4 Min | Perspektiven

Machen Unternehmen genug gegen die Plastik-Pandemie?


Mit dem Begriff „persönliche Schutzausrüstung“ ging eine Abkürzung einher, von der niemand ausging, dass sie sich 2020 derart stark verbreiten würde. PPE (Personal Protective Equipment) geriet in diesem Frühjahr in die Schlagzeilen, als die Produktion und Einfuhr von Gesichtsmasken, Handschuhen und Kitteln einen Boom erlebte.

Wir müssen uns aber nicht nur um den Kunststoffmüll Sorgen machen, der direkt mit dem Ausbruch von Covid-19 einhergeht.

In einem unlängst in The Economist veröffentlichten Artikel wurde berichtet, dass der Einsatz von Einweg-Kunststoff in den USA generell seit Ausbruch von Covid-19 um 250 bis 300 % gestiegen sein könnte.

Antonis Mavropoulos von der International Solid Waste Association (ISWA), ein Branchenverband für Recycling-Einrichtungen weltweit, meinte, ein Großteil davon sei auf den Einsatz von PPE zurückzuführen. Online-Einzelhändler und Apps für Restaurantlieferdienste konnten einen immensen Anstieg des Kundenaufkommens auf ihren Websites und ihrer Umsätze verzeichnen. In Athen ist der Anteil an Kunststoffen im Abfallaufkommen um 150 % gestiegen, und weltweit scheint ein ähnlicher Trend zu bestehen.

Unser Sustainable Investment Team schrieb im Mai darüber, wie die dringlichen Prioritäten aufgrund der Covid-19-Krise sämtliche Bemühungen, der Umweltverschmutzung durch Kunststoffmüll Herr zu werden, behindert haben.

Abgesehen von dem erhöhten Bedarf aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen, vor allem bei Verpackungen, konnte das Team Lobbying-Aktivitäten gegenüber Regierungen beobachten, um strengere Vorschriften in Bezug auf Kunststoffe zu lockern oder deren Einführung zu verzögern. Der Kampf gegen den Einsatz von Kunststoffen wurde außerdem durch den sprunghaften Anstieg von Heimlieferservices und die Tatsache behindert, dass niedrigere Ölpreise die Herstellung von Kunststoffverpackungen verbilligten.

Laut bereits bestehenden Prognosen des Marktforschungsinstituts Wood Mackenzie wird in Europa die Nachfrage nach „flexiblen Verpackungen“ für Endverbraucher in diesem Jahr um 5 % ansteigen – obwohl die Nachfrage im Vorjahr auf unter 1,5 % gesunken ist. Unser Sustainable Investment Team schlussfolgerte daraus: „Es ist an der Zeit, dass die Unternehmen ihre Versprechen erneuern.“

Währenddessen wurde die 2020 United Nations Oceans Conference, die diesen Juni hätte stattfinden sollen, verschoben, da die Welt mit dem Virus zu kämpfen hat. Eine der Vorgaben für das Nachhaltigkeitsziel Nr. 14 der Vereinten Nationen besteht darin, der Verschmutzung der Meere, insbesondere aufgrund landbasierter Aktivitäten, bis zum Jahr 2025 entgegenzuwirken und sie erheblich zu reduzieren. Das Ausmaß der Umweltverschmutzung durch Kunststoffe bedeutet jedoch, dass es einer wesentlich längerfristigen Perspektive bedarf.

Welche Auswirkungen hat das Kunststoffproblem auf Kapitalanlagen?

Ein wesentliches Ziel des Sustainable Investing Teams von Schroders ist es, die Umweltverschmutzung durch Kunststoffmüll zu verringern. Zu diesem Zweck arbeiten wir mit Portfoliounternehmen zusammen, um Lösungen für dieses Problem zu finden. Das Kunststoffproblem ist nur ein Bereich, bei dem aktive Anleger auf das Verhalten von Unternehmen Einfluss nehmen können.

In den Jahren 2018 und 2019 arbeitete das Team mit mehr als 100 Unternehmen über Umfragen, Telefonate und Meetings zusammen, um ein Verständnis für die Risiken und Chancen infolge des Kunststoffproblems zu erarbeiten. Das Team scheut sich nicht, Unternehmensleitungen zu kritisieren, wenn sie dadurch gezwungen werden können, die Zukunftsrisiken für ihr Unternehmen (und dadurch wiederum die potenziellen Renditen ihrer Investoren) anzugehen.
Innerhalb eines Zeitraums von 18 Monaten konnten wir die Einführung von 60 neuen Vorschriften weltweit beobachten, mit denen der Umstieg von vermeidbaren Kunststoffen auf Alternativen gelingen soll. Die Aufsichtsbehörden setzten Maßnahmen von Verboten und Quoten bis hin zur Besteuerung und zu Programmen um, bei denen die Produzenten und nicht die Konsumenten für den aus ihren Produkten resultierenden Abfall verantwortlich sind.

China hat zahlreiche neue Maßnahmen angekündigt, um den Einsatz von Kunststoffen deutlich zu verringern.

Zunehmende Vorschriften werden für Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette Folgen haben. Insbesondere bei schnelllebigen Konsumgütern könnte der angestrebte Wandel wegen erhöhter Kosten eine Bedrohung darstellen. Andererseits gibt es für Unternehmen aber auch Gelegenheiten, innovative Lösungen zu entwickeln.

Was sind die Vorteile für Unternehmen?

Abgesehen von den Vorlieben der Verbraucher und deren Änderungen am Konsumverhalten haben Regierungen Maßnahmen von Verboten und Quoten bis hin zur Besteuerung und zu Programmen umgesetzt, bei denen die Produzenten und nicht die Konsumenten für den aus ihren Produkten resultierenden Abfall verantwortlich sind.

Im Zuge des im Januar angekündigten EU Green Deal gibt es Unterstützung für neue Gesetze, die sicherstellen würden, dass sämtliche nicht wiederverwendbaren oder wiederverwertbaren Verpackungen in der EU bis 2030 verboten wären. China hat ebenfalls zahlreiche neue Maßnahmen angekündigt, um den Einsatz von Kunststoffen deutlich zu verringern. Diese neuen Beschränkungen stellen die umfassendsten Vorschriften des Landes zum Einsatz von Kunststoffen seit 2008 dar.

Wir gehen von zunehmenden Vorschriften zur Einschränkung des Einsatzes von Kunststoffen und zur Förderung des Recyclings aus, die Konsequenzen für Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette haben werden. Die Umsetzung von Maßnahmen für diesen Wandel wird zu verschiedenen Herausforderungen und Gelegenheiten entlang der Wertschöpfungskette führen.

So befindet sich die Branche für schnelllebige Konsumgüter, die u. a. Supermärkte und Lebensmittel- und Getränkehersteller umfasst, an vorderster Front im Kampf gegen Einweg-Kunststoff. Nach unserer Zusammenarbeit mit mehr als hundert Unternehmen fanden wir heraus, dass viele von beispiellosen Abwärtsrisiken im Zusammenhang mit einer zunehmenden Regulierung ausgehen.

Interessanterweise führen Unternehmen mit Sitz in Asien als Hauptsorge eine „konvergierende öffentliche Meinung“ an. Der Sektor steht summa summarum vor erhöhten Kosten infolge der Notwendigkeit, neue Produktionsabläufe umzusetzen und Lieferketten neu auszurichten, um so den Einsatz von Einweg-Kunststoff zu verringern und das Recycling zu beschleunigen. Dabei handelt es sich um alles andere als ein beiläufiges Unterfangen, da Einweg-Kunststoff für Verpackungen derzeit 59 % des gesamten Kunststoffmülls ausmacht und die größte Einzelkategorie in der Kunststoffproduktion stellt. Sind Unternehmen nicht in der Lage, Vorschriften oder vorgegebene Ziele einzuhalten, könnte sich dies negativ auf ihre Rentabilität oder Reputation auswirken.

Andererseits steigen die Chancen auf Kosteneinsparungen und Markendifferenzierung durch den Umstieg auf nachhaltigere Produktformate.

Wird von Seiten der Unternehmen genug getan?

Laut den Vereinten Nationen werden derzeit ihre Ziele für eine nachhaltige Entwicklung verfehlt. Bestimmte Ziele stehen seit geraumer Zeit stark im Zentrum der Bemühungen. Wichtig ist jedoch sicherzustellen, dass der Kampf gegen den Kunststoffmüll in unseren Meeren dabei nicht in Vergessenheit gerät. Vor der Covid-19-Krise gab es Versprechungen, jetzt müssen die Unternehmen aber mehr denn je ihre Bemühungen in puncto Berichterstattung, Ambition und Maßnahmen verstärken. Unterdessen gibt es Befürchtungen, dass die Branche und Regierungen Gefahr laufen, bereits erzielte Fortschritte wieder einzubüßen. Für Selbstgefälligkeit hat die Welt jedoch keine Zeit.

​Wesentliche Investitionen, Innovationen und Transformationsprogramme müssen jetzt in Angriff genommen werden, um das Problem Kunststoffmüll und -verschmutzung anzugehen und zumindest bis 2025 Wirkung zu zeigen und Regierungsziele einzuhalten. Besonders wichtig ist dies angesichts der Tatsache, dass der regulatorische Fokus unseres Erachtens zusehends die Hersteller in die Verantwortung nimmt und sich immer mehr auf den gesamten Lebenszyklus eines Produkts erstreckt.

Als aktiver Eigentümer müssen wir bei Schroders unvermindert mit den Unternehmen zusammenarbeiten, um sie bei der Verbesserung ihrer Praktiken zu unterstützen.

 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.