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Covid-19 und „Stakeholder-Kapitalismus“: Taten zählen mehr als Worte


Die Idee, dass Unternehmen zum Wohle all ihrer Stakeholder und nicht nur der Aktionäre geführt werden sollten, ist nicht neu.

Der sogenannte „Stakeholder-Kapitalismus“ war eigentlich lange Zeit das vorherrschende Unternehmensmodell, bevor sich die „Shareholder Primacy“ (also die Priorisierung der Aktionäre) in den 1970er Jahren im angelsächsischen Raum etablierte. In einigen Ländern, wie Japan oder Deutschland, ist er nach wie vor die Norm. In Deutschland müssen die Aufsichtsräte von Gesetzes wegen zu 50 % aus Arbeitnehmervertretern bestehen.

Seit der globalen Finanzkrise ist dieses Konzept infolge der wachsenden Bedeutung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen unter Anlegern wie Kunden wieder populär geworden.

Und zwar so sehr, dass der Business Roundtable das Versprechen der CEOs von führenden US-Unternehmen einholte, den Unternehmenszweck neu zu definieren, sodass ein größerer Fokus auf den Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern und der Gesellschaft als Ganzes liegt.

Der Business Roundtable (BRT) ist eine 1972 gegründete Lobbyorganisation, deren Ziel es ist, ein sozialverträgliches Wirtschaftswachstum durch eine vernünftige öffentliche Politik zu fördern. Zu seinen Mitgliedern zählen die Chefs von US-Unternehmen wie Apple, Amazon, General Motors, Pepsi und Walmart.

Dieses Versprechen wurde vor einem Jahr gegeben, und mittlerweile haben die CEOs von 206 Unternehmen unterzeichnet.

Auch wenn dieses Jahr ein ganz außergewöhnliches ist, so hat es den Unternehmen doch die einmalige Chance geboten, sich der Herausforderung zu stellen und allen zu zeigen, dass ihnen mehr wichtig ist als nur zufriedene Aktionäre und Gewinne um jeden Preis.

Wie also haben sich die Unternehmen vor diesem etwas ungewöhnlichen Hintergrund geschlagen?

BRT-Unterzeichner schneiden besser ab als Russell 1000

JUST Capital, eine Plattform, die die Unternehmensleistung in Bezug auf Stakeholder misst, hat die Reaktion der US-Unternehmen in Bezug auf sechs Stakeholder-Themen verglichen, die sich während der Covid-19-Krise ergeben haben.

Die nachstehende Abbildung verdeutlicht, dass die Unterzeichner des Business Roundtable während der Pandemie bisher ihre Stakeholder viel besser unterstützt haben als die Nicht-Unterzeichner. 

Abgesehen von ein paar Ausnahmen sind die absoluten Ergebnisse und das Ausmaß der Outperformance jedoch nicht sonderlich beeindruckend.

JUST Capital wollte zuerst wissen, wie die Unternehmen ihre Mitarbeiter behandeln und ob sie in diesem Zusammenhang Unterstützung bei der Betreuung von Angehörigen (zusätzliche Mittel für die Kinderbetreuung), kostenlose persönliche Schutzausrüstung für Mitarbeiter mit Kundenkontakt, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und finanzielle Unterstützung anbieten.

Obwohl BRT-Mitglieder anderen Unternehmen meilenweit voraus sind, liegt der Anteil derer, die diese Leistungen anbieten, immer noch deutlich unter 50 %.

Wir waren insbesondere davon überrascht, dass nur ein Drittel der BRT-Unterzeichner eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bietet und lediglich 40 % kostenlose persönliche Schutzausrüstung bereitstellen. Dies hat breitere gesellschaftliche Auswirkungen im Hinblick auf die Verlangsamung der Covid-Ausbreitung: Mitarbeiter, die es sich nicht leisten können, im Krankheitsfall zu Hause zu bleiben, verbreiten das Virus auf der Arbeit.

Der Unterschied ist noch größer, wenn wir uns die Unterstützung bei der Betreuung von Angehörigen ansehen. Wenngleich nur 22 % der BRT-Unterzeichner eine solche Unterstützung anbieten, entspricht dieser Wert doch mehr als dem Dreifachen des Anteils im breiteren Index und deutet auf Unternehmen hin, die über ihre Pflicht hinausgehen. 

Sind Kunden wichtigere Stakeholder als Mitarbeiter?

Die Ergebnisse bei den breiteren gesellschaftlichen Anliegen – die zwei Maßnahmen rechts auf der Abbildung – sind besser. 71 % der BRT-Unternehmen haben einen Hilfsfonds für Teile der Gesellschaft finanziell unterstützt – wenngleich wir nicht wissen, in welchem Umfang.

Rund die Hälfte aller Unternehmen ist den Kunden mit Preissenkungen, Zahlungsaufschüben, der Einhaltung grundlegender Versorgungsleistungen oder speziellen Zugeständnissen für Hochrisikokunden entgegengekommen.

Der höhere Anteil und der geringere Unterschied hier gegenüber den Mitarbeitermaßnahmen sind interessant: Sie zeigen, dass die Unternehmen ihre Kunden als die wichtigeren Stakeholder betrachten und das Risiko des Verlusts von Marktanteilen als höher ansehen als das Risiko von Mitarbeiterfluktuation. Zynisch gesprochen könnten die zwei Kennzahlen rechts, und insbesondere die Spenden, auffälliger sein, sodass wir hier eine Art „Zurschaustellung eigener Tugenden“ sehen könnten.

Glücklicherweise ist die Pandemie ein noch nie dagewesenes Ereignis. Das heißt aber auch, dass wir über keine Vergleichsdaten verfügen. Es ist möglich – wenn nicht sogar wahrscheinlich –, dass die BRT-Unterzeichner hinsichtlich dieser Maßnahmen genauso besser abgeschnitten hätten, wenn sie die Erklärung letztes Jahr nicht unterzeichnet hätten.

Zu Beginn dieses Jahres fanden Professoren der Harvard Law School heraus, dass keines der 20 Unternehmen, deren CEOs dem BRT-Gremium angehören, seine Verwaltungsleitlinien zur Förderung des Wohlergehens der Stakeholder geändert hat.

Interessanterweise ist es in 32 von 50 US-amerikanischen Bundesstaaten bereits gesetzlich vorgeschrieben, dass die Geschäftsleitungen die Interessen von Nichtaktionären in gewisser Weise berücksichtigen müssen. Allerdings haben 70 % der BRT-Unterzeichner ihren Sitz in Delaware, wo es keinerlei gesetzliche Vorschriften zu Stakeholdern gibt und wo das Gesellschaftsrecht bekanntlich sehr aktionärsfreundlich ist.

Wie haben die anderen Unternehmen abgeschnitten?

Neben den Unternehmen im BRT haben wir sehr oft gesehen, dass Firmen die Interessen anderer Stakeholder über die der Aktionäre stellen – darunter waren auch einige, die wir in unserem früheren Artikel erörtert hatten.

Auf der ganzen Welt haben Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder infolge der Pandemie auf Teile ihrer Gehälter verzichtet – wenngleich nur vorübergehend. Dies trifft auf rund die Hälfte der im britischen FTSE 100 vertretenden Unternehmen zu, sowie auf 28 % der Unternehmen im Tracker von JUST zur Reaktion der Unternehmen auf die Covid-19-Krise bis Anfang Juni.

Wenngleich die Kürzungen bei den Vorstandsgehältern die Finanzen eines Unternehmens kaum stärken dürften (schließlich macht das Grundgehalt eines Vorstandsmitglieds üblicherweise nur 10 % bis 15 % seiner Gesamtvergütung aus), senden sie eine Botschaft der Solidarität an die Mitarbeiter und Investoren aus. Insbesondere im Fall von Dividendenkürzungen wollen die Anleger sehen, dass das Management „mitleidet“.

In puncto Dividendenkürzungen mussten europäische und britische Aktionäre mehr einstecken als Anleger in den USA. So sind die erwarteten Dividenden je Aktie 2020 für den europäischen Stoxx 600 Index um 26 % gefallen, für den FTSE 100 um 35 % und für den S&P 500 lediglich um 6 %. Wie die Abbildung unten zeigt, wies die Dividendenrendite von US-Titeln allerdings schon vorher ein viel geringeres Niveau auf. US-Unternehmen leisten eher Auszahlungen an die Aktionäre in Form von Aktienrückkäufen, unter anderem deshalb, weil sie je nach Marktbedingung einfacher begonnen und beendet werden können.

Hinweis: B. prog. Div.-Rend. (akt. ann.) steht für die von Bloomberg prognostizierte aktuelle annualisierte Dividendenrendite (Konsenserwartungen für die Dividendenrendite 2020)

Covid-Krise beschleunigt die Entwicklung eines neuen Gesellschaftsvertrags

Wir sind der Meinung, dass sich die Beziehung zwischen den Unternehmen und ihren Stakeholdern weiterentwickelt und die Covid-Krise diesen Trend beschleunigt. Wir haben in diesem Jahr bereits darüber geschrieben, dass unseres Erachtens ein neuer Gesellschaftsvertrag entsteht, insbesondere in Bezug auf den Umgang der Arbeitgeber mit ihren Arbeitnehmern.

Die BRT-Erklärung hat vielleicht an sich zu keinen wesentlichen Veränderungen geführt. Dennoch ist es ermutigend zu sehen, dass die führenden Unternehmen in den USA bei der Unterstützung der Stakeholder besser abschneiden als andere Unternehmen. Dies bedeutet, dass die Unterzeichner im Großen und Ganzen das tun, was sie predigen, wenngleich diejenigen, die alle Maßnahmen zur Unterstützung der Stakeholder umsetzen, nach wie vor die Minderheit darstellen.

Im nächsten Schritt gilt es zu beurteilen, wie die Unternehmen mit dem Thema umgehen, wenn die Krise überwunden ist. Sobald die öffentliche Kontrolle wieder nachlässt, werden einige wieder zur Tagesordnung übergehen. Es ist die Aufgabe von uns Anlegern, die Unternehmen weiterhin in die Pflicht zu nehmen.

Der Wert der Anlagen und der damit erzielten Erträge kann sowohl steigen als auch fallen.


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