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Märkte

Stehen Chinas Anleihemärkte vor einem Wendepunkt?


Manu George

Senior Investment Director, Fixed Income

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Der chinesische Unternehmensanleihemarkt ist der zweitgrößte der Welt. Da jedoch der Marktzugang durch Regulierung beschränkt wurde, stand er ausländischen Anlegern bisher nicht zur Verfügung und blieb daher weitgehend unerschlossen. Jetzt wird der Markt für ausländische Anleger geöffnet, was sich als wichtiger Schritt in seiner Entwicklung und Reifung erweisen dürfte. Unseres Erachtens bietet das den Anlegern große Chancen.

Gleichzeitig durchläuft die chinesische Wirtschaft einen tief greifenden Wandel, der zu einem moderateren Wachstumstempo führt. Das beunruhigt die Anleger zwar etwas, kann dem Anleihemarkt aber guttun.

Warum der wirtschaftliche Wandel Chinas für Anleihen gut sein kann

Die Wachstumsrate der chinesischen Wirtschaft ist seit vielen Jahren einer der am aufmerksamsten verfolgten Indikatoren. Mitte der 2000er-Jahre lag er mehrere Jahre in Folge über der 10%-Marke. Dieses Wachstumstempo war bemerkenswert – und unhaltbar hoch. Seitdem hat sich das Wirtschaftswachstum stetig verlangsamt. Wie die chinesischen Behörden vor Kurzem berichteten, war das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal 2019 mit 6 % im Vorjahresvergleich so niedrig wie seit 28 Jahren nicht mehr.

So unerwünscht eine Konjunkturabschwächung im Allgemeinen auch ist, kann sie für Anleger am Anleihemarkt von Vorteil sein, vor allem wenn Inflation kein Thema ist. Eine Konjunkturabschwächung zwingt die Zentralbanken im Allgemeinen zu einer Lockerung der Geldpolitik, üblicherweise durch Zinssenkungen. Die niedrigeren Zinsen führen dann zu höheren Anleihekursen – insbesondere bei Staatsanleihen.

Wenn die Zentralbanken die Geldpolitik lockern, sinken der Theorie zufolge die Kreditkosten, was Unternehmen und Haushalte ermutigt, Geld zu leihen und auszugeben. Die zunehmende Wirtschaftstätigkeit hilft dann der Wirtschaft wieder auf die Beine.

Warum ist das für Anleger in chinesischen Anleihen wichtig?

Der Schroders China Activity Indicator deutet darauf hin, dass das niedrigere Wachstum Chinas zur Normalität wird (Abbildung 1). Doch die Behörden wollen die Konjunkturschwäche eindämmen, indem sie mehr ausgeben und über Zinssenkungen die Geldpolitik lockern. Diese Maßnahmen dürften Anleiheanlegern zugutekommen.

Mittelfristig rechnen wir damit, dass sich das chinesische Wirtschaftswachstum stabilisiert, nur auf einem niedrigeren Niveau als früher. Bei dem aktuellen Wandel Chinas besteht das Risiko vorerst darin, dass die natürlich niedrigere Wachstumsrate weiter sinken könnte. Die Behörden sind entschlossen, dies zu verhindern. Daher dürfte es einige Zeit dauern, bis ein größerer Straffungszyklus eingeleitet werden kann. Dies könnte den chinesischen Anleihemärkten eine solide Grundlage bieten. 

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Welche strukturellen Veränderungen vollziehen sich in der chinesischen Wirtschaft?

Hinter der niedriger zu erwartenden Wachstumsrate stecken mehrere Faktoren:

  1. Wirtschaftliche Umorientierung: Die politischen Entscheidungsträger Chinas bauen ihr Wirtschaftsmodell von einem produktions- und exportorientierten zu einem auf Binnenkonsum und Dienstleistungen ausgerichteten Modell um. Ein so tief greifender Wandel dürfte die Wirtschaftstätigkeit kurz- bis mittelfristig dämpfen, da Ressourcen von bestehenden in neu entstehende Branchen umgeleitet werden.
  2. Schuldenabbau: Die chinesischen Staatsunternehmen und lokalen Regierungsbehörden haben sich seit 2009 stark verschuldet. Zuletzt haben die politischen Entscheidungsträger in China Maßnahmen ergriffen, um sie zu zwingen, Schulden abzubauen, statt weiter Geld auszugeben. Ein wichtiger Konjunkturmotor wurde also gedrosselt.
  3. Handelsspannungen zwischen China und den USA: Die Handelsspannungen zwischen China und den USA haben sich verschärft. Das dämpft die Stimmung nicht nur in China, sondern weltweit, und belastet die Unternehmensgewinne. Die von beiden Ländern erhobenen Zölle haben die Kosten für Unternehmen erhöht und dadurch die Wirtschaftstätigkeit behindert. Ein ausgewachsener Handelskrieg zwischen den USA und China würde beiden Ländern noch weiter schaden und ist nicht unser Basisszenario.
  4. Bevölkerungsentwicklung (langfristiger Faktor): Die demografische Dividende Chinas schmilzt. Bekanntlich verfügt China als bevölkerungsreichstes Land der Welt über eine Erwerbsbevölkerung, die das Land zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft nach den USA macht. Jetzt altert diese Erwerbsbevölkerung, und gleichzeitig ist die Geburtenrate zu niedrig, um die in Zukunft in den Ruhestand gehenden Arbeitskräfte zu ersetzen. Einer Studie des Internationalen Währungsfonds zufolge sinken in Ländern mit schwächerer Bevölkerungsentwicklung in der Regel die inflationsbereinigten Zinssätze, was die Anleihekurse stützt (Quelle: IWF, April 2017).
  5. Technologie (langfristiger Faktor): Der rasante technische Fortschritt dürfte das Wachstum ebenfalls beeinflussen. Technologie kann die Produktivität der Wirtschaft erhöhen und gleichzeitig den Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften verringern. Das begrenzt den Lohnkostendruck, da die Arbeiter keine höheren Löhne fordern können, wenn Maschinen die Aufgaben kostengünstiger erfüllen. Es könnte sogar sein, dass Arbeitsplätze abgebaut werden, was zu stagnierenden Löhnen führen und infolgedessen das Wachstum und die Inflation dämpfen könnte.

Einige Fakten zu den chinesischen Anleihemärkten

Der chinesische Onshore-Anleihemarkt (in China begebene und auf Renminbi lautende Anleihen) ist knapp hinter dem japanischen Anleihemarkt der drittgrößte Anleihemarkt der Welt. Dennoch sind chinesische Anleihen in Investmentportfolios und globalen Anleiheindizes unterrepräsentiert. 

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Internationale Anleger sind in chinesischen Anleihen wenig investiert, weil die chinesischen Behörden ihnen in der Vergangenheit Investitionen in den Markt verwehrten.

Doch in den vergangenen zehn Jahren ist der Markt ausländischen Anlegern gegenüber offener geworden. So werden inländische chinesische Anleihen seit April 2019 stufenweise in den Bloomberg Barclays Global Aggregate Index aufgenommen (nur für Finanzberater und professionelle Anleger). JP Morgan hat inzwischen angekündigt, erstmals chinesische Staatsanleihen in seine Indizes für globale Staatsanleihen und für Schwellenländeranleihen in Lokalwährung aufzunehmen. FTSE, der andere große Anleiheindexanbieter, dürfte kurz- bis mittelfristig nachziehen. Stand September 2019 sind dem chinesischen Staatsanleihemarkt über 228 Mrd. US-Dollar zugeflossen.

Außerdem bietet der chinesische Anleihemarkt vielfältige Wahlmöglichkeiten im gesamten Risiko-Rendite-Spektrum. Insbesondere wird in China der Onshore-Anleihemarkt nicht – wie in den meisten Industrieländern – von Staatsanleihen dominiert.

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Der Staatsanleihemarkt kann für Anleger, die ihr Risiko diversifizieren möchten, eine attraktive Option darstellen, zumal er mit den meisten Industrie- und Schwellenländeranleihen kaum korreliert.1

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Ein Wendepunkt?

Angesichts eines für Anleihen wohl zunehmend günstigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds und regulatorischer Änderungen, mit denen die Märkte für eine größere Anlegerschaft geöffnet werden, rückt unseres Erachtens die Stunde chinesischer Anleihen näher.

 

1 Die Korrelation ist der Grad des Gleichlaufs zweier Wertpapiere oder Märkte. 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.

Mögliche Risiken:

Bei steigenden Zinssätzen fallen im Allgemeinen die Preise von Anleihen.

Durch eine Verschlechterung der finanziellen Verfassung eines Emittenten können dessen Anleihen an Wert verlieren oder wertlos werden.

Politische, rechtliche, wirtschaftliche oder steuerliche Änderungen in China könnten die Wertentwicklung chinesischer Staatsanleihen beeinflussen.