4 Min | Perspektiven

Peter Harrison: Britische Unternehmen benötigen eine Kapitalspritze in Höhe von 30 Mrd. Pfund


Die umfassenden wirtschaftlichen Konsequenzen von Covid-19 machen sich allmählich bemerkbar, denn jeden Tag gibt es neue Meldungen über Arbeitsplatzverluste. Und das ist erst der Anfang.

​Es besteht jedoch die Möglichkeit, dies zu mildern und die erfolgreichen Unternehmen von morgen zu unterstützen, die heute Probleme haben. Die Unternehmen zu ermutigen, mehr Schulden zu machen, ist keine Antwort. Vielmehr liegt die Lösung in den Aktienmärkten.

Wir haben die Auflage eines mit „geduldigem Kapital“ ausgestatteten Finanzierungsfonds von 20 bis 30 Mrd. Pfund durch die Regierung empfohlen, um die Wachstumsambitionen börsennotierter wie auch nicht börsennotierter Unternehmen zu unterstützen. Nur dann können die Unternehmen Arbeitsplätze sichern und an ihren Investitionsvorhaben festhalten.

Der Schatzkanzler hat seine letzte Haushaltsrede nicht zum Anlass genommen, derartige Maßnahmen anzukündigen. In Anbetracht der ernsten Lage hoffen wir jedoch, dass er in den kommenden Monaten einen solchen Fonds in Erwägung ziehen wird. Unterdessen überlegen wir, unseren eigenen Investmentfonds aufzulegen.

Jetzt ist der Zeitpunkt, um zu handeln. Die angekündigten Maßnahmen, mit denen das Ende des bezahlten Beurlaubungsprogramms für Arbeitnehmer abgemildert werden soll, sind zu begrüßen. Allerdings werden sie einen weit verbreiteten Stellenabbau nicht verhindern können.

Verschiedene Kreditprogramme stehen bereits zur Verfügung, und es wird den Unternehmen gestattet, bestimmte Steuern und andere Zahlungen aufzuschieben. Damit werden zweifelsohne Unternehmen und Arbeitsplätze gerettet. Aber das Ausmaß der Krise ist so hoch, dass noch mehr unternommen werden muss. Erneute Kredite sind nicht die richtige Antwort. Statt weiteren Fremdkapitals benötigen Unternehmen Eigenkapital.

Als Lösung bietet sich hier der Aktienmarkt an, der sich in der Krise bislang bewährt hat. Unsere Analysen zeigen, dass sich 300 Unternehmen an der London Stock Exchange in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 mehr als 14 Mrd. Pfund beschaffen konnten – so viel wie in keinem anderem Jahr seit der globalen Finanzkrise 2008 und 2009, als sich die Unternehmen anschickten, ihre Bilanzen zu sanieren.

Die Anleger bringen bislang auch Verständnis für die Notwendigkeit von Dividendenkürzungen auf, um das Eigenkapital zu schützen. Wir forderten bereits im März einen derartigen Pragmatismus.

Ein weiterer Bereich, der sich stark engagiert, ist die Private-Equity-Branche, die in Unternehmen investiert, welche während der Krise Unterstützung benötigen. Allerdings reichen die Mittel der Branche unter Umständen nicht aus, um auf unbestimmte Zeit oder in dem erforderlichen Ausmaß zu helfen.

Unseres Erachtens wird erheblich mehr Eigenkapital für börsennotierte und nicht börsennotierte Unternehmen erforderlich sein, das sich indes zunehmend rar machen könnte. 

Bisher war es für die Unternehmen angesichts der unlängst verzeichneten Erholung an den Aktienmärkten relativ einfach, an Kapital zu kommen. Sollten die Märkte jedoch anfälliger werden oder sollte es bei Covid-19 zu einer zweiten Infektionswelle kommen, würden sich Unternehmen schwertun, in stagnierenden oder fallenden Märkten weitere Mittel aufzutreiben.

Insbesondere Small- und Mid-Cap-Werte bedürfen der Unterstützung. Diese Unternehmen sind zu groß, um im Fokus der Regierungsinitiativen zu stehen. Zugleich mangelt es ihnen an Bedeutung, um wie „Mega Caps“ ihr Gewicht bei Banken oder an den Kreditmärkten geltend machen zu können.

Diese kleinen bis mittelgroßen Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung zwischen 50 Mio. und 2 Mrd. Pfund machen rund 69 der 300 Aktienplatzierungen aus, die bis dato an den Kapitalmärkten beobachtet und mit denen rund 3,8 Mrd. Pfund erlöst werden konnten. Wir befürchten allerdings, dass es sich dabei um einen Tropfen auf dem heißen Stein handeln könnte.

Unser auf kleinere britische Unternehmen spezialisiertes Anlageteam gewinnt zunehmend den Eindruck, dass seine Mittel nicht ausreichen werden, um an sämtlichen Bezugsrechtsemissionen teilzuhaben, die erforderlich sind, um britische Qualitätsunternehmen zu schützen. Branchenweit haben in britische Small Caps investierende Fonds dieses Jahr bislang 150 Mio. Pfund verloren. Einfach gesagt gibt es derzeit nicht genug Mittel, um dieses Marktsegment am Laufen zu halten. Ein genauerer Blick zeigt zudem, dass das Geld, das die Unternehmen aufbringen, nicht aus neuen Investitionen stammt, sondern aus anderen britischen Aktien oder aus bestehenden Fondsguthaben abgezogen und reinvestiert wurde. Auf längere Sicht ist das nicht tragbar.

Vielmehr bedarf es mutiger Schritte, um dem Markt jetzt neue Mittel zuzuführen. Aus diesem Grund schlagen wir einen mit geduldigem Kapital ausgestatteten Staatsfonds vor. Dieser könnte Unternehmen unterstützen und zugleich den britischen Steuerzahler an potenziell wachstumsstarken Unternehmen beteiligen. Andere Länder haben bereits sehr erfolgreich Staatsfonds aufgelegt, und in Großbritannien besteht seit langer Zeit ein Bedarf nach einem Rahmenwerk, mit dem das Wachstumspotenzial kleiner Unternehmen unterstützt wird.

Ungeachtet der letzten Haushaltsrede des Schatzkanzlers ist es nun für den Gesetzgeber und die Aufsichtsbehörden an der Zeit, sich mit anderen, seit langem bestehenden Fragen zu befassen. Wir würden uns eine flexiblere Regulierung beitragsorientierter Betriebsrenten für Arbeitnehmer wünschen, die einen langfristigen Anlagehorizont ermöglicht und diesen Pool von Sparern ermutigt, an der Akkumulierung ihrer Ersparnisse aus nachhaltigen Kapitalanlagen und Anlagen in geduldigem Kapital teilzuhaben. Dadurch würde der Pool an verfügbarem Kapital für Wachstumsinvestitionen in Großbritannien gestärkt werden.

Außerdem benötigen Investitionen mit einem sehr langen Anlagehorizont angemessene Fondsstrukturen. Fondsplattformen müssen angehalten werden können, auch Fonds zuzulassen, die nicht täglich gehandelt werden. Nur so lässt sich ein bedeutender Pool an geduldigem Kapital aus Altersvorsorgeersparnissen bilden. Die Konsultationen zu diesem Thema dauern schon viel zu lange.

Vermögensverwalter wie wir haben hier ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen. Wir evaluieren derzeit die Auflegung eines Investmentfonds, der sowohl an öffentlichen als auch an privaten Märkten für neues Kapital sorgen könnte. Das Ziel bestünde darin, nachhaltige Unternehmen von höchster Qualität und mit starken Wachstumschancen zu identifizieren, sofern sie nur das aktuelle Umfeld überstehen können.

Offensichtlich haben wir unseren Anlegern gegenüber eine Verantwortung wahrzunehmen, was die Anlagerenditen betrifft. Darüber hinaus trägt unsere Branche eine Verantwortung gegenüber dem Land, um zum Schutz von Arbeitsplätzen beizutragen und sicherzustellen, dass Unternehmen, die das künftige Wirtschaftswachstum vorantreiben werden, zahlungsfähig bleiben.

Jeder hat in dieser Krise seinen Beitrag zu leisten. Für unsere Branche besteht die Aufgabe darin sicherzustellen, dass die Kapitalmärkte dann funktionieren, wenn britische Unternehmen – und ihre Arbeitnehmer – sie am meisten benötigen. Unser in Erwägung gezogener Investmentfonds wäre erst ein Anfang. Wir fordern daher die Regierung und unsere Kollegen aus der Investmentbranche auf, ihre Rolle bei der groß angelegten Rekapitalisierung des Unternehmenssektors wahrzunehmen.

 


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