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Q&A: Das Ende der Ölriesen?

Unser Beitrag „In the News“ befasst sich mit dem bahnbrechenden Ereignis letzte Woche, als die Ölriesen für den Klimawandel zur Verantwortung gezogen wurden. Wir erklären, was genau passiert ist und wie Schroders im Namen seiner Kunden reagiert hat.

23.06.2021
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Authors

Andrew Oxlade
Vicki Owen
Nachhaltigkeits- & Vermögensspezialistin

Die Ölbranche sah sich in der vergangenen Woche mit einem regelrechten Paradigmenwechsel konfrontiert, als Klimaaktivisten und Vermögensverwalter auf den Jahreshauptversammlungen der US-Unternehmen ExxonMobil und Chevron auf die Barrikaden gingen.

In Europa hat der britisch-niederländische Ölriese Shell einen historischen Prozess verloren. Das Unternehmen wird gezwungen, seine Kohlenstoffemissionen erheblich zu senken.

In dieser neuesten Ausgabe der Serie In the News erklären wir, was genau passiert ist und wie Schroders als seit vielen Jahren in diesem Bereich aktives Unternehmen seinen Einfluss im Klimakampf geltend macht.

Was passierte bei ExxonMobil?

Der Hedgefonds Engine No.1 schlug Beschlüsse auf der Jahreshauptversammlung von Exxon vor, nach denen vier Vorstandsmitglieder durch Nachfolger seiner Wahl ersetzt werden sollten. Dies wurde von den Anlegern, darunter einige der grössten Pensionsfonds der USA, unterstützt.

Schroders stimmte für alle vier Beschlüsse. Dies galt auch für andere Investoren, wie BlackRock, Vanguard und den Investmentfonds der Church of England.

Zwei der Beschlüsse wurden angenommen, sodass dem Vorstand zwei neue Mitglieder beitraten: Gregory Goff, Führungskraft bei Marathon Petroleum und Andeavor, und Kaisa Hietala, ehemals bei Neste Oyj. Diese Vorstandsmitglieder wurden aufgrund ihrer Expertise zum Thema Nachhaltigkeit und Energiewende ausgewählt.

Gestern nahm der dritte Kandidat, Alexander Karsner, Stratege beim Google-Eigentümer Alphabet Inc und ehemaliger Vizeminister des US-Energieministeriums, einen Sitz im Vorstand des amerikanischen Energiekonzerns ein.

Was ist Engine No.1?

Es handelt sich um einen Hedgefonds mit Sitz in San Francisco, der im Dezember vom Industrieveteranen Chris James gegründet wurde. Der Name nimmt Bezug auf eine der berühmtesten Feuerwachen der Stadt.

Es gibt sechs weitere Vorstandsmitglieder mit einem Hintergrund in Private Equity, Aktivismus, Umweltschutz und Technologie.

Angeführt wurde die Kampagne von Charlie Penner, einem der sechs. In einer früheren Position arbeitete er mit California State Teachers Retirement System zusammen, um Veränderungen bei Apple durchzusetzen.

Warum wurde Exxon ins Visier genommen?

Die Aktien von Exxon, das unter den Marken Esso und Mobil handelt, blieben in den vergangenen fünf Jahren hinter dem Branchendurchschnitt zurück. Während einige Ölunternehmen sich der Energiewende stellten, sagt Engine No.1, dass Exxon dies nicht getan habe. Es besteht die Befürchtung, dass Exxon durch die Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels verlorenen Vermögenswerten ausgesetzt sein wird.

Der Druck stieg, als das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Verlust von 22,4 Mrd. US-Dollar erlitt. Hauptgrund waren die weltweit einbrechenden Ölpreise aufgrund der Covid-19-Krise. Chris James von Engine No.1 sagte gegenüber Bloomberg: „Es war eine Kampagne, die auf Logik und Ökonomie aufbaute.“

Was passierte bei Chevron?

Die Jahreshauptversammlung sorgte am selben Tag wie die von Exxon für einen weiteren Schock. 61 % der Aktionäre stimmten für einen Beschluss, der das Unternehmen, das auch als Texaco firmiert, aufforderte, die Scope-3-Emissionen seiner Produkte „erheblich zu reduzieren“. Das Unternehmen sagte, es werde das Ergebnis sorgfältig prüfen.

Chevron ist bei der Festlegung eines Netto-Null-Ziels, das die CO2-Emissionen des verkauften Öls und Gases berücksichtigt, hinter seinen Mitbewerbern zurückgeblieben.

Wir unterstützten den Beschluss und stimmten erneut gegen den Vorsitzenden des Governance-Ausschusses, um unsere Enttäuschung über die fehlenden Fortschritte bei der Festlegung solider Emissionsziele zum Ausdruck zu bringen. 

Was passierte bei Shell?

Allgemein besteht der Eindruck, dass sich europäische Unternehmen schneller verändern als ihre Pendants aus den USA. Aber auch Shell wurde vergangene Woche mit einem Weckruf konfrontiert. In einem Rechtsfall von Friends of the Earth trug ein niederländisches Gericht dem Unternehmen auf, seine CO2-Emissionen bis 2030 um 45 % gegenüber 2019 zu reduzieren.

Shell hat sich kürzlich das Ziel gesetzt, die CO2-Intensität seiner Produkte bis 2023 um mindestens 6 %, bis 2030 um 20 %, bis 2035 um 45 % und bis 2050 um 100 % gegenüber 2016 zu senken. Laut Reuters ist dies eine der ehrgeizigsten Klimastrategien der Branche.

Das Gericht sah das jedoch anders: Die Klimapolitik von Shell sei „wenig konkret und voller Vorbehalte“.

Shell sagte, dass es gegen das Gerichtsurteil Berufung einlegen werde und dass es seinen Plan dargelegt habe, bis 2050 ein Netto-Null-Unternehmen zu werden.

Warum tut sich gerade jetzt so viel?

Jedes Jahr machen die Klimaaktivisten die Hauptversammlungssaison von April bis Juni zu einem Forum, um Veränderungen voranzutreiben, wenn auch manchmal nur, indem sie das Licht der Öffentlichkeit auf Fehler werfen. Ölunternehmen sehen sich auch mit langfristig schwachen Finanzergebnissen konfrontiert, die teilweise auf den Rückgang des Rohölpreises zurückzuführen sind. Jedoch ist man sich inzwischen der Kosten für die Aktionäre bewusst, die entstehen, wenn Unternehmen nicht schnell genug reagieren – insbesondere angesichts sich schnell ändernder Gesetze.

Wie es Gillian Tett in der Financial Times ausdrückte: „Die neuen Aktivisten wollen nicht nur die Welt retten. Sie wollen auch ihre eigenen Portfolios in einer Welt schützen, in der die Aufsichtsbehörden grüne Standards durchsetzen.“ 

Den Ereignissen der vergangenen Woche ging ferner ein Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) voraus. In dem Bericht hiess es, dass die Erschliessung neuer Öl- und Gasfelder in diesem Jahr eingestellt werden muss und keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden dürfen, wenn das Netto-Null-Ziel bis 2050 erreicht werden soll. Der Bericht forderte auch, dass nach 2035 keine neuen Autos mehr verkauft werden, die noch mit fossilen Brennstoffen betrieben werden.

Wie geht es weiter?

Die Aufmerksamkeit wird sich zunehmend auf die COP26 richten, den bevorstehenden Klimagipfel der Vereinten Nationen. Es handelt sich um die 26. UN-Klimakonferenz, die im November in Glasgow stattfinden wird. 

Über 190 Länder haben das Pariser Klimaabkommen der COP21 im Jahr 2015 unterzeichnet. Ziel des Abkommens ist es, den Temperaturanstieg im Vergleich zum Niveau von 1900 auf deutlich unter 2 Grad Celsius und idealerweise auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Die jüngsten Daten des Climate Progress Dashboard von Schroders – unser Klimawandel-Tracker – deuten darauf hin, dass der Fortschritt zu langsam ist. Derzeit lautet die Prognose auf einen Anstieg von 3,6 Grad.

Aktivisten hoffen, dass auf der COP26 oder im Vorfeld weitere Massnahmen vereinbart werden.

Unternehmen, die im Bereich fossile Brennstoffe aktiv sind, und Banken, die ihnen Kredite gewähren, werden in diesem Jahr voraussichtlich mehr denn je im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Anleger gehen bei der Einflussaufnahme auf Unternehmen zunehmend koordinierter vor. Die Initiative Climate Action 100+ wird von 575 institutionellen Investmentfirmen unterstützt, darunter auch Schroders. Sie repräsentieren ein verwaltetes Vermögen im Wert von 54 Bio. US-Dollar.

Diese Entwicklungen gehen jedoch über die Ölbranche hinaus. In diesem Jahr konzentriert sich unsere Einflussnahme auf die Banken, die diese Unternehmen finanzieren. Wir stellen bereits einige ermutigende Anzeichen fest.

So hielten Anleger der britischen Organisation ShareAction die Bank HSBC dazu an, die Finanzierung von Kohlekraft und die Gewinnung von Kraftwerkskohle in der EU und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bis 2030 und weltweit bis 2040 einzustellen.

Auf Druck des von ShareAction angeführten Klimaantrags wurde im Mai ein neuer, von der Geschäftsführung vorgeschlagener Beschluss mit überwältigender Mehrheit verabschiedet.

Unsere Einschätzung

Beschlüsse auf Hauptversammlungen sind nur ein Teil des Bildes zur Einflussnahme auf Unternehmen. Aktive Vermögensverwalter sollten das ganze Jahr über mit Unternehmen im Dialog stehen, um Risiken zu erkennen und den Wert für ihre Kunden zu steigern.

Rory Bateman, Globaler Leiter Equities, kommentiert: „Es besteht kein Zweifel daran, dass die Ölbranche schneller handeln muss. Es gibt verschiedene Mechanismen, die dabei helfen können.

Wir sind der Meinung, dass es wichtig ist, konsequent mit Unternehmen zusammenzuarbeiten. Wir treffen uns regelmässig mit Mitgliedern der Geschäftsführung und dem Vorstand, um darüber zu sprechen, wie sie Veränderungen schneller vorantreiben können.

Wir unterstützen Beschlüsse, wenn Unternehmen nicht schnell genug reagieren. Unterlassene Massnahmen erhöhen das finanzielle Risiko für unsere Kunden. Das können wir nicht akzeptieren.

Jeder Beschluss muss jedoch auf Einzelfallbasis beurteilt werden. Dazu ist eine sorgfältige fundamentale Analyse des Beschlusses und des Verhaltens des Unternehmens notwendig. In einigen Fällen können diese Beschlüsse nämlich der Geschäftsleitung die Hände binden und damit den Klimakampf erschweren.“

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