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Konflikte und moderne Sklaverei: die Anlageperspektive


Der Ukraine-Krieg erinnert uns an die verheerenden Kriegsfolgen jenseits der Todesopfer, nämlich die Vertreibung und die Zerstörung der Lebensgrundlagen. Seit dem russischen Einmarsch am 24. Februar erlebt die Ukraine eine der schnellsten Fluchtbewegungen in der jüngsten Geschichte. In Europa wurden bis heute fast 6,7 Millionen Flüchtlinge registriert (Quelle: UNHCR).

Mittlerweile kehren Ukrainer offenbar in ihr Heimatland zurück. Dennoch erfordert die extreme Umsiedlung infolge des Konflikts die Integration zahlreicher Flüchtlinge in die Bevölkerung der europäischen Aufnahmestaaten.

Die Schlagzeilen aus der Ukraine sind leider nur die Spitze eines Eisbergs; laut Schätzungen der Vereinten Nationen wurden weltweit etwa 100 Millionen Menschen zwangsweise aus ihrer Heimat vertrieben, und zwar meistens als Folge von Gewalt (Quelle: UNHCR).

Moderne Sklaverei und Schlepperei sind eine Folge von 90 % der modernen Kriege (Quelle: Contemporary Slavery in Armed Conflict). Dies hat verschiedene Ursachen. Flüchtlinge werden beim Grenzübertritt von Schleppern aufgegriffen, oder sie nehmen Unterkunfts- oder Arbeitsangebote ohne Überprüfung der Legitimität und Sicherheit an.

Demografische Faktoren wie die Tatsache, dass Frauen und Kinder unter den Vertriebenen überpräsentiert sind, verstärkt die Verwundbarkeit von Flüchtlingen.

Firmen, die in Regionen tätig sind, die Vertriebene aufnehmen, müssen sich daher der Risiken der Ausbeutung von Arbeitskräften in ihren Betrieben und Lieferketten bewusst sein.

Nach dem syrischen Bürgerkrieg 2011 erlebte die Türkei einen Flüchtlingszustrom. Dort befindet sich heute die grösste Anzahl von Heimatvertriebenen – 3,6 Millionen davon sind Syrer. Ein erheblicher Anteil der Flüchtlinge wird in der Bekleidungsindustrie beschäftigt, die ein wichtiger Teil der türkischen Wirtschaft ist.

Schon vor der syrischen Flüchtlingskrise war die Bekleidungsindustrie stark auf billige und flexible Wanderarbeiter angewiesen. Inzwischen wird über die weitverbreitete Ausbeutung von Flüchtlingen als Arbeitskräfte berichtet. So gibt es Arbeitszeiten von über 60 Stunden in der Woche, und die meisten syrischen Arbeitskräfte verdienen weniger als den Mindestlohn (Quelle: Weltbank).

Es wird davon ausgegangen, dass insbesondere in Istanbul 85 % der Syrer informell beschäftigt sind. Deshalb nahm man globale Bekleidungsmarken wegen unzureichender Massnahmen unter die Lupe. Das Ergebnis: Nur wenige wurden für gute Praktiken gelobt (Quelle: BHRRC).

Der Fokus auf und die Überwachung von Menschenrechtsverletzungen wie moderner Sklaverei nehmen zu, da europaweit eine grosse Anzahl von verbindlichen Due-Diligence-Gesetzen in Kraft tritt. Angesichts der bevorstehenden konkreten zivilrechtlichen Haftung und Geldstrafen sowie der grundlegenden unternehmerischen Verantwortung war es sowohl für Managementteams als auch für Anleger in diesen Unternehmen noch nie so wichtig wie heute, potenzielle Menschenrechtsrisiken zu untersuchen und zu bewältigen.

Wie sollten sich Anleger im Zusammenhang mit diesem Thema engagieren?

Im Plan für das Engagement von Schroders fordern wir Unternehmen auf, eine Menschenrechtsrichtlinie im Einklang mit den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGP), der Internationalen Arbeitsorganisation und anderen internationalen Rahmenwerken auszuarbeiten und umzusetzen und sich zur Achtung der Menschenrechte zu verpflichten. Wir fordern Unternehmen auch auf, robuste Due-Diligence-Prozesse und wirksame Abhilfemassnahmen einzuführen.

Aufgrund des erhöhten Menschenrechtsrisikos in und im Umkreis von Konfliktgebieten erwarten wir jedoch, dass Unternehmen mehr tun. Hierzu gehören die Anpassung bestehender Richtlinien an die spezifischen Bedürfnisse der Konfliktgebiete sowie eine verstärkte diesbezügliche Due Diligence. Diese Massnahmen umfassen:

  • Bewertung von Menschenrechtsverletzungen und -risiken;
  • Integrieren und handeln entsprechend den Erkenntnissen;
  • Nachverfolgung von Antworten;
  • Kommunizieren, wie Menschenrechtsverletzungen und -risiken angegangen werden.

Für Anleger, die sich zu diesem Thema engagieren wollen, gibt es als Ausgangspunkt zwei einfache Fragen, die sie Unternehmen stellen sollten:

  1. Inwieweit wurden Ihre Lieferketten durch den Zustrom von Wanderarbeitern beeinflusst und wie bewerten Sie die damit verbundenen Risiken der modernen Sklaverei?
  2. Welche erweiterten Due-Diligence-Prozesse führen Sie wegen dieses erhöhten Risikos durch?

Fallstudie – türkischer Bekleidungshersteller:

Angesichts der erhöhten Menschenrechtsrisiken in der Türkei, insbesondere aufgrund des Flüchtlingsstroms aus Syrien, engagieren wir uns seit 2020 bei einem türkischen Textilunternehmen zu dessen Menschenrechtsrichtlinien und -praktiken.

Das Unternehmen steckte bei diesem Thema noch in den Kinderschuhen. Deshalb ermutigten wir es zunächst, seine Offenlegung auszuweiten und die Einhaltung verantwortungsvoller Beschaffungspraktiken zu demonstrieren. Darüber hinaus hielten wir das Unternehmen dazu an, an Brancheninitiativen zur Verbesserung der Standards mitzuwirken und mit relevanten Nichtregierungsorganisationen und Interessengruppen zusammenzuarbeiten.

Seit unserem Engagement hat das Unternehmen erfreulicherweise Vorgaben für Compliance und Monitoring in Bezug auf die Lieferkette festgelegt. Ausserdem hat es begonnen, grundlegende Auditdaten zu melden.

Fallstudie – taiwanesisches Unternehmen:

Wir engagierten uns 2022 bei einer taiwanesischen Firma mit Risiken in Myanmar. Das Unternehmen hatte erste Fortschritte bei der Einbeziehung der Menschenrechte und anderer ESG-Faktoren in seine Managementpraktiken für Zulieferer erzielt. Wir wollten wissen, welche Schritte ergriffen werden, damit mehr Lieferanten den Verhaltenskodex unterzeichnen. Des Weiteren bestärkten wir das Unternehmen, den Geltungsbereich seiner Auditpraktiken auszubauen.

Wir werden uns bei dem Unternehmen in den kommenden Jahren weiter zu diesen Themen engagieren. Falls nötig, werden wir unsere Bedenken in erhöhtem Mass zum Ausdruck bringen.

Fallstudie – europäischer Personalvermittler:

Mitte 2022 haben wir Engagements bei zwei Firmen begonnen, die in Europa als Personal- und Arbeitsvermittler tätig sind.

Wir stufen diese Branche als risikoreicher ein. Personalvermittler und Vermittler von Leiharbeitskräften haben in der Regel mit Personen zu tun, die schnell Arbeit finden wollen, weil sie aus ihrem Heimatland und von ihrem Arbeitsplatz vertrieben wurden.

Durch unser Engagement wollen wir verstehen, welche Massnahmen die Vermittler ergreifen, um diese Risiken zu antizipieren und mit ihnen umzugehen. Dabei soll sichergestellt werden, dass Arbeitssuchende und die endgültigen Arbeitgeber einer Due Diligence unterzogen werden.

In den kommenden Monaten werden wir die Antworten dieser Unternehmen im Einklang mit unserem Engagement-Prozess weiter beobachten.

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