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Was sind nachhaltigkeitsgebundene Anleihen und wie funktionieren sie?


Man hört oft, dass nachhaltiges oder verantwortungsbewusstes Investieren oder ESG-Anlagen (Umwelt, Soziales, Governance) mittlerweile zum Mainstream geworden sind oder einen Wendepunkt erreicht haben. Bei festverzinslichen Wertpapieren gewinnen ESG-Faktoren zunehmend an Bedeutung.

Ohne Aktienstimmrechte ist es jedoch nicht immer offensichtlich, was Anleiheinvestoren tun können, um aktiv in Emittenten zu investieren oder Einfluss zu nehmen. Eine neue Generation von ESG-Anleihen, die eindeutig mit Nachhaltigkeit verbunden ist, eröffnet hier Chancen.

Das Emissionstempo von ESG-Anleihen hat sich in den vergangenen beiden Jahren beschleunigt. Grüne Anleihen, bei denen das aufgenommene Kapital für Umweltinitiativen oder -Projekte eingesetzt wird, machen den größten Anteil aus. Im vergangenen Jahr hat sich das Emissionsvolumen von sozialen Anleihen, deren Erlös für Grundbedürfnisse wie gute Arbeitsplätze oder den Zugang zur Gesundheitsversorgung eingesetzt wird, um das Siebenfache gesteigert. Teilweise ist diese Entwicklung auf Covid-19 zurückzuführen. 

In geringerem Ausmaß steigt auch das Emissionsvolumen von nachhaltigkeitsgebundenen Anleihen (Sustainability-Linked Bonds, SLBs). Sie werden mit spezifischen Nachhaltigkeitszielen (Sustainability Performance Targets, SPTs) begeben, die maßgebliche Performanceindikatoren (Key Performance Indicators, KPIs) enthalten – zum Beispiel der „Prozentsatz der recycelten Materialien, die bis 2030 in der Fertigung verwendet werden“. Wird das Nachhaltigkeitsziel verfehlt, erhöhen sich durch die „Step-up“-Klausel der Anleihe die Anleihezinsen.

Wo kommen nachhaltigkeitsgebundene Anleihen her?

Das italienische Energieversorgungsunternehmen Enel gab im September 2019 eine Anleihe aus, die mit den Nachhaltigkeitszielen der UN (Sustainable Development Goals, SDG) in Verbindung steht. Angestrebt wird ein Anteil erneuerbarer Energien von 55 % an der Stromerzeugungskapazität bis Ende 2021, mit einer „Step-up“-Klausel in Höhe von 25 Basispunkten, falls das Nachhaltigkeitsziel verfehlt wird. Das Ziel wurde mit der Vergütung der Führungskräfte verknüpft.

Da Enel zu diesem Zeitpunkt noch Kohlekraftwerke einsetzte, war die Reaktion der ausschließlich auf grüne Anleihen fokussierten Anleger durchwachsen. Nimmt man eine zukunftsorientiertere Perspektive ein, dann weist die Anleihe meines Erachtens durchaus echten Ehrgeiz bezüglich ökologischer Auswirkungen auf.

SLBs stellen im Vergleich zu grünen und sozialen Anleihen weiterhin einen kleinen Anteil der Gesamtlandschaft von ESG-Anleihen dar. Die begebenen Titel stammen hauptsächlich aus Europa, in jüngerer Zeit aber auch aus Lateinamerika und Asien.

Seit 2018 vergeben Banken nachhaltigkeitsbezogene Darlehen, um die Kreditnehmer dazu zu bewegen, sich von umwelt- und/oder sozialschädlichen Praktiken abzuwenden und externe ESG-Ratings zu verbessern. Dadurch wird zudem das Umweltprofil der eigenen Kreditportfolios unter den Banken gestärkt. Das Konzept festigt im Laufe der Zeit die Relation zwischen den Nachhaltigkeitszielen eines Kreditnehmers und den Finanzierungskosten.

Bei Nachhaltigkeitsinvestitionen investieren Anleger langfristig orientiert, gewinnbringend und wirkungsvoll. Es geht um mehr als nur Renditen. Wesentliche Auswirkungen auf die Finanzen, die Geschäftsaktivitäten und das Ansehen des Unternehmens aufgrund von Fortschritten bei den KPIs von SLBs können auch Einfluss auf den Aktienkurs des Unternehmens nehmen.

Was sind die Vor- und Nachteile von nachhaltigkeits-gebundenen Anleihen? 

SLBs repräsentieren Ziele auf Unternehmensebene. Sie helfen vielen verschiedenen Emittenten, ihren kurz- bis mittelfristigen Nachhaltigkeitsprioritäten Ausdruck zu verleihen. Sie machen ihre Verpflichtungen auch gegenüber Anleiheinvestoren und Umweltaufsichtsbehörden explizit und messbar.

Sie können für Unternehmen hilfreich sein, die ESG-Kriterien von einer niedrigeren Ausgangsbasis ausgehend oder in einem weniger umweltfreundlichen Sektor oder Land etablieren möchten. SLBs sind also in gewisser Weise integrativer und vielfältiger.

Die Kuponerhöhung kann auch von mehreren Zielen abhängig gemacht werden. Nehmen wir als Beispiel den brasilianischen Papierhersteller Klabin. Die SLBs des Unternehmens weisen drei KPIs auf, die bis 2025 erreicht werden sollen: Verringerung des Wasserverbrauchs, Erhöhung der Mindestmengen an wiederverwertetem/recyceltem Feststoffabfall und Wiedereinführung von mindestens zwei einheimischen Tierarten, die auf den Grundstücken des Unternehmens nicht mehr präsent oder vom Aussterben bedroht sind.

Wie bei grünen oder sozialen Anleihen veröffentlichen Unternehmen jährlich ihre Fortschritte in Bezug auf ihren Performanceindikator. Anleger müssen jedoch prüfen, ob die Ziele aktuell und zukünftig von Relevanz sind oder sich eventuell nur auf vergangene Maßnahmen der Geschäftsleitung beziehen. Die Ziele sollten eine langfristige Wirkung aufweisen. Die KPIs von Klabin sind Teil von übergeordneten Zielen, die sich bis auf das Jahr 2030 erstrecken, und von externer Stelle überprüft werden.

Wie die Beispiele zeigen, geben diese SLBs klare, messbare Ziele vor und verursachen dem Unternehmen finanzielle Kosten, wenn sie nicht erreicht werden. Dies sorgt für Transparenz und eine konkrete Grundlage für die Einflussnahme auf das Unternehmen und hilft den Anlegern dabei, das Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen.

Vereinzelt wurde vorgeschlagen, dass ein Scheitern das bessere Ergebnis für die Anleger wäre, da dies zu einem höheren Kupon und damit zu einer höheren laufenden Rendite führen würde. Diese Einstellung ist meiner Ansicht nach kurzsichtig.

Wird ein KPI nicht erreicht, geht dies mit Reputationsrisiken einher. Außerdem verliert das Unternehmen alle Vorteile, die ein Erreichen der Ziele mit sich bringen würde. Dies könnte sich zu einem späteren Zeitpunkt in einem niedrigeren Aktienkurs oder höheren Zinskosten niederschlagen. Ein Misserfolg würde eine Neubewertung der Investitionsentscheidung, eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen zur Identifizierung der Gründe sowie eine mögliche Veräußerung erforderlich machen.

Für engagierte nachhaltige Anleger ist es entscheidend, das Ziel am oder vor dem geplanten Datum zu erreichen. Wenn das Ziel erreicht ist und sich als sinnvoll erweist, verbessern sich die Fundamentaldaten des Unternehmens. Dies hat mehrere Vorteile: Kostensenkung durch gute Ressourcennutzung, Ausrichtung des Geschäftsbetriebs auf längerfristige globale Themen, Beitrag zur Reduzierung des Umweltrisikos oder zur Entwicklung einer nachhaltigen Infrastruktur. Dies stellt meiner Ansicht nach eine gute Grundlage für eine solide langfristige Investition dar.

Inwieweit unterscheiden sich SLBs von grünen oder sozialen Anleihen?

SLBs spiegeln das Engagement auf Emittenten- oder Unternehmensebene wider. Grüne und soziale Anleihen konzentrieren sich in der Regel stärker auf die Projektebene und die Verwendung von Erlösen. Während die jüngsten grünen Anleihen aus neuen Sektoren wie Freizeit und Automobil stammten, könnte es für bestimmte Sektoren oder Regionen oder für kleinere Unternehmen schwierig sein, eine ausreichende oder ausschließlich grüne oder soziale Verwendung von Erlösen zu finden.

SLBs sind vielseitiger und bieten Emittenten in ihrer Darstellung und ihren Zielen die Möglichkeit, die strategischen Nachhaltigkeitsaktivitäten detailliert und mit einem bestimmten Zeitplan zu kommunizieren. Damit gehen wesentlich Vorteile einher. Wenn der Emittent sein Ziel erreicht, werden die allgemeine Nachhaltigkeit und damit die Fundamentaldaten des Unternehmens verbessert. Geschieht dies nicht, wird der Anleger vom Emittenten entschädigt und kann sich für einen Ausstieg entscheiden.

Was Anleger möglicherweise übersehen, ist die damit verbundene Wirkungsberichterstattung (Impact Reporting), ähnlich wie die meisten grünen Anleihen über bestimmte Projekte berichten. Ein Aspekt, der bei SLB-Emittenten bei der jährlichen Berichterstattung zu beachten ist, ist der Verlauf des Fortschritts und die Veröffentlichung von Details – und das nicht erst, wenn die Frist abzulaufen droht. In beiden Fällen ist eine jährliche Überprüfung durch einen unabhängigen und qualifizierten externen Prüfer unerlässlich.

Interessanterweise hat Aeroporti di Roma, ein Emittent von grünen Anleihen, kürzlich ein SLB-Rahmenwerk und einen SLB-Titel als Ergänzung zur grünen Anleihe und deren Auswirkungen auf das 13. Nachhaltigkeitsziel der UN – Maßnahmen zum Klimaschutz – herausgegeben.

Während Anleger unter Umständen die allgemeinen Nachhaltigkeitsmerkmale einiger Emittenten von grünen Anleihen infrage stellen könnten, ist der Weg hin zur Nachhaltigkeit bei SLBs gerade der Punkt.

Gibt es bestimmte Sektoren, in denen SLBs eine größere Rolle spielen?

SLBs sind allgemein attraktiv und eröffnen allen Unternehmen die Möglichkeit, Anleihen zu begeben. Einzelhändler wie Tesco, H&M und Ahold haben alle SLBs mit Zielen wie einer verringerten Kohlenstoffintensität und der zunehmenden Wiederverwertung von Textilmaterialien und Lebensmittelabfällen herausgegeben.

Dies kann besonders in Sektoren hilfreich sein, in denen Nachhaltigkeit eine Herausforderung darstellt. So zum Beispiel in der Schifffahrt. Die nachhaltigkeitsbezogene Anleihe des norwegischen Unternehmens Odfjell ist damit verbunden, die Kohlenstoffintensität zwischen 2018 und 2030 um 50 % zu senken. Der Seetransport ist für den Welthandel von wesentlicher Bedeutung. Aus diesem Grund ist eine nachhaltigere Ausrichtung des Sektors sehr wichtig. Das Rahmenwerk von Odfjell kann uns dabei helfen, mehr über den Austausch der Schifffahrtsflotte, technische Verbesserungen und alternative Kraftstoffe zu erfahren. Wenn bei dieser Anleihe die Minderung der CO2-Emissionen nicht eingehalten wird, erhalten Anleger bei Fälligkeit im Jahr 2025 zusätzliche 1,5 % (in norwegischen Kronen) auf den geliehenen Kapitalbetrag.  

Sind die Ziele der Unternehmen ehrgeizig genug?

Wir müssen uns anstrengen, wenn die Nachhaltigkeitsziele der UN bis 2030 weltweit erreicht werden sollen. Daher fordern Anleger Unternehmen nachdrücklich zu ehrgeizigeren Zielen auf – je früher, desto besser.  

Erstens sind Ziele wichtig, die innerhalb der Sektoren und/oder des geografischen Kontexts führend sind, und Ziele, die bei verschiedenen Szenarien erreicht werden können, sind für die Glaubwürdigkeit unerlässlich. Dies entwickelt sich allmählich im Laufe der Zeit. Zweitens ist die Einbeziehung von Stakeholdern wie Kunden und Lieferanten wichtig. So wird sichergestellt, dass die zugesagten Unternehmensressourcen auch nach SLB-Fälligkeit in die Nachhaltigkeit investiert werden.  

Das Angebot an SLBs macht einen kleinen Teil des ESG-Markts insgesamt aus, wächst 2021 jedoch schnell. Die Vielfalt und der Ehrgeiz der Ziele dürften sich verbessern, wenn Anleger mit Unternehmen verhandeln und ein klareres Bild der besten Praktiken entwickeln.  

Wie robust sind SLB-Frameworks?

Das Sustainability-Linked Finance Framework wurde in Übereinstimmung mit den Sustainability-Linked Bond Principles entwickelt, die im Juni 2020 von der International Capital Markets Association (ICMA) festgelegt wurden. Das ist zwar noch nicht lange her, aber Unternehmen haben mit ähnlichen Kreditdokumentationen bereits Erfahrung gesammelt. Das Sustainability-Linked Finance Framework muss sich auf die Auswahl von KPIs, die Kalibrierung von SPTs und die Strukturierung, Berichterstattung und Überprüfung von Instrumenten erstrecken. Im Allgemeinen sind SLB-Emissionen mit mehreren Zielen besonders interessant.

Manche fragen sich vielleicht, ob eine „Step-Down“-Klausel funktionieren würde. Ich glaube, dies könnte zu kurzsichtigem Handeln führen. Das Unternehmen könnte sich auf die Kuponreduzierung konzentrieren und dann sagen, dass die Arbeit erledigt sei – und eben nicht nach einer kontinuierlichen Steigerung der Nachhaltigkeit streben.

Letztendlich muss jedes Rahmenwerk in seiner Ganzheit bewertet werden. Entscheidend ist, ob das Unternehmen engagiert und ehrgeizig ist und ob die SLB-Ziele einen Unterschied machen und Mehrwert schaffen werden.

Werden Regierungen SLBs herausgeben?

Regierungen oder Behörden werden SLBs begeben, die dem jungen SLB-Markt eine größere Dimension und Liquidität verleihen werden. Sie werden sowohl Anlegern als auch Steuerzahlern konkrete Beispiele für Nachhaltigkeitsziele geben und so dazu beitragen, die Messlatte hochzulegen.

SLBs von Regierungen können mit der Arbeitsplatzschaffung in sozialen oder ökologischen Sektoren, der Förderung der Gleichstellung oder dem Aufbau einer Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in großem Maßstab verbunden werden. Die globalen Entwicklungsbanken könnten auch auf technischer Ebene helfen, SLBs aus Schwellenländern auf den Markt zu bringen, um diesen zu helfen, sich auf die UN-Nachhaltigkeitsziele zu konzentrieren.

Regierungen können ebenfalls technische Hilfe oder Technologien anbieten, die dann in einer nachhaltigkeitsgebundenen Anleihe enthalten sein könnten.

Regierungen können eine große Rolle dabei spielen, nachhaltige Veränderungen voranzutreiben und als Vorbilder zu fungieren.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von den Autor*innen und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.