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Warum erneuerbare Energien vom Trend zum grünen Wasserstoff profitieren könnten


Der Hintergrund: Netto-Null ändert alles

Eines der bemerkenswertesten Merkmale der Klimapolitik in den letzten Jahren war die Zunahme der nationalen und internationalen „Netto-Null“-Ziele. Zu den Ländern und Regionen, die diese Ziele verfolgen, gehören Europa, Großbritannien, China, Südkorea, Japan, Kanada, Südafrika und einige US-Bundesstaaten.

Wenngleich dies langfristige Ziele sind, sind sie unglaublich effektiv, wesentlich effekiver als etwa ein 80%iges Dekarbonisierungsziel. Bei einem CO2-Reduktionsziel von 80 % könnte sich eine ganze Reihe kohlenstoffintensiver Industrien zu den 20 % zählen, die sich strukturell nicht verändern müssen. Wird jedoch ein Netto-Null-Ziel vereinbart, kann sich niemand mehr verstecken oder herausreden.

Was uns zu grünem Wasserstoff bringt: Die Technologie, die wahrscheinlich entscheidend für die Bewältigung dieser schwieriger zu reduzierenden CO2-Emissionen ist. Die Stromerzeugung und der Automobilsektor können durch erneuerbare Energien und Batterien dekarbonisiert werden. In bestimmten Regionen kann auch die Wärmeerzeugung durch den Einsatz von mit erneuerbarer Energie betriebenen Wärmepumpen dekarbonisiert werden.

Allein diese Trends erfordern einen deutlichen Ausbau der erneuerbaren Energien. Für Schwertransporte und die Schifffahrt, industrielle Prozesse wie die Stahlerzeugung, die langfristige Speicherung von Energie für das Netz und einige Formen der Wärmeerzeugung dürfte die technologische Lösung jedoch grünen Wasserstoff beinhalten.

Wie könnte sich der Strommix in einem Szenario mit grünem Wasserstoff entwickeln?

Wasserstoff wird nur dann als „grün“ eingestuft, wenn er durch Elektrolyse von Wasser erzeugt wird und der Strom aus erneuerbaren Energien stammt. Der heute verwendete Wasserstoff wird typischerweise durch Kohlevergasung oder aus Erdgas erzeugt: definitiv keine grünen Verfahren. Der Ausbau von grünem Wasserstoff hat somit einen Multiplikatoreffekt auf die bestehenden Prognosen für erneuerbare Energien, die sich im Allgemeinen auf die direkte Elektrifizierung und Dekarbonisierung und nicht auf die „indirekte“ Elektrifizierung und Dekarbonisierung über Wasserstoff konzentrieren.

Ein neuer Bericht von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) zeigt einen möglichen Weg zur Energiewende auf. Darin wird beschrieben, wie die Welt durch den Ausbau von sauberem Strom und grünem Wasserstoff eine Dekarbonisierung auf ein nachhaltiges Niveau (1,75 Grad Erwärmung) erreichen könnte. Wasserstoff macht heute weniger als 0,001 % der Endenergie aus, aber im BNEF-Szenario wächst er auf rund 25 %: ein massiver Ausbau.

Unten: der wachsende Anteil von Strom und Wasserstoff im BNEF-Szenario für sauberen Strom und Wasserstoff:

Was bedeutet das für das Wachstum der erneuerbaren Energien?

In dem nachhaltigen Szenario expandiert der globale Stromsektor von 7,4 Terawatt (TW) im Jahr 2019 auf 43 TW im Jahr 2050, da Strom Anteile anderer Energiequellen übernimmt. Die Erzeugungskapazität der Fotovoltaik-Anlagen steigt von 0,64 TW im Jahr 2019 auf 16 TW und die Onshore-Windleistung von 0,6 TW im Jahr 2019 auf 11 TW. Im Vergleich dauerte es rund 20 Jahre, bis der Meilenstein von 1 TW für Solar- und Windanlagen zusammen erreicht war.

In den nächsten zwei Jahrzehnten muss in diesem Szenario jährlich fast 1 TW an erneuerbaren Energien hinzugefügt werden (375 Gigawatt (GW) Wind- und 540 GW Fotovoltaik-Energie). Für 2020 prognostiziert BNEF Windkraftanlagen mit einer Leistung von ca. 72 GW (0,07 TW) und Solaranlagen mit einer Leistung von ca. 127 GW (0,13 TW). Es wird deutlich, dass sich die Bereitstellung erneuerbarer Energien in den kommenden Jahren erheblich beschleunigen muss. 

Unten: die Differenz der kumulativen installierten Kapazität (oben) und der Kapazitätsergänzungen pro Jahrzehnt (unten) in dem Szenario von BNEF für sauberen Strom und Wasserstoff gegenüber dem Basisszenario des wirtschaftlichen Übergangs.


Wie viel muss investiert werden, um dieses Wachstum zu unterstützen?

Es ist eine starke Zunahme der Kapitalinvestitionen erforderlich, um diesen Ausbau der erneuerbaren Energien zu unterstützen, sogar unter Berücksichtigung anhaltender Kostenrückgänge. Allein die Entwicklung des Stromversorgungssystems im Rahmen des nachhaltigen Szenarios erfordert in den nächsten 30 Jahren Investitionen in Höhe von rund 35,1 Bio. US-Dollar in Batterien und Stromerzeugung (Schätzungen des BNEF).

Die zusätzliche Kapazität, die zur Erzeugung von grünem Wasserstoff für Sektoren benötigt wird, die nicht durch direkte Elektrifizierung dekarbonisiert werden können, würde weitere 11,6 Bio. US-Dollar erfordern.

Warum ist das für Investoren wichtig?

Der Ausbau des Marktes für erneuerbare Energien würde nicht nur den Herstellern von Geräten zur Nutzung erneuerbarer Energie (Turbinen, Lieferkette für Solarmodule, Wechselrichter) zugutekommen, sondern auch den Nutznießern von Ausgaben für ergänzende Ausrüstungsgüter, die erforderlich sind, um alles in das System zu integrieren, beispielsweise Kabel und Netzwerke. Die Frage ist jetzt, wie viel bereits eingepreist ist.

Es besteht zwar große Unsicherheit über den oben beschriebenen Weg, und die Wirtschaftlichkeit von grünem Wasserstoff muss genau überwacht werden. Wir sind uns jedoch einig, dass dieses potenzielle Wachstum noch nicht in Schätzungen berücksichtigt wird.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.