Perspektiven

Shell und BP: Warum wir mit einem sinnvollen Übergang zu erneuerbaren Energien rechnen

Die verheerenden Auswirkungen einer ungehinderten globalen Erwärmung wurden Anfang August im richtungsweisenden Bericht des Weltklimarates (IPCC) deutlich.

UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete die Ergebnisse des Berichts als „Warnsignal für die Menschheit“.

Die größten Energiekonzerne der Welt stehen schon lange an vorderster Front im Klimakampf, aber nach dem Bericht von Anfang August wird sich das öffentliche Augenmerk auf die Branche noch intensivieren.

Die Energiebranche steht mehr denn je unter Druck. Es sind enorme Veränderungen für den Übergang zu sauberen erneuerbaren Energiequellen erforderlich. Die Kernaktivitäten der Branche – die Erforschung, der Erwerb und die Entwicklung fossiler Brennstoffe – stehen im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Unternehmen müssen jetzt handeln.

Weitere Informationen finden Sie hier: Q& A: Das Ende der Ölriesen?

Zum Glück für die Anlegerinnen und Anleger der in Großbritannien notierten BP und Royal Dutch Shell haben sich deren Managementteams der Herausforderung gestellt. Sie passen sich an, anstatt sich dem Klimakampf zu verweigern.

Dieser Einstellungswandel bestätigte sich, als der CEO von Shell im Juni auf LinkedIn eine Beschleunigung der Übergangsstrategie des Unternehmens ankündigte. Die Ankündigung folgte einem niederländischen Gerichtsurteil, demzufolge Shell bei den weltweiten Zielen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen schneller vorgehen muss.

Übergangspläne

Was das niederländische Gerichtsurteil betrifft, so sind wir nicht davon überzeugt, dass man ein globales Problem lösen kann, indem ein einzelnes Unternehmen vom Justizsystem durch die Mangel genommen wird (mehr dazu und mögliche unbeabsichtigte Folgen später).

Wichtig ist jedoch, dass Shell den Übergang direkt in Angriff nimmt. Das Unternehmen hat nun Pläne zur Zukunftssicherung seines Geschäftsmodells mit dem Ziel entwickelt, bis 2050 ein emissionsfreies Energieunternehmen zu werden.

Unser Hauptziel als Investierende ist es, unseren Kundinnen und Kunden eine hervorragende Anlageperformance zu bieten. In einer Zukunft, in der „wirkungsbereinigte Gewinne“ zählen, wird ein erfolgreicher Umstieg der Energiekonzerne auf erneuerbare Energien von grundlegender Bedeutung sein.

Werden die Energiekonzerne in der Anlagewelt von morgen attraktive Renditen erwirtschaften können? Wir kommen der Beantwortung dieser Frage schon sehr viel näher.

Weitere Informationen finden Sie hier: Peter Harrison: Warum der Klimawandel an 1929 erinnert.

Vor und nach Covid-19

Vor der Pandemie waren wir der Ansicht, dass die großen in Großbritannien notierten Energieunternehmen mit dem Übergang Schwierigkeiten haben würden.

Inzwischen sind wir optimistischer. Dies ist zum Teil auf die bereits festgestellten großen Veränderungen in der Einstellung zurückzuführen. Aber es liegt auch an ihren Fundamentaldaten, wie ihr Gewinnpotenzial und ihre finanzielle Lage, also die Solidität ihrer Bilanz. Auch die Bewertung ist entscheidend.

Im Jahr 2019 hatten sich BP und Shell dazu verpflichtet, Dividenden auszuschütten und Aktien von Aktionär*innen zurückzukaufen. Darüber hinaus mussten sie ihre erheblichen Schuldenstände bedienen.

Die Kombination dieser Verpflichtungen mit den erforderlichen erheblichen Investitionen in erneuerbare Energien erschien uns damals nicht zielführend.

Infolgedessen nahmen wir in der zweiten Jahreshälfte 2019 eine negative Haltung gegenüber dem Sektor ein und wechselten zu einer untergewichteten Position (eine niedrigere Gewichtung als unser Vergleichsindex).

Wir sind immer bereit, unsere Meinung zu ändern

Wir überprüfen ständig das Anlageargument für Unternehmen und sind immer offen für Gründe, unsere Meinung zu ändern. Dies geschieht häufig auf der Grundlage von Bewertungen, die für Shell und BP vor der Pandemie nicht so attraktiv waren.

In der Zwischenzeit wurden die Dividenden im Jahr 2020 auf ein nachhaltigeres Niveau angepasst, und verbesserte Offenlegungen geben uns ein Gefühl dafür, was zur Umsetzung ihrer Übergangsstrategien erforderlich ist.

Der Ölpreis hat sich von den Tiefstständen Anfang 2020 gut erholt, was den Cashflow und das Schuldenmanagement unterstützt. Eine hohe Verschuldung kann die Investition von Unternehmen in erneuerbare Energiequellen und Technologien behindern. Eine unüberwindbare Herausforderung sind Schulden jedoch nicht.

Wir versprachen Shell gegenüber, dass wir das Unternehmen bei seinen Maßnahmen zur Emissionsreduktion unterstützen würden, damit es seine Ziele schneller erreichen kann. Vor 19 Jahren haben wir uns erstmals mit dem Unternehmen zu seinen Klimaambitionen auseinandergesetzt (siehe Bericht zum nachhaltigen Investieren für das zweite Quartal 2021) (auf Englisch).   

Wir freuten uns daher, als das Unternehmen auf der Hauptversammlung im Mai seine Energiewendestrategie einer Aktionärsabstimmung vorlegte. Die Strategie ist gut durchdacht, verantwortungsbewusst und realistisch.

Einige Tage später gab das niederländische Gericht sein Urteil ab. Die Geschwindigkeit, mit der das Unternehmen anschließend die Beschleunigung einer Strategie versprach, die erst wenige Wochen zuvor offiziell verabschiedet wurde, ist aufschlussreich.

Ein sinnvoller Ansatz ist entscheidend

Wir unterstützen Shell weiterhin dabei, den Übergang in einem für das Unternehmen angemessenen Tempo zu gestalten. Davon werden wir alle letztlich am meisten profitieren.

Wir alle wollen bis 2050 Netto-Null-Emissionen erreichen. Dazu sind jedoch viele Investitionen, neue Technologien und Zeit erforderlich. Ein sinnvoller, realistischer Ansatz ist hier grundlegend.

Shell könnte auf das Gerichtsverfahren reagieren – das von Milieudefensie (Friends of the Earth Niederlande) und anderen Nichtregierungsorganisationen angestrengt wurde, bevor Shell seine Strategie darlegen konnte –, indem es einen Teil seiner fossilen Brennstoffe veräußert und den Erlös in erneuerbare Energien reinvestiert.

Ob dies der Welt dabei helfen würde, von einem auf fossilen Brennstoffen basierenden System zu sauberer, erneuerbarer Energie umzusteigen, hängt jedoch davon ab, wer diese Vermögenswerte letztendlich kauft.

Der Verkauf fossiler Brennstoffe bedeutet schließlich nicht, dass plötzlich keine Treibhausgase mehr emittiert werden. Es handelt sich lediglich um eine Eigentumsübertragung. In vielen Fällen sind börsennotierte Unternehmen mit transparenter Berichterstattung und Aktionärinnen und Aktionären, denen sie Rechenschaft ablegen müssen, die verantwortungsvollsten Besitzer dieser Vermögenswerte.

Es könnte durchaus im weltweiten Interesse liegen, dass Shell den Ausstieg aus seinem Portfolio von fossilen Brennstoffen in den Griff bekommt und die jährlich generierten Barmittel in erneuerbare Energien reinvestiert.

Ein globales Problem lässt sich nicht dadurch lösen, indem man ein einzelnes Unternehmen in einem bestimmten Land anzeigt. Shell legt gegen das Urteil Berufung ein. Wir haben ein gewisses Verständnis für seine Position.

Die Gefahr unbeabsichtigter Konsequenzen

Es gibt Parallelen dazu, wie wir als langfristig orientierte Investierende solche Herausforderungen angehen.

Natürlich könnten wir Energieunternehmen ganz pauschal aus unseren Investitionen ausschließen. Aber undifferenzierte Ansätze für komplexe Herausforderungen sind nicht der beste Weg, um Veränderungen zu bewirken. Tatsächlich kann ein solcher Ansatz kontraproduktiv sein.

Die niederländische Gerichtsentscheidung könnte dazu führen, dass allen EU-Unternehmen, einschließlich anderer großer Treibhausgasemittenten, ähnliche Urteile bevorstehen.

Dies könnte sich angesichts der Bedeutung der europäischen Energiekonzerne für die globale Versorgung auf die Ölpreise auswirken. Es ist klar, dass es potenziell weitreichende Konsequenzen für alle Beteiligten gibt, darunter eine potenziell höhere Inflation und eine restriktivere Geldpolitik wie beispielsweise höhere Zinssätze.

Diese Folgen müssen sorgfältig durchdacht werden.

Ein wesentlich besserer Ansatz ist der Dialog mit Energiekonzernen, um sie zu einem schnelleren Handeln anzuhalten. Der Übergang wird Zeit in Anspruch nehmen.

Wir wissen, dass erhebliche technologische Innovationen erforderlich sind, um Treibhausgasemissionen bis 2050 auf null zu senken. Von einem überstürzten oder ungeordneten Übergang hat niemand etwas.

Britische Energiekonzerne sind der Zeit voraus

Mit Shell und BP haben britische Anlegerinnen und Anleger beispielsweise zwei große globale Energieunternehmen, deren Übergangsstrategien im Vergleich zu ihren Mitbewerbern aus den USA relativ weit fortgeschritten sind.

Die beiden Unternehmen haben bereits erhebliche Kapitalzusagen gemacht, um die erforderlichen Änderungen durchzuführen. Jetzt ist es an der Zeit, eine komplexe Herausforderung im Interesse aller Beteiligten besonnen und vernünftig in Angriff zu nehmen.

Weiterlesen: Peter Harrison: Warum der Klimawandel an 1929 erinnert

Dieser Artikel wurde im August 2021 veröffentlicht. Alle Bezugnahmen auf Unternehmen dienen nur zur Veranschaulichung und sind weder als Kauf- noch als Verkaufsempfehlung oder als Meinung zum Wert der Aktien dieses Unternehmens zu verstehen. Dieser Artikel ist nicht als Anlageempfehlung oder Research gedacht und sollte nicht für diese Zwecke genutzt werden. Wenn Sie sich bezüglich der Eignung eines Investments unsicher sind, sprechen Sie bitte mit einer unabhängigen Finanzberaterin oder einem Finanzberater.


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