken, die er für Unternehmen darstellt, interpretieren. Wie wir dies tun, ist entscheidend für unsere Einschätzung der zukünftigen Wertschöpfung.

Um uns bei dieser Bewertung zu unterstützen, hat Schroders zwei digitale Tools entwickelt, SustainEx und CONTEXT. Sie werden am Ende dieses Artikels genauer erklärt. Kurz gesagt misst SustainEx die positiven oder negativen Auswirkungen eines Unternehmens auf die Gesellschaft. CONTEXT berücksichtigt hingegen die Chancen und Risiken, die sich aus seinen Beziehungen zu seinen Stakeholdern ergeben.

Diese beiden Instrumente ermöglichen es uns, Nachhaltigkeit in jede Phase unseres Anlagedenkens zu integrieren. Aber das „Geheimrezept“ des nachhaltigen Investierens liegt nicht in Daten, sondern in ihrer Interpretation. Die Grauschattierungen schwieriger Fälle, in denen eine einzelne Punktzahl oder Zahl einfach nicht ausreicht.

Dennoch haben uns diese Tools dabei geholfen, aus unseren Erfahrungen der vergangenen drei Jahre drei wichtige Lehren über nachhaltiges Investieren zu ziehen. Diese sind:

  • 1) Nachhaltiges Investieren kann absolut über Best-in-Class-Unternehmen hinausgehen;
  • 2) Die Umwelt ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor, der bei ESG-Anlagen zu berücksichtigen ist und
  • 3) Wir können (und müssen) unsere Position als Kapitalverwalter nutzen, um Veränderungen herbeizuführen.

Nachhaltiges Investieren geht über „Best-in-Class“ hinaus

Ein Beispiel dafür, wie unsere Nachhaltigkeitstools dazu beitragen, Unternehmen zu identifizieren, die nicht als Best-in-Class-Unternehmen gelten, ist unser Research zu Getinge AB, einem schwedischen Anbieter von Krankenhausausrüstung und Biowissenschaften.

Als wir uns das Unternehmen Anfang 2020 zum ersten Mal anschauten, vermittelten die Tools uns ein eher durchwachsenes Bild. Getinge wurde in SustainEx aufgrund der Stärke seiner Arzneimittelversorgung und Gehälter positiv bewertet, lag aber in CONTEXT im Vergleich zu Mitbewerbern deutlich unter dem Durchschnitt. Dies spiegelte hauptsächlich die schlechte Erfolgsbilanz des Unternehmens bei der Regulierungsbehörde unter einem früheren Managementteam wider, das aggressiv auf Kostensenkungen gedrängt hatte.

Um einen besseren Einblick zu erlangen, sprachen wir mit dem Head of Quality and Regulatory Compliance bei Getinge. Wir erfuhren, dass Probleme bei der Qualitätskontrolle, die von der US-Arznei- und Lebensmittelbehörde FDA bemängelt worden waren, gelöst wurden und dass sogar völlig neue Qualitätsstandards in die gesamte Organisation integriert wurden.

Diese neuen Qualitätsstandards wiederum bildeten die Grundlage für eine überarbeitete Geschäftsstruktur, die dazu beitrug, Abfall zu reduzieren und die Effizienz der Produktionsprozesse zu steigern. Sie führten auch zu einem neuen Anlageentscheidungsprozess, der das Geschäft auf Bereiche mit höherem Wachstum neu ausrichtete.

Das war für uns ein echter Aha-Moment: Ein Nachhaltigkeitsrisiko hatte sich in eine falsch bewertete Chance verwandelt. Wir hatten das Gefühl, dass die kulturelle Verbesserung und der organisatorische Wandel vom Markt noch nicht angemessen eingepreist wurden.

Wir sind der festen Überzeugung, dass der Rahmen und die Flexibilität unseres Prozesses an solchen Punkten in der Entwicklung eines Unternehmens das größte Renditepotenzial erschließen können. Der Prozess bestärkt uns auch in unserer Überzeugung, dass nachhaltiges Investieren nicht nur auf Best-in-Class-Unternehmen beschränkt sein sollte. Unternehmen, die Übergangsphasen, Innovationsphasen oder wesentliche Veränderungen durchlaufen, können ebenfalls Investitionspotenzial bieten.

Bei ESG geht es um mehr als nur um Umweltaspekte

Ein weiterer Bereich der Nachhaltigkeitsdebatte, in dem wir der Meinung sind, dass unsere Instrumente uns einen Investitionsvorteil verschaffen, betrifft das Gleichgewicht zwischen Umwelt, Sozialem und Governance.

Es überrascht nicht, dass das messbare und sichtbare Thema Umwelt dazu neigt, die Gespräche über Nachhaltigkeit sowohl auf Märkten als auch zu Hause am Esstisch zu dominieren. Wir verfolgen jedoch einen umfassenden Anlageansatz, der soziale und Governance-Faktoren berücksichtigt. Dies verhindert, dass ein Thema das andere übertrumpft, und ermöglicht eine Fokussierung auf das, was für ein bestimmtes Unternehmen am relevantesten ist.

Wir würden nicht erwarten, dass ein hervorragend geführtes oder ein sozial besonders engagiertes Unternehmen deshalb auch eine positive Umweltbilanz vorweisen muss. Und ebenso dürfen wir nicht der Annahme verfallen, dass ein Unternehmen mit einem positiven ökologischen Fußabdruck automatisch mit seinen sozialen oder Governance-Praktiken hervorstechen muss.

Nehmen wir die Hersteller von Windkraftanlagen als Beispiel. Ihre Umweltbilanz ist in Bezug auf ihre Rolle beim Übergang zu sauberer Energie und der Vermeidung von Emissionen unübertroffen.

Bei der Überprüfung dieser Unternehmen im Hinblick auf alle Interessengruppen tauchten jedoch einige potenzielle Warnsignale auf. Dazu gehörten Herausforderungen in Bezug auf eine konsequente Qualitätskontrolle und zukünftige Garantiekosten sowie Lieferketten- und Rohstoffschwierigkeiten. In einigen Fällen waren unerprobte Geschäftsleitungen ein Problem.

Das Investieren ist wie ein Mosaik: Materialität und Kontext sind wichtig. Der entscheidende Punkt ist, dass unsere Tools diese Probleme angezeigt haben, sodass wir eine fundierte Entscheidung treffen können.

Damit soll keineswegs die Bedeutung von Umweltthemen in der Nachhaltigkeitsdebatte heruntergespielt werden. Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, dass Nachhaltigkeit mehr ist als nur die Umwelt. Die ESG-Debatte entwickelt sich ständig weiter, wie während der Pandemie zu beobachten war, als die Fragilität von Arbeits- und Lieferketten in den Vordergrund gerückt wurde.

Vor allem sind wir der Meinung, dass ein klarer Fokus auf die Bewertung jeder erfolgreichen Anlageentscheidung zugrunde liegt, egal ob sie auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist oder nicht. Dies gilt unabhängig davon, wie kritisch ein Unternehmen nach außen hin erscheint.

Die Einflussnahme treibt Veränderung voran

Ein weiterer Bereich, in dem wir unserer Meinung nach einen Mehrwert für Unternehmen und Kunden schaffen können, ist unsere Fähigkeit, durch Einflussnahme Veränderungen herbeizuführen. Hier gibt es noch viel zu tun für uns.

Wir können die detaillierten Ergebnisse unserer Nachhaltigkeitstools nutzen, um auf der Grundlage wirklich zielgerichteter Einflussnahmen mit Unternehmen zusammenzuarbeiten. Diese könnten eine Reihe von Themen behandeln, von Unternehmensstrategie und Vergütung über Klimawandel und Humankapitalmanagement bis hin zu Reaktionen auf Kontroversen.

Ein Beispiel dafür wäre Volkswagen, der deutsche Automobilhersteller, der 2015 in eine Governance-Krise geriet. Daraus entstand der „Dieselgate“-Skandal, der eine Vielzahl nicht nachhaltiger Praktiken im gesamten Unternehmen ans Licht brachte.

Der Weg zurück für Volkswagen war lang und schwierig, aber der schwierigste Punkt kann der der größten Veränderung sein. Unser Analystenteam hat die Fortschritte genau überwacht und stand in jeder Phase der Reise mit Volkswagen in Kontakt, um positive Veränderungen zu fördern und den Übergang von vergangenen Risiken zu zukünftigen Chancen zu ermöglichen.

Einige der von uns verfolgten Änderungen sind ganz einfach: So wird es Whistleblowern des Unternehmens ermöglicht, Beschwerden in einer anderen Sprache als Deutsch einzureichen. Andere sind komplexer, wie die Verwaltung ihrer Werksanlagen in Xinjiang, China, die Umschulung ihrer gesamten Belegschaft von einer mechanischen auf eine elektrische Produktionslinie in einer Welt der Elektrofahrzeuge oder die Umstrukturierung und der Verkauf von nicht zum Kerngeschäft gehörenden Vermögenswerten.

Diese Art von Einflussnahme erfordert Zeit und Arbeitskraft. Wir sind der Meinung, dass unser Prozess weitaus gründlicher und zukunftsgerichteter war als der der Drittanbieter von Nachhaltigkeitskennzahlen, die dazu neigen, der Vergangenheit zu viel Gewicht einzuräumen und daher Veränderungen nur sehr allmählich zu berücksichtigen. Dies verschafft uns einen Vorteil, sodass wir anderen Investoren voraus sein und von der anschließenden Änderung der Marktwahrnehmung profitieren können.

Die Herausforderung bei der Einflussnahme besteht immer darin, die richtige Balance zu finden. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was für das Unternehmen am wichtigsten ist, und können daher die sinnvollsten Veränderungen bewirken, während wir gleichzeitig sicherstellen, dass alle potenziellen Wege für zukünftige Kontroversen eingehend geprüft werden.

Natürlich werden wir Fehler machen und nicht alle Einflussnahmen werden zu Veränderungen führen. Aber unsere Denkweise besteht darin, aus vergangenen Erfahrungen zu lernen und sie bei zukünftigen Einflussnahmen in die Praxis umzusetzen, um uns dabei zu helfen, bessere Anlageentscheidungen zu treffen.

Schroders verwendet SustainEx™, um die Nettoauswirkungen eines Anlageportfolios unter Berücksichtigung bestimmter Nachhaltigkeitsmaßnahmen gegenüber dem Vergleichsindex eines Produkts, sofern relevant, zu schätzen. Dies geschieht unter Verwendung von Daten Dritter sowie von eigenen Schätzungen und Annahmen von Schroders, und das Ergebnis kann von anderen Nachhaltigkeitsinstrumenten und -maßnahmen abweichen.

CONTEXT prüft die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells eines Unternehmens hinsichtlich bestimmter Maßnahmen. Darüber hinaus verwendet es die Daten Dritter sowie unsere eigenen Schätzungen und Annahmen.

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Nicholette MacDonald-Brown
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Scott MacLennan
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