Perspektiven

Lebensmittelpreise auch künftig hoch


Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gegen Ende Februar sind tiefgreifende Preisschwankungen einiger landwirtschaftlicher Grundstoffe festzustellen.

Wie stark die Preise angestiegen sind, zeigt die Abbildung unten. Die Preissteigerung für Weizen war bisher am höchsten.

Nach unserer Einschätzung dürfte das Preisniveau auch künftig auf diesem Stand verharren.

Die Nachfrage wird hoch sein, und in diesem und im kommenden Jahr ist das Angebot begrenzt. Diese Angebotsknappheit und die Nachfrage können sich unter Umständen 2023 und darüber hinaus noch verschlechtern. Einerseits ist dies in den nicht vorhersagbaren Witterungsverhältnissen begründet, die die Ungewissheit bezüglich des Angebots beeinträchtigen. Und andererseits ist da die eventuell anhaltende Unterbrechung des Anbaus in der Ukraine.

Das Getreide wird mittlerweile mit weniger Düngemitteln angebaut. Infolge des Kriegs sind die Düngemittelpreise spürbar angestiegen und das Angebot hat sich verknappt.

Zwei wichtige Rohstoffexporteure – Ukraine und Russland

Der Grund für die Preiserhöhung ist offensichtlich, wenn wir die bedeutende Stellung der Ukraine und Russlands als Exporteure von Nahrungsmitteln und Rohstoffen berücksichtigen. Bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen sind Sonnenblumenöl und Getreide (Mais, Weizen und Gerste) am schwersten betroffen.

Was die Versorgung mit Düngemitteln angeht, ist Kali (40 % der weltweiten Exporte mit Einbeziehung von Belarus) am stärksten beeinträchtigt.

Wie lange der Lieferunterbrechung für die Ukraine anhalten wird, ist nach wie vor unklar. In den wichtigsten landwirtschaftlichen Regionen fanden schwere Kämpfe statt. Sehr viel Ackerland liegt aufgrund von Landminen brach und zudem wurden landwirtschaftliche Maschinen zerstört.

Die Störung der Rohstoffexporte aus der Ukraine und Russland hat Konsequenzen für die Preise anderer Rohstoffe. Die Palmölpreise werden sich verteuern, weil es beispielsweise als Ersatz für Sonnenblumenöl dient.

Die Preisbeschleunigung einer breiten Bandbreite von Rohstoffen führte dazu, dass weniger Bauern in anderen Regionen auf den Getreideanbau umgestiegen sind. Damit hätten die Versorgungsengpässe behoben werden können, aber die Erzeuger erzielen mit dem Anbau anderer Feldfrüchte gute Preise.

Mangel an Düngemitteln könnte Anbauerträge schmälern

Eine weitere Einschränkung, die die Region daran hindert, die Lücke zu schliessen, sind die fehlenden Pflanzennährstoffe. Die Düngemittelkosten amerikanischer Bauern erhöhten sich von 14 % gemessen am Umsatz von 2020 auf ca. 23 % im Jahr 2022.

Dies hat sich bereits darauf ausgewirkt, welche Feldfrüchte angebaut werden. Amerikanische Bauern planen beispielsweise die bisher höchste Aussaat von Sojabohnen, wofür relativ wenig Dünger nötig ist. Laut der aktuellen Umfrage des US-Landwirtschaftsministeriums werden weniger Sommerweizen und Mais angebaut.

Unlängst stellte man zudem Anzeichen eines Einbruchs der Nachfrage nach Düngemitteln fest. Bauern haben den Kauf von Dünger, wenn möglich, hinausgezögert. Dabei hofften sie auf einen Preisrückgang im Jahresverlauf. Diese recht selbsterfüllende Prophezeiung bewahrheitete sich: Die amerikanischen Düngemittelpreise fielen 35 % unter den Höchststand vom März.

Der Einsatz von Dünger für Weizen beginnt ziemlich früh in der Saison und erreicht gegen Ende Juni bis Mitte August seinen Höhepunkt. In den kommenden Wochen wird sich daher herausstellen, inwieweit die Nachfrage zerstört oder hinausgezögert wurde.

Mehrere Länder schränken Nahrungsmittelexporte ein

Es ist daher kaum überraschend, dass angesichts der Exportunterbrechung von Feldfrüchten und Dünger viele Länder beschlossen haben, die eigene Versorgung mit Nahrungsmitteln abzusichern. Aktuell unterliegen 17 % des weltweiten Kalorienbedarfs Exportbeschränkungen von Nahrungsmitteln.

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Die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten ist unterschiedlich, beträgt jedoch in einigen Ländern des Mittleren Ostens und Nordafrikas sogar 100 %.

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Je enger der Markt wird, desto mehr hängt das Angebot von Grenzproduzenten ab, d. h. von Erzeugern, die nur eine relativ geringe Menge anpflanzen. Zudem erhöht sich dadurch das Risiko von Preisschwankungen aufgrund von extremen Witterungsverhältnissen. Westafrika ist besonders gefährdet, da 70 % der Anbauflächen Trockenstressbedingungen ausgesetzt sind.

Versorgungsmangel bei Nahrungsmitteln könnte Umstieg auf Biokraftstoffe gefährden

Neben Exportbeschränkungen könnte eine weitere Reaktion auf die angespannte Lage an den Agrarrohstoffmärkten die Warenströme und den Einsatz verändern. Etwa 20 % des weltweit angebauten Weizens dienen als Tierfutter. Es könnte daher zu einer Substitution kommen, um diese Getreideart für den menschlichen Verzehr zu nutzen.

Ein weiterer Bereich, der davon betroffen sein könnte, sind Biokraftstoffe, die 10 % des weltweiten Weizens verwenden. Die Biokraftstoffunternehmen der ersten Generation (d. h. Firmen, die Lebensmittel und keine Abfälle einsetzen) könnten einen gewissen politischen Druck verspüren, wenn Staaten Subventionen aussetzen oder einstellen. Weitere Risiken sind Lieferengpässe und Reputationsschäden.

Kürzlich gab es unter den G7-Ländern eine Debatte über eine Aufhebung des Anbaus von Feldfrüchten für Biokraftstoffe, um die Nahrungsmittelknappheit zu lindern. Zum Emissionsabbau sehen die Vorschriften vor, dass Biokraftstoffe dem normalen Benzin und Diesel beigemischt werden müssen. Sollte es zu einer Aufhebung des Anbaus kommen, wird es für Länder wie Deutschland sehr schwierig sein, seine Kohlenstoffverpflichtungen im Verkehrswesen zu erfüllen. Die Tatsache, dass man dies erwägt, veranschaulicht das Ausmass des wachsenden Dilemmas seitens der Politik.

Eine langfristige Sorge: Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln

Der Ukrainekrieg hat die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln in den Mittelpunkt gerückt. Das langfristige Narrativ über die Versorgung mit Lebensmitteln hat sich zudem geändert.

Das Bevölkerungswachstum bedeutet, dass die weltweite Erzeugung von Lebensmitteln und die Aufbereitung von Trinkwasser 2050 um 70 % gegenüber dem Stand von 2010 zunehmen muss. Klima- und weiter gefasste Umweltfaktoren bedeuten, dass die Ressourcenintensität gleichzeitig um ca. zwei Drittel abnehmen muss.

Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln dürfte in naher Zukunft die Priorität von Staaten sein. Hohe Düngemittelpreise, enge Märkte für landwirtschaftliche Geräte und unterbrochene Wertschöpfungsketten für Pestizide könnten einen Rückgang der weltweiten Erträge bei landwirtschaftlichen Grundstoffen sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr verursachen.

Wenn man weiter in die Zukunft schaut, muss das System nachhaltiger werden, sonst gerät es in zunehmend negative Rückkopplungsschleifen, wie extreme Witterungsverhältnisse und Ökosystemdegradierung. Selbst wenn der Klimawandel die Temperatur um 2 Grad ansteigen liesse, würden die Ernteerträge aus Weizen und Mais um 14 % bzw. 12 % zurückgehen.

Fazit: Die Agrarpreise werden in absehbarer Zeit steigen.

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