Perspektiven

Welche Auswirkungen hätte eine Präsidentschaft von Joe Biden auf Investitionen in den Klimaschutz?


Der Umgang mit Covid-19 in den USA dürfte den Wahlkampf im Vorfeld der Präsidentschaftswahl im November bestimmen. Es gibt unzählige weitere Themen, die um die Aufmerksamkeit der Wähler konkurrieren. Dabei spielt der Klimawandel in der politischen Agenda der USA häufig eine untergeordnetere Rolle als in Europa.

Das Wahlergebnis wird für den Klimawandel jedoch von entscheidender Bedeutung sein – und sowohl die Politik prägen als auch die potenziellen Auswirkungen auf Investitionen in diesem Bereich.

Da Joe Biden in den Umfragen führt, sollten Anleger bei der Bewertung von Aktien aus den verschiedenen Branchen einen Wahlsieg der Demokraten einkalkulieren. Wir erachten dies als Basisszenario.

Die klimapolitischen Positionen der beiden Parteien sind so unterschiedlich, dass dem Wahlergebnis eine ausserordentliche Bedeutung zukommt und dieses den Anlageausblick der jeweiligen Unternehmen massgeblich bestimmen wird. Ein möglicher Wahlsieg von Biden ist unseres Erachtens noch nicht in den Aktienkursen eingepreist.

Detaillierte Pläne für Netto-Null-Emissionen

Die zentralen Klimaversprechen von Biden stehen erwartungsgemäss im Einklang mit jenen der Demokraten im Repräsentantenhaus, die kürzlich ihren eigenen Klimaplan vorgestellt haben. Das wichtigste Ziel für die USA besteht vermutlich darin, die Netto-Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 auf null zu senken. Dieselbe Frist hat sich die EU in ihrem „Green Deal“ gesetzt.

Die Festlegung von weit in der Zukunft liegenden Fristen ist der einfache Teil. Diese Fristen können jedoch nicht eingehalten werden, wenn es keine kurzfristigen Ziele gibt, die erreicht werden müssen, um den langfristigen Plan auch wirklich umzusetzen.

Die Energiepolitik von Biden legt den Schwerpunkt auf erneuerbare Energien und sieht auch einige messbare kurzfristige Ziele vor. Beispielsweise sollen innerhalb von fünf Jahren 500 Millionen Solarmodule und 60.000 Windturbinen installiert werden.

Der von demokratischen Abgeordneten ausgearbeitete Plan beinhaltet weitere Details und verdeutlicht das Ausmass ihrer Ambitionen. Die Fristen für Netto-Null-Emissionen rücken in verschiedenen Branchen bereits in greifbare Nähe: Ab 2030 müssen Neubauten kohlenstofffrei sein, Neufahrzeuge ab 2035 und Stromerzeuger im Jahr 2040.

Konsens hinsichtlich des Bedarfs an Infrastruktur

Die US-Strategie für den Handel mit China ist ein Bereich, der in diesen polarisierenden Zeiten in beiden Lagern Unterstützer gefunden hat. Ein weiteres Thema, bei dem über Parteigrenzen hinweg hoher Konsens herrscht, ist der Investitionsbedarf im Infrastrukturbereich. Pressemeldungen zufolge erwägt US-Präsident Trump einen 1 Bio. US-Dollar schweren Infrastrukturplan, um den Wirtschaftsaufschwung nach Covid-19 anzukurbeln. Der Schwerpunkt läge insbesondere auf Strassen und Brücken, wobei auch Ausgaben für 5G-Netze und den Breitbandausbau in ländlichen Gebieten vorgesehen sind.

In der Klimapolitik von Biden kommt der Infrastruktur eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels zu. Einige Massnahmen zielen auf Bereiche ab, mit denen die künftigen Emissionen gesenkt werden können: So sollen bis zum Jahr 2030 500.000 Ladestationen für Elektrofahrzeuge errichtet werden.

Andere Ausgabenpläne im Infrastrukturbereich basieren auf der Annahme, dass der Klimawandel bereits im Gange ist, und zielen deshalb darauf ab, seine Auswirkungen zu mindern. Der Plan von Biden sieht eine resiliente Stadtplanung (Resilient Cities) vor, damit Städte Flächenbränden, Überschwemmungen und einem steigenden Meeresspiegel standhalten können. Dazu gehören Strassen und Brücken, aber auch ein umweltfreundliches Stromnetz und eine bessere Wasserinfrastruktur.

Bei einer Präsidentschaft von Biden und der Umsetzung der von den Demokraten ausgearbeiteten Pläne würden höhere Investitionen in diese Bereiche fliessen. Andere würden jedoch als Verlierer dastehen. So sehen die Vorschläge von Biden unter anderem vor, dass fossile Brennstoffe nicht mehr subventioniert werden. Das wäre eine klare Abkehr von der aktuellen Politik, da die Lobby für fossile Brennstoffe eine wichtige Basis von US-Präsident Trump darstellt.

Wird der Klimawandel die USA weiter polarisieren?

Die zwei führenden US-Präsidentschaftskandidaten stehen in der Klimapolitik für zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Mit dieser Polarisierung könnte es jedoch bald vorbei sein. Jüngere Mitglieder der republikanischen Partei haben die Parteispitze bereits dazu aufgefordert, auf Bundesebene stärkere Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels zu fördern.

Ungeachtet des Wahlausgangs könnte nach den Wahlen ein stärkerer Konsens hinsichtlich der Notwendigkeit eines entschlosseneren Vorgehens herrschen, auch wenn die politischen Rezepte nach wie vor intensiv diskutiert werden.

Den einzelnen Bundesstaaten ist seit einiger Zeit bewusst, dass sie sich auf den Klimawandel vorbereiten und ihre Emissionen senken müssen. Beispielsweise ist Kalifornien unter den US-Bundesstaaten Spitzenreiter im Bereich Solarenergie – so stammten 18 % des 2019 erzeugten Stroms aus Solarenergie.

Andere Bundesstaaten können von ihrer Lage profitieren. Im stürmischen Mittleren Westen der USA setzen die Bundesstaaten zunehmend auf Windkraft. Ausschlaggebend hierfür ist keine bewusste Klimapolitik, sondern schlichtweg die Wirtschaftlichkeit, denn die Kosten sinken stetig, sodass Windkraft günstiger ist als andere Energiequellen.

Hinzu kommt, dass Biden und die Demokraten schnell klargestellt haben, dass mit einer solchen Klimapolitik Arbeitsplätze geschaffen werden können, und das zu einem Zeitpunkt, als der Arbeitsmarkt in den USA – und in anderen Volkswirtschaften – von Covid-19 gebeutelt wurde. Beispielsweise sollen die oben erwähnten 60.000 Windturbinen laut Bidens Plan in den USA hergestellt werden. 

Biden möchte die USA wieder als klimapolitischen Spitzenreiter positionieren

Unter Biden würden die USA auch wieder dem Pariser Klimaabkommen von 2015 beitreten. Die Unterzeichner des Pariser Abkommens verpflichten sich dazu, den Anstieg der globalen Temperatur auf 2oC gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Präsident Obama unterzeichnete das Abkommen im Jahr 2015, doch Präsident Trump schwor, aus dem Abkommen auszusteigen.

Aufgrund der Covid-19-Krise hat sich die internationale Aufmerksamkeit von der Klimakrise auf Gesundheitsthemen verlagert. Die diesjährige UN-Klimakonferenz (COP 26), die in Glasgow stattfinden soll, wurde aufgrund der Pandemie auf November 2021 verschoben.

Auch wenn unsere Aufmerksamkeit woanders ist: Der Klimawandel ist im vollen Gange. Wenn unter Biden eine Rückkehr zum Pariser Abkommen stattfindet, könnte dies die globalen Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels beflügeln und dem Umstieg auf eine kohlenstofffreie Weltwirtschaft wieder Auftrieb verleihen.

Wir sind insbesondere der Ansicht, dass die USA und Europa bei einer Präsidentschaft von Biden gemeinsam auf China Druck ausüben könnten, damit das Land seinen Klimaverpflichtungen nachkommt. Der Handelskonflikt mit den USA und die eigene halbherzige Klimaagenda der USA dienen China als Feigenblatt, um das Klimaproblem aussen vor zu lassen. China strebt jedoch eine Rolle als Weltmacht an und ist sicherlich nicht daran interessiert, bei einem so wichtigen Thema als Nachzügler wahrgenommen zu werden.

Ein erneutes Engagement der USA – Seite an Seite mit Europa – hätte einen viel grösseren Einfluss darauf, dass bei der Dekarbonisierung Wettbewerbsgleichheit herrscht. 

Wodurch Investitionen in den Klimawandel beflügelt werden könnten

Um das potenzielle Ausmass und Tempo des vor uns liegenden Wandels zu veranschaulichen, ziehen wir als Beispiel Elektrofahrzeuge heran. Laut der IEA haben die weltweiten Verkaufszahlen von Elektrofahrzeugen im Jahr 2019 die Marke von 2,1 Millionen geknackt. Damit wurde gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von 40 % erzielt. Elektrofahrzeuge machen jedoch nach wie vor lediglich 2,6 % der weltweiten Autoverkäufe aus. Dagegen lagen die Verkaufszahlen von PKWs in den USA bei über 17 Millionen.

Wenn die 2035-Frist zu einer gesetzlichen Vorgabe wird, müssten all diese Fahrzeuge in 15 Jahren Elektrofahrzeuge sein. Elektrofahrzeuge haben 15 Jahre gebraucht, um von einer Marktdurchdringung von 0 % auf lediglich 2,6 % zu kommen – diesmal müssten sie es in 15 Jahren auf 100 % schaffen.

Ganz gleich, wer die Wahl gewinnt: Die ökonomischen Argumente für die Energiewende haben nach wie vor Bestand. Unseres Erachtens ist der Ausblick für Investitionen in diesem Bereich stark – ungeachtet des Wahlergebnisses. Wenn Biden bei der Wahl als Sieger hervorgeht, und erst recht bei einer demokratischen Mehrheit im Senat, würde die Energiewende deutlich an Fahrt gewinnen. Der Wachstumsausblick für Elektrofahrzeuge, erneuerbare Energien, Wasserkraft, Batteriespeicher und viele weitere Branchen würde in diesem Szenario beflügelt werden, und die Anleger sollten für diese Möglichkeit gewappnet sein.

Am wichtigsten ist vielleicht die Aussicht auf eine stärkere Fokussierung und Ausrichtung der internationalen Politik auf die Notwendigkeit einer raschen Dekarbonisierung. Dieser Punkt wird von den Anlegern meistens übersehen. Dies würde der restlichen Welt den Anstoss geben, dem US-amerikanischen und europäischen Beispiel zu folgen. Dann haben wir eine echte Chance auf einen erfolgreichen Übergang auf eine kohlenstoffarme Weltwirtschaft, mit allen damit verbundenen Folgen für Investments.

Dennoch sind Anleger systematisch schlecht darin, Veränderungen zu berücksichtigen, bevor diese eintreten – diese politischen Entwicklungen werden für viele wahrscheinlich überraschend kommen, auch wenn diese zweifellos keine wirkliche Überraschung mehr darstellen.

 

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