Perspektiven

Was sind die Überlebensmerkmale eines Multi-Asset-Managers?


Multi-Asset-Manager waren in diesem Jahr mit aussergewöhnlichen Marktbedingungen konfrontiert. Doch damit sind die Herausforderungen noch lange nicht beendet. An den Finanzmärkten spielen sich weitreichende strukturelle Veränderungen ab. Kräfte, die die Anlagewelt einer ganzen Generation bestimmt hatten, verlieren an Bedeutung oder werden unvorhersehbarer.

Zum Beispiel werden die Babyboomer allmählich alt. Der 30-jährige Abwärtstrend bei den Zinssätzen der Industrieländer und die Ära der niedrigen Inflation gehen zu Ende. Die quantitative Lockerung (QE) – dieser phänomenale Konjunkturimpuls, der in den letzten zehn Jahren allen Marktsegmenten Auftrieb verliehen hatte – wird durch eine quantitative Straffung (QT) abgelöst.  

Es gibt immer noch vereinzelte Chancen am Markt. Doch die Anforderungen an Multi-Asset-Manager werden grösser, und wir befinden uns am Beginn einer weniger fehlerverzeihenden Ära, in der es nur zwei Alternativen gibt: Anpassen oder Scheitern.

Anleger werden ihren Fondsmanagern kritischere Fragen darüber stellen müssen, wie sie den Herausforderungen des Strukturwandels begegnen.  

Die richtigen Fragen stellen

Wenn Fonds A maximal 40 % in Aktien halten darf und Fonds B maximal 50 %, welcher Fonds bietet den Kunden dann einen besseren Schutz, wenn es zu einem marktbreiten Abverkauf kommt? Die Antwort ist, dass wir nicht genügend Informationen haben, um dies beantworten zu können.

Eine bessere Frage wäre, wie flexibel die Manager die Allokationen innerhalb der zulässigen Bandbreiten anpassen. Wenn der Manager von Fonds A beispielsweise nicht sehr dynamisch ist und sich die Allokation immer um die Marke von 30 % bewegt, setzt er die Anleger möglicherweise in Marktkrisen einem zu hohen Risiko aus, während das Risiko bei steigenden Märkten zu gering ist.

In den letzten zwölf Monaten, als es an den Märkten zu extremen Hausse- und Baissebedingungen kam, wäre der Grad der Flexibilität eines Managers ein äusserst relevantes Kriterium gewesen.

Ist Ihr Multi-Asset-Fonds ein getarnter Anleihefonds?

Staatsanleihen sind seit vielen Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil des Instrumentariums von Multi-Asset-Managern und dienen als zuverlässiger Diversifikator und sicherer Hafen.

Nach der globalen Finanzkrise 2008/2009 führte die quantitative Lockerung zu einer Liquiditätsschwemme an den Märkten, und der Kauf von Investment-Grade-Anleihen durch die Zentralbanken sorgte für eine künstliche Unterstützung. In schwierigen Marktphasen hat sich die einfache Taktik, das Aktienengagement zu reduzieren und die Anleihegewichtungen zu erhöhen, häufig als vorteilhaft erwiesen.

Wie viele schlechte Vermögensallokationsentscheidungen wurden in den letzten zehn Jahren durch den Erfolg von Long-Duration-Trades (die von fallenden Zinsen profitieren) überdeckt? Und weil wir gerade dabei sind: Wie viele der Multi-Asset-Fonds, die in den letzten Jahren so erfolgreich waren, sind in Wirklichkeit verkappte Anleihestrategien? Möglicherweise finden wir das bald heraus. 

Wie „top-down“ ist Ihr Manager?

In Zukunft werden Anlegerinnen und Anleger ihren Managern kritischere Fragen zu ihren Analysen stellen müssen, insbesondere zum Umfang ihrer Analysen innerhalb und über die Anlageklassen hinaus, nicht nur unter den Anlageklassen. Wir werden es künftig mit einem Marktumfeld zu tun haben, in dem der Mehrwert, den Portfoliomanager schaffen, nicht nur darin besteht, die richtige Entscheidung über das Verhältnis zwischen Anleihen und Aktien zu treffen. Die Entscheidung auf der Ebene der Anlageklassen wird immer wichtig sein. Doch der Erfolg hängt zunehmend von der Allokation innerhalb der Anlageklassen und auf der anlageklassenübergreifenden Ebene ab.

Das breite Instrumentarium eines globalen Multi-Sektor-Anlageuniversums bietet Managern mehrere Möglichkeiten, ihre Top-Down-Ansichten auszudrücken und dabei Relative-Value-Chancen zu nutzen. So kann die Relative-Value-Positionierung innerhalb der Anlageklassen eine wertvolle Rolle spielen, wenn es zu einem möglichen Inflations- oder sogar Stagflationsszenario kommt. Bei festverzinslichen Wertpapieren könnte dies beispielsweise bedeuten, Situationen auszunutzen, in denen sich Länder in verschiedenen Phasen im geldpolitischen Zyklus befinden. Bei Aktien kann die Relative-Value-Positionierung Schwerpunkte bei Unternehmen setzen, die am besten in der Lage sind, ihre Gewinnmargen zu verteidigen, und Gegenpositionen in Unternehmen halten, die am anfälligsten sind.

Was ist die „Verkaufsdisziplin“?

Die Verhaltenstheorie besagt, dass Menschen dazu tendieren, Gewinner zu früh zu verkaufen und zu lange an Verlierern festzuhalten. Und professionelle Fondsmanager sind auch nur Menschen. Kilometer von Regalen sind mit Büchern gefüllt, die erklären, wie man zum richtigen Zeitpunkt am Markt einsteigt. Über den optimalen Zeitpunkt für den Ausstieg wurde viel weniger geschrieben. Das kann jedoch einen enormen Unterschied machen. Manager können eine hervorragende Trefferquote haben (also einen hohen Prozentsatz richtiger Einstiegsentscheidungen), aber trotzdem kein Geld verdienen, wenn sie kein rigoroses System haben, das ihnen sagt, wann es Zeit ist, Gewinne mitzunehmen oder Verlustpositionen glattzustellen. Aus den oben erläuterten Gründen werden die Märkte von morgen möglicherweise weniger fehlertolerant sein, sodass Risikokontrollen wie diese wichtiger sein werden als je zuvor.

Anpassen oder scheitern?

Welche Überlebensmerkmale werden nach den neuen Spielregeln die erfolgreichen Manager von den Verlierern unterscheiden? Ein wichtiger Aspekt, den ich bereits erwähnt habe, ist die Flexibilität: Wenn keiner der bisher sicheren Häfen Schutz bietet und man sich nirgendwo verstecken kann, besteht die beste Verteidigung darin, schnell und flexibel zu reagieren. Zweitens benötigen erfolgreiche Manager die Ressourcen und die Bereitschaft, sich die Mühe zu machen und das gesamte Chancenspektrum zu durchkämmen, um die vielen kleinen werthaltigen Nischen innerhalb der Anlageklassen aufzuspüren und auszunutzen. Das Umfeld, mit dem wir jetzt konfrontiert sind, ist in vielerlei Hinsicht schwieriger und könnte von höherer Volatilität geprägt sein. Das bedeutet jedoch, dass sich aktiven Managern möglicherweise mehr Chancen bieten, eine Outperformance zu erzielen.

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