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Was bedeutet ein Kohlenstoffpreis von 50 Euro für europäische Unternehmen?


Anfang des Monats übertraf der CO2-Preis in der EU erstmals die Marke von 50 Euro. Der Preis ist damit inzwischen doppelt so hoch wie vor der Pandemie. Gerade in den vergangenen Monaten ist er sprunghaft angestiegen.

Was ist der CO2-Preis der EU?

Ziel des EU-Emissionshandelssystems (EHS) ist es, einen Preis für die Kohlenstoffemissionen umweltschädlicher Branchen festzulegen. Derzeit deckt das System 40 % (rund 1,6 Mrd. Tonnen) der europäischen Emissionen ab.

Mit dem EHS sollen die Emissionen von rund 10.000 Anlagen beschränkt werden. Diese Anlagen dürfen nur eine bestimmte Menge an Treibhausgasen ausstossen. Die Unternehmen, die diese Anlagen besitzen oder betreiben, kaufen oder erhalten Emissionszertifikate, die sie untereinander handeln können. Durch die begrenzte Anzahl an Emissionszertifikaten wird sichergestellt, dass sie einen Wert besitzen und dass eine Höchstgrenze bei den Emissionen eingehalten wird.

Welche Sektoren sind davon betroffen?

Derzeit umfasst das System die Stromerzeugung und einige Industriesektoren (energieintensive Industrie wie Ölraffinerien, Stahlwerke und die Herstellung von Metallen und anderen Materialien).

Aufgrund der kostenlosen Emissionszertifikate für bestimmte Unternehmen in diesen Industriesektoren bekommen einige Unternehmen die vollen Auswirkungen des Anstiegs der CO2-Preise nicht zu spüren.  

Der Stromerzeugungssektor ist hiervon viel stärker betroffen. Die Kohlenstoffpreise steigen, wodurch der Strom aus fossilen Brennstoffen teuer wird. Gleichzeitig wird grüne Energie, wie Wind- oder Solarenergie, wettbewerbsfähiger, was Änderungen des Verbraucher- und Lieferantenverhaltens zufolge haben dürfte.

Die Auswirkungen unterscheiden sich auch von Land zu Land. Es gibt noch viel Spielraum für eine Dekarbonisierung des Energiesektors in Deutschland und Polen. Das bedeutet, dass ein hoher Kohlenstoffpreis in diesen Ländern sehr wichtig ist, da die Kosten für Unternehmen, die zur Stromerzeugung auf fossile Brennstoffe wie Kohle angewiesen sind, steigen werden. Im Gegensatz dazu stehen die Energiesektoren Skandinaviens, Spaniens und Frankreichs bereits kurz vor der Dekarbonisierung.

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Wie werden sich die neuen Klimaziele der EU auf das EHS auswirken?

Seit der Einführung des EHS wurde die Anzahl kostenloser Zertifikate für Industrieunternehmen zwar jedes Jahr reduziert, aber nicht um viel. Das soll sich jetzt ändern. Europa hat sich das ehrgeizige Ziel einer Netto-Null-Emission bis 2050 gesetzt. Der derzeitige Plan für Emissionszertifikate geht von einer Reduktion der Emissionen um 40 % bis 2030 aus. Die neuen Ziele der EU sind ehrgeiziger und verlangen eine Reduktion um 55 %.

Das bedeutet, dass die weitere Reduktion der Emissionszertifikate bis 2025 zwar in groben Zügen feststeht, dann aber mit grossen Änderungen gerechnet werden kann. Wahrscheinlich wird es wesentlich weniger kostenlose Emissionszertifikate geben. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob von Anfang an eine deutliche Reduktion stattfindet oder ob es zu einer schrittweisen Rücknahme kommt. Wir könnten hierzu im Juni Genaueres erfahren, wenn die EU-Kommission die Phase 4 des EHS (2021–2030) diskutiert.

Das Jahr 2026 scheint zwar noch in ferner Zukunft zu liegen. Da ESG-Faktoren (Umwelt, Soziales, Governance) für Anleger aber eine immer grössere Rolle spielen, bedeutet dies, dass sich eine Veränderung schon wesentlich früher in den Aktienkursen niederschlagen könnte. Insbesondere müssen Anleger die möglichen Auswirkungen auf die langfristigen Bewertungen berücksichtigen.

Könnten auch andere Sektoren betroffen sein?

Jenseits des Stromerzeugungssektors werden sich die Auswirkungen nicht aus steigenden Kohlenstoffpreisen, sondern aus zusätzlichen Aktivitäten ergeben, die vom EHS abgedeckt werden. Schliesslich spielt ein hoher CO2-Preis keine Rolle, wenn man von der Zahlung befreit ist oder über genug kostenlose Emissionszertifikate verfügt.

Eine raschere Reduktion der Zertifikate ist wahrscheinlich, was grosse Auswirkungen auf energieintensive Industriezweige haben würde. Eine andere Möglichkeit ist jedoch die Aufnahme neuer Sektoren in das EHS.

So könnten die Sektoren Transport und Bau betroffen sein. Das Problem mit diesen Sektoren ist, dass die Emissionen im Allgemeinen Sache des Verbrauchers und nicht des Unternehmens sind. Das erschwert die Messung und Überwachung der Emissionen.

Welche Risiken gehen mit einem strengeren EHS einher?

Das Hauptproblem einer Erweiterung des EU-EHS ist das Konzept der „CO2-Leckage“: Die Erhöhung der Kosten für unsere heimischen Industrien führt zu einer Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit und zwingt Unternehmen dazu, ihre Anlagen zu schliessen oder zu verlagern. Der Austoss von Treibhausgasen würde ungebrochen anhalten, nur eben nicht in Europa.

Eine viel diskutierte Lösung hierfür ist ein Mechanismus zur Anpassung der Kohlenstoffgrenzen, der in Europa als „Kohlenstoff-Grenzsteuer“ bezeichnet wird. Dies würde theoretisch die Industrie vor der CO2-Leckage schützen, da der Preis für Importe entsprechend ihrem CO2-Fussabdruck erhöht werden würde.

Das Problem dabei ist die Frage, wie man den individuellen CO2-Fussabdruck dieser Importe überwachen soll. Wie können wir Umleitungen vermeiden, bei denen kohlebasiertes Aluminium aus China in Russland mit einer Erdgasbilanz versehen sein könnte, bevor es beispielsweise nach Europa kommt? Wird dies als Verbrauchersteuer fungieren? Dies sind Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor die Grenzsteuer im Januar 2023 eingeführt wird.

Haben andere Länder ähnliche Systeme?

Viele der Hindernisse für das EHS in Europa liessen sich durch einen globalen Kohlenstoffpreis lösen. Viele Länder haben zwar inzwischen Kohlenstoffsysteme, diese sind jedoch keineswegs so ausgereift wie das europäische System.

China sollte man im Auge behalten, weil die Kohleindustrie dort eine sehr wichtige Rolle spielt. Da China inzwischen die Netto-Null-Emission bis 2060 anstrebt, können wir hier mit beträchtlichen Verbesserungen des Systems rechnen. Dadurch würde sich die Belastung potenzieller Kohlenstoff-Grenzsteuern in Europa reduzieren.

Aus Anlegerperspektive würden Unternehmen von einem besseren globalen Kohlenstoffsystem profitieren, die weniger CO2 ausstossen als ihre Mitbewerber in anderen Märkten.

Nehmen wir als Beispiel den norwegischen Aluminiumhersteller Norsk Hydro. Das Unternehmen nutzt Wasserkraft zur Herstellung seines Aluminiums, während seine Konkurrenten in China, auf die rund 50 % der weltweiten Aluminiumproduktion entfallen, hauptsächlich Kohle verwenden. Eine Kohlenstoff-Grenzsteuer würde den Preis für dieses Aluminium auf Kohlebasis erhöhen, wenn es nach Europa verkauft wird – Norsk Hydro mit seiner sauberen, niedrigeren Kostenbasis würde vom höheren Marktpreis profitieren.

Ein weiteres Beispiel ist das Düngemittelunternehmen Yara, ebenfalls aus Norwegen. Es produziert Stickstoffdünger mit Erdgas – viele chinesische Produzenten verwenden hingegen Kohle.

Der chinesische Kohlenstoffpreis liegt derzeit bei rund 3 US-Dollar pro Tonne und damit weit unter dem Niveau, das eine echte Dekarbonisierung bewirken würde.

Überwachung der Kohlenstoffkosten

Wie wir gesehen haben, betrifft der EU-Kohlenstoffpreis nicht jedes Unternehmen in Europa. Allerdings haben Kohlenstoffemissionen, ob in Europa oder anderswo, grosse Auswirkungen auf die Umwelt.

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