3 Min | Perspektiven

Warum Sie nicht versuchen sollten, die Marktspitze abzupassen


Ende März wies der S&P 500 Index der US-Großunternehmen auf Sicht der vergangenen zwölf Monaten ein KGV von 34 auf. Dies ist teurer als auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase Ende 1999, als der Wert beim 31-Fachen lag, 

und liegt weit über dem 50-Jahres-Durchschnitt (das 17-Fache).

Man könnte zu Recht argumentieren, dass die vergangenen zwölf Monate durch die Pandemie verzerrt wurden und dies kein fairer Vergleich ist.

Ähnlich verhält es sich jedoch, wenn wir die Aktienkurse mit den über einen längeren Zeitraum geglätteten Gewinnen vergleichen. Dies erfolgt über das zyklisch angepasste Kurs-Gewinn-Verhältnis, auch bekannt als CAPE oder Shiller-KGV (benannt nach dem Akademiker Robert Shiller).

Das Shiller-KGV vergleicht die Preise inflationsbereinigt mit den Durchschnittsgewinnen der vergangenen zehn Jahre.

Ende März wurde der US-Aktienmarkt mit einem Shiller-KGV von 36 gehandelt. Der historische Durchschnitt über 140 Jahre liegt bei 17. Über einem Stand von 36 lag er bislang nur einmal, nämlich zum Höhepunkt der Dotcom-Blase.

Sollten Sie also verkaufen?

Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Sie haben Optionen. Sicherlich gibt es Gründe, die für einen Ausstieg sprechen. Aber es ist über Jahre sehr schwierig, Marktspitzen zu identifizieren. Unsere Analysen zeigen, dass der Ausstieg aus Aktien aufgrund beunruhigender Bewertungen in der Vergangenheit für einige Anleger zu Verlusten führte. Sie könnten Ihr Engagement möglicherweise reduzieren. Drastische Maßnahmen können aber erhebliche Folgen für Ihren zukünftigen Wohlstand haben.

Was kostet es mich, wenn ich zu früh aussteige?

Nehmen wir an, Sie sind ein Anleger an der US-Börse. Und Ihnen wird unwohl dabei, wenn die Marktbewertung mehr als 50 % über den bisherigen Erfahrungswerten liegt – eine faire Annahme, die auf die meisten Menschen zutrifft. Wann immer das passiert, verkaufen Sie Ihre Aktien. Und Sie steigen wieder in den Markt ein, wenn die Bewertungen nicht mehr so teuer sind.

Wäre das eine gute Strategie? Die kurze Antwort lautet: nein.

Wenn Sie diese Entscheidungen auf der Grundlage des Shiller-KGV getroffen hätten, wären Sie – von einigen wenigen Monaten abgesehen – seit 2013 nicht mehr an der Börse gewesen. Sie hätten auch die Dotcom-Blase verpasst, und zwar nicht nur die späteren Phasen, sondern auch die ersten Jahre, sowie die meisten Jahre im Vorfeld der Finanzkrise.

Die folgende Tabelle zeigt, welche Renditen Ihnen entgangen wären, wenn Sie diese Strategie in jeder Episode mit scheinbar superteuren Bewertungen befolgt hätten. Einige sind sehr kurz, wobei sechs Episoden für bis zu drei Monate anhielten.

Im Durchschnitt hätten Anleger durch einen zu frühen Verkauf potenzielle Zugewinne von 43 % verpasst.

In der Vergangenheit stieg der Markt durchschnittlich 17 Monate lang, bevor er seinen Höhepunkt erreichte. Dieses Mal sind es zwölf Monate seit Beginn der letzten Hausse.

Aber lassen sich mit dem Verkauf bei teuren Märkten Verluste vermeiden?

Nur weil der Markt weiter stieg, heißt das nicht, dass die Anleger all diese Gewinne auch hätten einstreichen können. Alle Hausse-Märkte erreichen irgendwann ihr Ende. Wenn Sie investiert geblieben wären, wären Sie einem Abschwung ausgesetzt gewesen, den Sie durch den Verkauf hätten vermeiden können.

Unsere Analyse zeigt jedoch, dass umgangene Verluste im Durchschnitt nicht ausreichen würden, um die verpassten Gewinne auszugleichen.

In 10 von 14 Fällen erzielte der US-Markt in dem Zeitraum, in dem er um mehr als 50 % überteuert war, eine positive Rendite (bei den beiden als 0 % angegebenen Zahlen handelt es sich um kleine positive Renditen, die abgerundet wurden). Dies gilt unter Berücksichtigung von Rückzügen gegenüber dem Höhepunkt. In einigen Fällen wären sehr hohe Renditen erzielt worden.

Und selbst in den Fällen, in denen Verluste entstanden wären, wären sie ziemlich gering gewesen.

Insgesamt gesehen ergibt sich daraus ein großer Unterschied

Im Gegenzug hätte eine Strategie, die durchgehend investiert blieb, in den letzten 130 Jahren eine jährliche Rendite von 9,7 % erzielt. Dies steht im Vergleich zu 7,4 % pro Jahr für eine Strategie, die auf liquide Mittel umschichtete (vorausgesetzt, Bargeld wird in Schatzwechsel investiert und Transaktionskosten werden ignoriert). Über einen so langen Zeitraum summieren sich diese 2,3 % pro Jahr zu einem sehr großen Unterschied.

Hätte man im Jahr 1890 100 US-Dollar in eine Strategie investiert, die auf liquide Mittel umschichtet, wäre das Geld inzwischen 1,1 Mio. US-Dollar wert. Das ist ein recht gutes Ergebnis. Wäre man aber investiert geblieben, wären 100 US-Dollar zu 18,1 Mio. US-Dollar angewachsen.

Es gelten die üblichen Vorbehalte, dass die Wertentwicklung in der Vergangenheit kein Leitfaden für die Zukunft ist. Dies zeigt jedoch, wie schwierig und möglicherweise kostspielig es sein kann, den Markthöhepunkt zu identifizieren.

Fazit

Es ist selten eine gute Idee, Ihre Aktien zu verkaufen, nur weil der Markt teuer erscheint. Er kann nämlich noch teurer werden. Er kann sogar billiger werden, ohne zu fallen (bei ansonsten gleichen Bedingungen wird eine Erholung der Gewinne, wie in diesem Jahr prognostiziert, zu einer Verbilligung der ergebnisbasierten Bewertungskennzahlen führen).

Das bedeutet nicht, dass Sie Bewertungen ignorieren sollten. Sie können ein wichtiges Instrument bei der Einschätzung langfristiger Renditen sein und befinden sich derzeit auf einem historisch extremen Niveau. Beachten Sie aber auch deren Grenzen und berücksichtigen Sie ein breiteres Spektrum von Faktoren.

Und wägen Sie Ihre Reaktion gegenüber Ihrer Überzeugung, Ihren Anlagezielen, Ihrer Risikobereitschaft und Ihrem Anlagehorizont ab. Sie könnten eine Reduzierung Ihrer Aktienallokation in Betracht ziehen, wenn Sie beunruhigt sind. Oder Sie könnten darüber nachdenken, in Bereiche umzuschichten, in denen Bewertungen einen weniger ausgereizten Eindruck machen, wie Märkte außerhalb der USA oder Substanzwerte. Es ist aber sehr schwierig, den richtigen Zeitpunkt für einen dramatischen Ausstieg abzupassen.

Denken Sie daran: Wenn Sie Geschichten über Menschen lesen, die die Marktspitze identifizieren konnten, lesen Sie nur über die Gewinner. Und nicht über die vielen, die es gewagt haben und scheiterten. Überschätzen Sie sich nicht.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von den Autor*innen und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.