Perspektiven

Ist die Energiekrise schlecht für Investoren in Sachen Klimawandel?


Die Weltwirtschaft ist derzeit mit einer akuten Energieknappheit konfrontiert. Die Preise für Öl, Gas, Kohle und Strom sind weltweit auf ein Allzeithoch gestiegen. Die Situation lässt sich vielleicht am besten in der folgenden Abbildung zusammenfassen. Sie zeigt die kombinierten Kosten der Energiequellen als Prozentsatz des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Nach einem starken und raschen Anstieg haben sich die Kosten für Primärenergie (zu der Öl, Gas, Kohle, Kernenergie, Wasserkraft, Sonne/Wind und Biomasse gehören) auf 8 % des BIP mehr als verdoppelt, ein historisch sehr herausforderndes Niveau für die Weltwirtschaft.

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Wenn man die Auswirkungen der aktuellen Energiekrise auf den Kampf gegen den Klimawandel untersucht, ist es wichtig zu verstehen, was dieses Problem verursacht hat.

Die meisten grossen Volkswirtschaften sind nach den coronabedingten Schliessungen 2020 und Anfang 2021 nun fast vollständig geöffnet. Die Wiedereröffnung der verarbeitenden Industrie und die Wiederaufnahme des Reiseverkehrs haben zu einem starken Wiederanstieg der weltweiten Energienachfrage geführt.

Obwohl es keinen grossen Angebotsschock gab, hat eine Reihe von langfristigen Faktoren zu einer Verringerung des Angebots an fossilen Brennstoffen geführt. Der erste Faktor ist der Einbruch der Ölpreise im Jahr 2014, als das Öl von 100 bis 120 USD auf eine neue Spanne von 40 bis 60 USD in den Folgejahren fiel. Dies führte zu einer erheblichen Kürzung der Investitionen in die Öl- und Gasindustrie, wobei viele Projekte auf Eis gelegt oder gestrichen wurden.

Das mag zwar lange her sein, aber erst jetzt macht sich dieser Rückgang der Investitionen bemerkbar. Zum Beispiel werden in den nächsten zwei bis drei Jahren weltweit nur sehr wenige neue grosse Gasfelder in Betrieb genommen, was bedeutet, dass die Einschränkungen bei der Gasversorgung mindestens so lange bestehen bleiben werden.

In jüngster Zeit hat auch die stärkere Konzentration der Investoren und Banken auf die Finanzierung fossiler Brennstoffe zu einem Rückgang der Investitionen geführt und ist ein Faktor für die geringere Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe.

Und schliesslich gab es auch einige vorübergehende Faktoren wie die geringen Windgeschwindigkeiten in Teilen Europas in diesem Sommer, die die Preise in die Höhe getrieben haben. Dies sind jedoch nicht die Hauptursachen für die derzeitige Energieknappheit, die globaler Natur ist.

Die aktuelle Situation hat viele wichtige Auswirkungen:

Kurzfristige Konzentration darauf, dass uns nicht das Licht ausgeht

Kurzfristig werden Regierungen und politische Entscheidungsträger vor allem darauf achten, dass die Lichter brennen und die Preise unter Kontrolle bleiben. China hat vor kurzem seine einheimischen Kohleförderer aufgefordert, den Abbau zu erhöhen, um die derzeitige Energieknappheit zu lindern, und hat in mehreren Provinzen Energierationierungen verhängt. Die europäischen Behörden haben Verbrauchersubventionen, Preisobergrenzen und Gewinnrückforderungen bei einigen Stromerzeugern eingeführt, um die Finanzierung von Programmen zur Unterstützung der Verbraucher zu unterstützen. Die unmittelbare Folge ist also, dass einige Klimaprioritäten hinter den unmittelbaren Sorgen der Bürger zurückstehen.

Allerdings gab es auch einige ermutigende politische Signale. China gibt keines seiner längerfristigen Ziele zur Dekarbonisierung auf. In Grossbritannien hat die Regierung versucht, die Verknappung der fossilen Brennstoffe hervorzuheben, um den Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen.

Und in der Europäischen Union hat die Europäische Kommission trotz des Drucks einiger Parteien erklärt, dass sie nicht in den Kohlenstoffmarkt eingreifen wird (der im Übrigen nicht die Ursache der Energiekrise ist), um die Kohlenstoffpreise zu senken. Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans sagte kürzlich in einer Rede, dass die sozialen Unruhen im Zusammenhang mit den Energiepreisen im Vergleich zu den Unruhen, die wir erleben werden, wenn wir den Klimawandel nicht angehen, verblassen werden.

Wachstumsschock

Ein Anstieg der Primärenergiekosten in der oben gezeigten Grössenordnung wird sich in Zukunft stark auf das globale Wirtschaftswachstum auswirken. Je länger die Energiepreise dort bleiben, wo sie sind, desto grösser sind die Auswirkungen, da die Nachfrage rationiert und die Produktion gedrosselt wird.

Druck auf die Gewinnspannen der Unternehmen und Unterbrechung der Lieferkette

Während die Hersteller schon das ganze Jahr über mit Bauteilknappheit und steigenden Logistikkosten zu kämpfen haben, werden die Störungen immer schlimmer. In vielen Provinzen Chinas kommt es zu Stromausfällen, wodurch die Produktion von Schlüsselkomponenten und Materialien, von denen die Lieferketten der Welt abhängen, beeinträchtigt wird.

Es ist derzeit unklar, wie weitreichend die Produktionsstörungen sein werden, aber immer mehr Unternehmen sehen sich mit Lieferausfällen konfrontiert, da die Lieferanten höhere Gewalt erklären. Am stärksten dürfte dies die auf das verarbeitende Gewerbe ausgerichteten Volkswirtschaften treffen, wobei wichtige Volkswirtschaften wie China, Südkorea und Deutschland besonders betroffen sind.

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Das Navigieren in diesem aussergewöhnlich schwierigen Umfeld zeigt bereits, welche Unternehmen in den Aufbau widerstandsfähiger Lieferketten investiert haben und über gute Beziehungen zu ihren Lieferanten verfügen. Wir können davon ausgehen, dass den Unternehmen, die sich bei ihren Lieferantenbeziehungen ausschliesslich auf die Kosten konzentriert haben, erhebliche Probleme bevorstehen.

Projekte im Bereich der sauberen Energie sind ebenfalls von der Störung betroffen und befinden sich in gewisser Weise im Auge des Sturms. Ein neues Wind- oder Solarprojekt erfordert viel Elektronik, Kupfer, Stahl und eine umfangreiche Logistik, die allesamt von Knappheit und starken Preissteigerungen betroffen sind. JPMorgan Research hat die Produktionskosten einer Windturbine aufgeschlüsselt, wie in der folgenden Abbildung dargestellt. Angesichts der erheblichen Inflation bei all diesen Produktionselementen sind die Herstellungskosten in den vergangenen zwölf Monaten wahrscheinlich um mehr als 20 % gestiegen.

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Ein Teil dieser höheren Kosten muss von Herstellern wie Vestas aufgefangen werden und wir glauben, dass es im kommenden Jahr zu weiteren Rentabilitätseinbussen bei Herstellern von Windkraftanlagen und anderen erneuerbaren Energien kommen wird. Ein Teil der höheren Kosten wird auch an die Kunden weitergegeben werden müssen, und wir erwarten, dass sich immer mehr Projekte verzögern werden, da die Kosten zu hoch sind. Dadurch wird die geplante Rendite für den Entwickler und Eigentümer der Anlage verringert.

Die Krise könnte ein entscheidender Katalysator für mehr Investitionen in Klima-Infrastruktur und erneuerbare Energien sein

Die steigenden Rohstoffpreise für fossile Brennstoffe und die damit verbundenen Stromerzeugungskosten zeigen, dass die Preise für fossile Brennstoffe von Natur aus instabil und volatil sind. Im Gegensatz dazu sind erneuerbare Energien, wenn sie mit einer zuverlässigen Energiespeicherung kombiniert werden, eine viel preisstabilere Energieform. Das liegt daran, dass die Betriebskosten sehr niedrig sind, da kein Brennstoff verbrannt werden muss. Der Preis für die von einem Wind- oder Solarpark erzeugte Energie ist also das Produkt aus den Kapitalkosten des Projekts, der durchschnittlichen Wind- oder Sonnenenergie und der Nutzungsdauer der Anlagen.

Die Baukosten für erneuerbare Energien steigen zwar, aber nicht annähernd so stark wie die Kosten für Strom aus fossilen Brennstoffen, so dass sich die zukünftige wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien dramatisch verbessert. Um diesen Punkt zu veranschaulichen, hat Goldman Sachs vor kurzem eine Studie über den europäischen Stromerzeugungssektor veröffentlicht, in der die Stromgestehungskosten für neue erneuerbare Energien mit den aktuellen Grosshandelspreisen für Strom in Europa verglichen werden.

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Aus demselben wirtschaftlichen Grund boomen in den USA auch Solaranlagen für Privathaushalte und gekoppelte Batteriespeicher, denn als Gegenleistung für ihre Investition erhalten die Hausbesitzer eine bedeutende Quelle für unabhängigen Strom zu relativ festen Preisen. Wäre es für ein Unternehmen, das mit steigenden Energiekosten oder Produktionsbeschränkungen konfrontiert ist, nicht sinnvoll, einen Stromabnahmevertrag (PPA) für erneuerbare Energien mit einer Laufzeit von 20 Jahren zu einem festen Preis abzuschliessen, um die durch den volatilen Energiemarkt verursachten Geschäftsrisiken zu mindern?

Die gleichen Berechnungen werden wahrscheinlich auch auf nationaler Ebene durchgeführt. Und da erneuerbare Energien eine deflationäre Kraft auf die Stromerzeugungskosten sind, glauben wir, dass es in den kommenden Jahren einen Boom bei erneuerbaren Energien mit angeschlossenen Batteriespeichern geben wird.

Das Tempo der Energiewende ist nicht rasant genug

Anhänger der Klimawissenschaft wissen das bereits, denn bei der Reduzierung der weltweiten Treibhausgasemissionen (THG) wurden kaum Fortschritte erzielt. Es gibt jedoch eine wichtige Lektion in der aktuellen Krise, die viele Länder dazu zwingt, sich wieder der Kohle zuzuwenden, damit die Lichter nicht ausgehen. Der Grund dafür ist, dass die Entwöhnung von fossilen Brennstoffen heute eine umfassende Elektrifizierung der Energienutzung in den Bereichen Mobilität (Elektrofahrzeuge), Industrie und Gebäudemanagement (Wärmepumpen) erfordert.

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat Prognosen für die Stromnachfrage unter dem Netto-Null-Szenario veröffentlicht, in dem die Elektrifizierung eine Schlüsselrolle spielt. Die nachstehende Tabelle verdeutlicht dies, denn trotz des verlangsamten Bevölkerungswachstums wird ein Anstieg des Stromverbrauchs um 4,2 % pro Jahr prognostiziert, und der Anteil des Stroms an der Endenergienachfrage steigt von 20 auf 50 %. Diese Umstellung würde zusätzliche Investitionen von etwa 20 Billionen Dollar erfordern, nur um die Erzeugungskapazitäten aufzubauen, ohne die damit verbundene Infrastruktur und Lieferkette.

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Die Umstellung von der Verbrennung auf die Elektrifizierung wird die Nachfrage nach Strom weiter ansteigen lassen. Eine Region wie Europa wird bis 2050 wahrscheinlich das Dreifache ihrer derzeitigen Stromerzeugung benötigen, um ihre Dekarbonisierungsziele zu erreichen.

Wenn wir nicht einmal genug erneuerbare Energiequellen aufbauen, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen in einem normalen wirtschaftlichen Aufschwung zu verringern, wie können wir dann hoffen, dieses Ziel zu erreichen? Das Tempo des Ausbaus der erneuerbaren Energien muss sich mindestens verdoppeln und wahrscheinlich verdreifachen. Vielleicht ist die derzeitige Krise der notwendige Katalysator, damit genügend Entscheidungsträger dies erkennen.

Wir glauben, dass es in den nächsten sechs bis zwölf Monaten in der gesamten Wertschöpfungskette der Klima-Infrastruktur zu erheblichen Störungen und Rentabilitätsproblemen kommen wird. Die längerfristige Wirtschaftlichkeit und die Triebkräfte der Nachfrage nach erneuerbaren Energien, Speichern, Elektrofahrzeugen und der Infrastruktur und Software, die diese Technologien unterstützen, werden jedoch durch die aktuelle Energiekrise nur noch verstärkt.

Wir sind der Meinung, dass die derzeitige Unsicherheit und Störung in allen Teilen der Wertschöpfungskette der kohlenstoffarmen Wirtschaft Chancen für Investoren bieten kann.


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