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Der schöne Müll: viel zu schade zum Wegwerfen

Da sich die Müllvermeidung bei den Konsumenten nicht recht durchzusetzen scheint, beleuchten wir, wie unser Abfall als Energiequelle dienen und den Verbrauch fossiler Brennstoffe verringern kann.

14.06.2019

Marc Hassler

Marc Hassler

Analyst für nachhaltige Anlagen

Niemand sieht ihn gern, aber er ist überall. Das Volumen an Hausmüll – bestehend aus entsorgten Artikeln des täglichen Bedarfs – soll sich nach Angaben der Weltbank bis 2025 von 1,3 Mrd. Tonnen auf 2,2 Mrd. Tonnen nahezu verdoppeln.1

Das entspricht einem Anstieg von 1,2 auf 1,42 kg pro Person und Tag über die nächsten 15 Jahre.2 Die Ozeane werden bis 2050 mehr Plastik als Fisch enthalten, so die Schätzungen des Weltwirtschaftsforums, was das Ausmaß der Problematik noch unterstreicht.3

Steigende Einkommen und die zunehmende Urbanisierung spielen eine entscheidende Rolle, da sie die Müllentstehung beschleunigen. In den Industrienationen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) entsteht fast die Hälfte der weltweiten Abfälle.

Abfallaufkommen pro Kopf und Tag

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Quelle: Weltbank, März 2012.                                                                        

Des anderen Freud

Inzwischen wird Abfall jedoch immer häufiger als das betrachtet, was er sein könnte: ein wertvoller Rohstoff. Eine Tonne Feststoffabfall kann 500 bis 600 kWh Strom erzeugen. Bei einem jährlichen Abfallvolumen von etwa 700 Mio. Tonnen in den OECD-Staaten4 ergibt sich somit ein Energiepotenzial von annähernd 370.000 GWh, wovon derzeit ungefähr 35 % auf den Mülldeponien landen.5 Würde man all diese Festabfälle in Elektrizität umwandeln, ließe sich der Anteil fossiler Brennstoffe an der Stromerzeugung in den OECD-Ländern um ca. 6 % reduzieren. Das entspricht – je nach Energieträgermix – in etwa der Einsparung aller Treibhausgasemissionen von Norwegen, Portugal und der Slowakei zusammen.

Wie viel Kohlendioxid ließe sich durch Müllverwertung einsparen?

Jährliche Emissionen in Tonnen CO-Äquivalent (Tsd.)

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Quelle: WTET, Columbia University.

Das ist natürlich ein komplexes Thema. Es gibt keine Patentlösung für die Nutzung von Abfällen als Energieträger, und die Wertschöpfung wird sehr wahrscheinlich nicht so geradlinig verlaufen, wie unsere Schätzungen nahelegen. Nicht alle Abfälle sind gleichermaßen zur Energiegewinnung geeignet. Unser vereinfachtes Beispiel oben skizziert lediglich die potenzielle Größenordnung, in der eine produktive Abfallaufbereitung einen Mehrwert erzielen könnte.

Bei den Regulierungsbehörden und Unternehmen wächst indes die Erkenntnis, dass sie ihren Beitrag zu den weltweiten Emissionen erheblich reduzieren können. Ihr Handeln – nebst technologischen Fortschritten – eröffnet zunehmend attraktive Geschäftsperspektiven.

Dieses Feld wird sich wahrscheinlich weiterentwickeln; die Technologien reichen von der traditionellen Müllverbrennung zur Wärmeerzeugung bis hin zu neueren Ansätzen wie plastikfressenden Bakterien.6 An neuen Ideen mangelt es nicht. Unabhängig von der verwendeten Technologie zeigen die Verbraucher derweil kaum eine Tendenz zum Konsumverzicht oder zur Müllvermeidung. Die Abfallverwertung könnte entscheidend dazu beitragen, den Temperaturanstieg auf 2 °C zu begrenzen.


1 https://siteresources.worldbank.org/INTURBANDEVELOPMENT/Resources/336387-1334852610766/Chap3.pdf

2 https://siteresources.worldbank.org/INTURBANDEVELOPMENT/Resources/336387-1334852610766/Chap3.pdf

3 http://www3.weforum.org/docs/WEF_The_New_Plastics_Economy.pdf

4 https://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=MUNW

5 http://www.oecd.org/daf/competition/Waste-management-services-2013.pdf

6 https://www.independent.co.uk/environment/plastic-eating-bacteria-pollution-crisis-environment-microbes-student-a8423146.html


Schroders hat in diesem Dokument eigene Ansichten und Meinungen zum Ausdruck gebracht. Diese können sich ändern.