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Wie das wachsende EU-Regelwerk für nachhaltiges Investieren zu verstehen ist


In den letzten Jahren sind neue Wörter in unser tägliches Vokabular eingedrungen. Wir sind von „Klimawandel" und „grüner Wirtschaft" zu spezialisierteren Begriffen wie „Nachhaltigkeit" und „Integration" sowie zu den etwas skurrilen „bedeutenden negativen Auswirkungen" und „Taxonomie" übergegangen. Was ist hier los?

Es gibt eine neue Nachhaltigkeitsverordnung seitens der EU, die Vermögensverwalter, Unternehmen, Anlageberater und viele andere Akteure auf den Finanzmärkten betrifft.

Denn Tatsache ist, dass der Klimawandel immer schwerer zu ignorieren ist. Seitens der Politik wurde erkannt, dass die Bekämpfung des Problems und all seiner Folgen grosse Anstrengungen erfordern wird.

Der „Aufruf zum Kampf" seitens der EU kam in Form des EU Green Deal. Demnach soll die EU einen detaillierten Rahmenplan mit politischen Initiativen und neuen Verordnungen vorstellen, um bis zum Jahre 2050 eine emissionsfreie Wirtschaft zu erreichen. Eine sehr lange Liste von Dingen muss sich in der Realwirtschaft ändern. Zum Beispiel, wie wir Häuser bauen, wie wir von A nach B reisen, wie die Dinge, die wir im Supermarkt kaufen, verpackt sind, woher die Energie zum Kochen und Heizen kommt, wie lange unsere Smartphone-Batterien halten und so weiter.

Die Investitionen, die erforderlich sind, um all dies zu erreichen, betragen den Schätzungen zufolge in etwa 2,6 Billionen Euro bis 2030. Etwa die Hälfte davon wird aus verschiedenen öffentlichen Quellen wie dem EU-Haushalt stammen. Die andere Hälfte wird voraussichtlich aus privaten Investitionen stammen, wie es die Verordnung des EU-Aktionsplans für nachhaltige Finanzen vorsieht.

Obwohl der Plan in seiner Struktur recht ausgefeilt ist, hat er doch ein Endziel, nämlich die Verlagerung von Investitionen in nachhaltigere Projekte und Unternehmen, um somit schneller zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft übergehen können.

Es gibt viele Hindernisse, die im Weg stehen, wie Marktfragmentierung, eine unklare Kennzeichnung von Anlageprodukten mit Nachhaltigkeitsmerkmalen, unzureichende Berichterstattung der Unternehmen zur Bewertung der Nachhaltigkeit usw. Jedwede Verordnung, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem Aktionsplan für nachhaltige Finanzen steht, versucht, diese Hindernisse zu beseitigen oder zu überwinden. Massnahmen sind unter anderem:

  • Eine gemeinsame Sprache darüber zu haben, was nachhaltig ist und was nicht (Taxonomieverordnung)
  • Informationen zu Nachhaltigkeit seitens von Unternehmen in deren Geschäftsberichten (Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen)
  • Klare Angaben zu Investitionen in Bezug auf Nachhaltigkeit sowohl auf Unternehmens- als auch auf Produktebene (Verordnung über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor)
  • Finanzberater, die eine explizite Diskussion mit Kunden über ihre Nachhaltigkeitspräferenzen führen (veränderte Rechtsvorschriften der Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente II)

Die vollständige Liste der neuen Verordnungen ist viel länger als oben angegeben. Denn die Verordnung sollte zur Erreichung ihres sehr ehrgeizigen Ziels wirklich jeden Akteur in der Investitionskette berühren: Eigentümer von Anlagen, Vermögensverwalter, Berater, Rating-Anbieter, Benchmark-Anbieter und so weiter.

Um zu verstehen, wie dies funktionieren sollte, können wir es aus der Perspektive des Informationsflusses betrachten.

Zuerst berichten Unternehmen über ihre Aktivitäten und weisen darauf hin, inwieweit diese gemäss der neuen Verordnung nachhaltig sind. Danach können institutionelle Anleger (Vermögensverwalter, Pensionsfonds und Versicherer) diese Informationen nutzen, um Geld zuzuweisen und parallel darüber zu berichten, wie sie in ihrem Geschäft mit Nachhaltigkeit umgehen und ob ihre Produkte Nachhaltigkeitsmerkmale aufweisen.

Dann können Berater prüfen, welcher Investmentfonds, welcher Rentenanbieter oder welcher Versicherer Nachhaltigkeit in seinen Anlageansatz aufgenommen hat und welche Produkte aus Umweltgesichtspunkten heraus nachhaltig sind. Sie können diese dann Endinvestoren empfehlen, die nachhaltige Produkte bevorzugen.

Als letztes Glied in der Kette können Endinvestoren dann anhand aller Angaben erkennen, welche Anbieter und welche ihrer Produkte nachhaltig sind, und / oder den Empfehlungen von Beratern folgen, diese Produkte zu kaufen.

In unserem Artikel wird im Detail untersucht, welche Verordnungen dem Aktionsplan folgen und wer entlang der Investitionskette was tun sollte.

Zu behaupten, dass wir es hier mit einem Lernprozess für alle Beteiligten zu tun haben, wäre wohl eine Untertreibung.

Die Millionen-Dollar-Frage ist natürlich, ob dies funktionieren und der EU dabei helfen wird, ihre Ambitionen zu verwirklichen. Wie bei allem im Leben kommt es auf die Umstände an. Wir können drei Risiken identifizieren:

  1. Das Vergessen der Tatsache, dass Investieren vor nachhaltigem Investieren kommt. Wie wir in der Vergangenheit bereits geschrieben haben, brauchen die meisten Menschen Lösungen für Probleme im wirklichen Leben, und im Moment sehen sie Investitionen nicht als Teil der Lösung, sondern als Luxus. Wenn es uns nicht gelingt, einen Rahmen zu entwickeln, der eine breitere Investorenkultur schafft, besteht kaum eine Chance, dass nachhaltiges Investieren wirklich in Gang kommt, zumindest für Privatanleger.
  2. Die Verfolgung eines zu einengenden Ansatzes. Zu strenge Vorschriften könnten dazu führen, dass die Nachhaltigkeitslatte für jedermann zu hoch gelegt wird oder dass Regeln nicht dynamisch genug sind, um auf ein sich sehr schnell veränderndes Studien- und Forschungsgebiet zu reagieren.
  3. Die Entwicklung unterschiedlicher Standards über Grenzen hinweg. Da der Klimawandel ein globales Problem ist, sollte die Reaktion darauf auch global sein. Wenn die Bemühungen nicht grenzüberschreitend ausgerichtet sind, könnte dies zu einem fragmentierten Regelwerk führen. Dies würde den Zweck der Schaffung eines starken, liquiden und nachhaltigen Investmentmarktes untergraben.

Durch sorgfältige Planung und grenzüberschreitende Zusammenarbeit können diese Risiken angegangen werden. Eines ist sicher: Es gibt noch viel zu tun. Während es in den letzten Jahren darum ging, die neue Regulierungslandschaft zu gestalten, wird es in den nächsten Jahren hauptsächlich darum gehen, alle Änderungen umzusetzen. Manche Akteure entlang der Investitionskette müssen mehr als andere ermutigt werden, aber das Ziel ist, dass sich alle verbessern. Dies sind die ersten Schritte in die richtige Richtung auf einem letztendlich langen Weg in eine nachhaltigere Zukunft.

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