Perspektiven

Familienurlaub mit dem Elektroauto: Geht das?


Elektrofahrzeuge (EVs) verzeichnen in den letzten Jahren steigende Verkaufszahlen, aber es gibt immer noch viele Skeptiker. Deren Hauptargument? Die Ladeinfrastruktur.

Zu ihnen zählt auch Allegra Stratton, die Sprecherin der britischen Regierung für den bevorstehenden Klimagipfel COP26. Sie sorgte für Schlagzeilen, als sie angab, sie könne kein Elektrofahrzeug benutzen, weil es durch das ständige Aufladen für lange Fahrten wie von London nach Nordwales oder Schottland zu langsam wäre.

Und Anfang dieses Jahres wurde Ed Miliband, Wirtschaftsminister des Schattenkabinetts, im Morgenfernsehen blossgestellt, als er eine „Elektroauto-Revolution“ forderte, aber zugeben musste, dass er selbst noch keines fahre. Es wäre aber „in der Planung“.

Nun, als stolzer Besitzer eines Elektroautos seit 2019 kann ich dafür bürgen, dass lange Fahrten selbst mit zwei kleinen Kindern nicht annähernd so knifflig sind, wie manche es sich vorstellen. Beweisstück Nummer Eins: Mein Sommerurlaub in Grossbritannien.

Unsere Reiseroute: London–Cornwall–Fife–Norfolk–London. Die Karte unten zeigt unsere Route und unsere Aufladestopps. Wir haben diese Reise – eine Kombination aus Urlaub und Home Office – über drei Wochen gemacht.

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Ich werde nicht so tun, also ob eine solche Reise keine Vorausplanung erfordert. Meine Frau und ich waren sehr organisiert und haben unsere Ladestopps im Voraus geplant. Wir hatten auch das Glück, bei Verwandten in Cornwall, Schottland und Norfolk zu wohnen, die auf ihrem Grundstück Platz haben, um das Auto aufladen können.

Öffentliches Ladenetz wird ausgebaut

Mein Auto ist ein Audi, eine Marke von Volkswagen. Auf der obigen Karte können Sie sehen, dass die meisten unserer Ladestationen zum Ionity-Netzwerk gehörten, in dem wir Mitglied sind.

Ionity ist ein Joint Venture zwischen mehreren Automobilherstellern (die Volkswagen-Marken Audi und Porsche sowie BMW, Ford, Hyundai und Mercedes), das ein leistungsstarkes Schnellladenetz an den grössten Autobahnen in Europa aufbaut. Die Ladegeräte selbst werden von der schwedischen Firma ABB hergestellt.

Scott lädt Auto an einer Ionity-Ladestation auf

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An solchen Schnellladestationen dauert es etwa eine halbe Stunde, bis die Autobatterie vollständig aufgeladen ist. Schnellladegeräte wandeln Wechselstrom aus dem Stromnetz in Gleichstrom um, mit dem die Autobatterie geladen wird. 

Ein Vorteil des Netzwerks von Ionity besteht darin, dass es mit einer Vielzahl von Elektrofahrzeugen kompatibel ist. Dies ist nicht immer der Fall. Einige Fahrzeuge benötigen möglicherweise Adapter, um Ladegeräte anderer Hersteller verwenden zu können. Dies kann die Optionen für Autofahrer einschränken. Tatsächlich ist mir bei Chippenham eine Warteschlange bei der Tesla-Ladestation aufgefallen.

Das wirft die Frage auf, ob die öffentliche Ladeinfrastruktur mit der Einführung von Elektrofahrzeugen Schritt hält. Das Ladenetz wächst jedoch ständig weiter. Die folgende Abbildung zeigt das vierteljährliche Wachstum der öffentlichen Ladestationen in Grossbritannien.

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Wenn alles andere fehlschlägt, ist die Möglichkeit, zu Hause aufzuladen, immer noch sehr nützlich. Das stellten wir fest, als wir versuchten, in einem Hotel in Cornwall vor Ort aufzuladen, weil die BP Pulse-Station während unseres Besuchs ausser Betrieb war. Stattdessen haben wir das Auto im Haus unserer Verwandten mit einem dreipoligen Stecker mit einem Kabel aus dem Fenster aufgeladen. Da kommt natürlich die Frage nach der Stromrechnung auf. Aber tatsächlich kostet eine komplette Aufladung nur 10 britische Pfund.

Das Problem beim Aufladen zu Hause ist, dass es sehr langsam ist – es sei denn, Sie haben wie ich ein spezielles Ladegerät installiert. Dies liegt daran, dass Sie Wechselstrom aus dem Netz verwenden, den ein Modul im Auto in Gleichstrom umwandeln muss.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die verfügbaren Ladegeräte und die ungefähren Ladezeiten, hängt jedoch stark von der Grösse der Batterie Ihres Autos ab. Bei einem dreipoligen Stecker kann die Aufladung bis zu 36 Stunden dauern – diese Option eignet sich also am besten, wenn Sie viel Zeit haben.

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Auf EV umzusteigen bedeutet, die Denkweise zu ändern

Aber es gibt immer noch viele schnellere Lademöglichkeiten für Fahrer, die nicht zu Hause sind. Ein Nachteil des Ionity-Netzwerks in Grossbritannien ist das „Schwarze Loch“ rund um Birmingham. Wir haben das gelöst, indem wir einen Ausflug zu IKEA gemacht haben. Die Stunde, die das Aufladen des Autos dauerte, nutzten wir zum „Auftanken“ der Familie mit schwedischen Fleischklösschen.        

Dieser Zwischenstopp bei IKEA war Teil unseres längsten Fahrtages – 929 km von Cornwall nach Fife mit vier Stopps. Auch unsere Rückreise aus Schottland beinhaltete Zwischenstopps, unter anderem über Nacht in Leeds. Ein Kritikpunkt an Elektrofahrzeugen ist, dass lange Fahrten nicht in einem Rutsch bewältigt werden können. Das stimmt zwar, aber Zwischenstopps haben auch ihren Vorteil.

Erstens ist es sicherer; der britische Automobilklub AA empfiehlt ohnehin, alle zwei Stunden eine Fahrpause einzulegen. Zweitens ist es eine Chance, das Beste aus der Reise zu machen, anstatt sich nur auf das Ziel zu konzentrieren. Der Aufenthalt in der ungewohnten Umgebung eines Hotels in Leeds war für die Kinder wahrscheinlich einer der Höhepunkte des ganzen Urlaubs, und wer isst nicht gerne Fleischklösschen?

Viele von uns sind sich zunehmend der Notwendigkeit für einen nachhaltigeren Lebensstil bewusst. Dazu gehört die Anpassung unserer Denkweise und unseres Verhaltens, egal ob es darum geht, ein Elektrofahrzeug aufzuladen oder zu lernen, wie man Kleidung repariert, anstatt neue zu kaufen (siehe Neues Leben für alte Kleidung).

EV-Infrastruktur Teil eines grossen Umdenkens

Es ist klar, dass sowohl Käufer von Elektrofahrzeugen als auch Investoren in Unternehmen, die Elektrofahrzeuge herstellen, die Ladeinfrastruktur im Auge behalten müssen. Die Europäische Kommission empfiehlt einen öffentlich zugänglichen Ladepunkt für jeweils zehn Elektrofahrzeuge, aber das Verhältnis von Elektrofahrzeugen zu Ladestationen ist im Jahr 2020 auf elf angestiegen (Quelle: Statista).

Die Ladeinfrastruktur muss weiter ausgebaut werden, da die Frist für den Ausstieg aus dem Verkauf neuer Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor näher rückt. Deutschland hatte beispielsweise im Jahr 2020 ca. 45.000 öffentlich zugängliche Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Aber es wird geschätzt, dass diese bis 2030 auf 720.000 steigen müssen, um die europäischen Ziele zu erreichen (Quelle: Road2Zero, Statista).

Die Autohersteller selbst sind sich des Bedarfs an Infrastruktur sehr bewusst, wie man daran erkennen kann, dass Ionity ein Joint Venture verschiedener Autokonzerne ist. Sie sind nicht die Einzigen, die an dieser Entwicklung beteiligt sind, obwohl es nicht ihr Kerngeschäft ist. Zum Beispiel betreibt der Ölkonzern Royal Dutch Shell ein Netz von Ladegeräten (Shell Recharge), verfügt über eine eigene Ladegesellschaft für Elektrofahrzeuge (NewMotion) und hat kürzlich angeboten, die britischen lokalen Behörden bei der Finanzierung der Installation von 50.000 Strassenladegeräten zu unterstützen.

Physische Ladegeräte sind nicht die einzige erforderliche Infrastruktur. Auch der genutzte Strom muss über erneuerbare Energiequellen erzeugt werden. Die Stromnetze müssen gestärkt werden, um die zusätzliche Nachfrage zu decken.

Dies alles ist Teil eines Wandels, der die Umgestaltung der europäischen Wirtschaft mit sich bringt, um die Klimaziele zu erreichen. Die Europäische Kommission hat diesen Sommer weitreichende Vorschläge zur Reduzierung der CO2-Emissionen veröffentlicht, die praktisch jeden Teil der Wirtschaft betreffen werden. Der Umstieg auf Elektrofahrzeuge ist nur ein Aspekt der kohlenstoffarmen Zukunft.  

Wie bei jeder neuen Technologie wird es Zeit brauchen, bis sich Elektrofahrzeuge auf breiter Basis durchsetzen. Aber die Akzeptanzbarrieren sind infrastrukturell bereits gering, wie das Beispiel meiner Reise hoffentlich zeigt.

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