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Was uns das Gefangenendilemma über den Klimawandel sagt

Die Spieltheorie kann erklären, warum die Bekämpfung des Klimawandels bisher nur schleppend umgesetzt wurde. Nun, da die Proteste weltweit an Dynamik gewinnen und das Interesse am Klimawandel wächst, könnten wir uns aber einem Wendepunkt nähern.

18.07.2019

Marc Hassler

Marc Hassler

Analyst für nachhaltige Anlagen

Das Gefangenendilemma ist ein bekanntes Konzept der Spieltheorie, die untersucht, wie und warum Menschen miteinander kooperieren oder konkurrieren.

Gemäß dem Gefangenendilemma besteht die Gefahr, dass rational agierende Menschen nicht miteinander kooperieren, obwohl dies in ihrem gemeinsamen Interesse läge. Indem den jeweils eigenen Interessen Priorität eingeräumt wird, kann das rationale Verhalten zu einem insgesamt schlechteren Ergebnis führen.

Im Kontext des globalen Klimawandels ist das Gefangenendilemma heute relevanter als je zuvor.

Es hilft uns zu verstehen, warum Länder auf der ganzen Welt so lange mit entschlossenen Maßnahmen zur Begrenzung eines weiteren Temperaturanstiegs gewartet haben, obwohl Wissenschaftler immer wieder vor den drohenden Gefahren warnten.

Der Klimawandel ist ein globales Problem, das Einzelmaßnahmen von vielen Menschen, Unternehmen und Ländern weltweit erfordert. Die Kosten sind ebenfalls global zu sehen und resultieren aus den kollektiven Maßnahmen der Weltgemeinschaft. Sie werden außerdem weit größere Auswirkungen auf künftige Generationen haben, als es heute der Fall ist. Da die erforderlichen Maßnahmen weitreichende Veränderungen erfordern, werden sich die meisten Menschen entschließen, die Bürde anderen zu überlassen. Damit wird das globale Problem ausgeblendet. 

In der jüngsten Vergangenheit jedoch hat sich das Kosten-Nutzen-Kalkül, das mit der Handlung eines jeden Spielers verbunden ist, verändert. So sind die Kosten des Handelns gesunken, während auf der anderen Seite klarer zu erkennen ist, welche Vorteile die Adressierung von Klimarisiken mit sich bringt. Dies hat einen wachsenden Teil der Weltbevölkerung dazu bewogen, eigene Interessen hintanzustellen und stattdessen auf Kooperation zu setzen.

Eine markante Ausprägung dieses Trends ist die Zunahme öffentlicher Proteste, die weltweit auf den Klimawandel aufmerksam machen. Die von der schwedischen Teenagerin Greta Thunberg initiierte Bewegung „Fridays for Future“ führte an einem einzigen Tag zu mehr als 2.000 Protesten in 125 Ländern und zeigt damit, wie unter jüngeren Menschen die Forderung nach Lösungen immer lauter wird.

Die jüngsten Proteste von „Extinction Rebellion“ in mehreren europäischen Städten sind ein weiteres Beispiel für die Entscheidung von Menschen, die Zusammenarbeit dem Eigeninteresse voranzustellen. Dabei ging vor allem von der zehntägigen Blockade der Londoner Innenstadt eine beispiellos eindringliche Aufforderung zum politischen Handeln und zur Zusammenarbeit aus.

Google-Suchen nach „Klimawandel“ (bzw. dem englischen Begriff „climate change“) weltweit

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Quelle: Google Trends, Mai 2019

Die vorstehenden Daten von Google Trends verdeutlichen ebenfalls, welche Beachtung der Klimawandel findet. So zeigt sich, dass die Trendlinie der „Klimawandel“-Suchen in der Vergangenheit flach verlaufen ist, wenn auch mit saisonalen Höhe- und Tiefpunkten – nicht zu vergessen ist der starke Anstieg während der viel beachteten Klimakonferenz in Bonn im Mai 2017. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich diese Trendlinie jedoch kontinuierlich nach oben bewegt.

Wir glauben, dass ein Wendepunkt bevorstehen könnte. In der Spieltheorie ändert sich der Lösungsansatz für das Gefangenendilemma, wenn die Faktoren Zeit und Wiederholung berücksichtigt werden. Ändern sich die Kosten und Vorteile, dann wird die Kooperation zur optimalen Lösung für rationale Akteure. Die Bilder von Schulkindern und älteren Generationen, die auf die Straße gehen und Maßnahmen fordern, könnten sich als Startimpuls für eine umfassende Reaktion seitens des politischen Weltapparats erweisen. 

Bei Schroders verfügen wir über verschiedene Tools zur Betrachtung des Nachhaltigkeitsthemas in einer Zeit beispielloser Disruption, wie etwa unser Climate Change Dashboard und SustainEx.

Mehr über unsere Nachhaltigkeitsanalysen erfahren Sie hier.