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Behavioral Finance: Wie lässt sich das Bedürfnis nach nachhaltigen Anlagen erklären?


Die Schroders Global Investor Study 2020 untersuchte die Meinung und Überzeugungen von mehr als 23.000 Anlegern zum Thema Nachhaltigkeit.

Es handelt sich um ein umfangreiches Projekt, das interessante Einblicke darin gewährt, wie Anleger ticken.

Wir wandten uns an Stuart Podmore, Investment Propositions Director und Experte für Behavioral Finance, um etwas über die wichtigsten Erkenntnisse zu erfahren.

Wie die Untersuchung hervorbrachte, wollen die meisten Anleger nach ihren moralischen Vorstellungen anlegen, solange sie dabei eine ansehnliche Rendite erzielten. Knapp ein Viertel würde allerdings seine persönlichen Überzeugungen opfern, wenn eine 21 % höhere Rendite herausspränge.

Warum investieren Anleger lieber nach ihren Überzeugungen?

Stuart Podmore: „Die Ergebnisse legen nahe, dass Anleger versuchen, eine ‚kognitive Dissonanz‘ zu vermeiden.“

„Dies wurde zum ersten Mal 1957 von Leon Festinger untersucht. Er vertrat die Ansicht, dass der Mensch einen inneren Antrieb hat, alle seine Einstellungen und Überzeugungen in Harmonie zu halten. Besteht ein Konflikt zwischen den Einstellungen und unserem Verhalten, dann muss sich etwas ändern, um das Gefühl des Unbehagens oder der Dissonanz loszuwerden.“

„Meiner Meinung nach legen die Anleger hier absichtlich die Messlatte sehr hoch, um den psychologischen Stress oder ein Unbehagen zu vermeiden, das entsteht, wenn sie in einer Weise handeln, die ihren Überzeugungen oder Werten zuwiderläuft.“

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Mehr als 80 % der Anleger über 51 Jahre gaben an, dass sie höhere Renditen Investitionen, an die sie glauben, nicht vorziehen würden. Unter den Millennials sind es demgegenüber 75 %.

Verhalten sich Millennials also weniger moralisch?

Stuart Podmore: „Ich denke nicht. Ich glaube, es zeugt eher von Pragmatismus.“

„Blanchflower und Oswald führten im Jahr 2017 eine Studie durch, die sie 2019 aktualisierten, in der sie das Wohlbefinden von mehr als einer Million Menschen aus 51 verschiedenen Ländern untersuchten. Den Ergebnissen zufolge sind wir im Alter von 16 Jahren am glücklichsten, danach nimmt die Lebenszufriedenheit bis zum Alter von 48 Jahren ab, wenn wir eine „Grube der Verzweiflung“ erreichen. Anschliessend leben wir bis zum Alter von 90 Jahren wieder zufriedener – falls wir so lange leben. Das mag viel mit der finanziellen Sicherheit zu tun haben, welche oft in späteren Jahren erreicht wird.“

„Ich denke, der Pragmatismus der Millennials begründet darin, dass sie sich gerade auf der absteigenden Kurve des Lebensglücks befinden. Millennials werden älter und sie bekommen die finanziellen Lasten und den Druck des Lebens zu spüren. Ein Haus soll gekauft werden und um die Erziehung der Kinder und die Betreuung der kranken Eltern muss sich gekümmert werden. Gleichzeitig wollen sie genug Geld beiseitelegen, um für den Ruhestand vorzusorgen.“

„Angesichts der grossen Verantwortung müssen Millennials mit ihrem Geld pragmatischer umgehen, und vielleicht sind sie deshalb eher bereit, im Hinblick auf ihre Werte Kompromisse einzugehen. Möglicherweise hält man etwas später im Leben eher an seinen Prinzipien fest, wenn man etwas mehr Geld verdient oder sich in einer komfortableren finanziellen Lage befindet.“

„Vielleicht sehen Millennials auch, dass es in Zukunft schwieriger sein wird, einigermassen erträgliche Renditen zu erzielen, worauf wir in einem anderen Artikel eingehen.“

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Wie die Studie ebenfalls herausfand, liegt den Anlegern beim Thema Nachhaltigkeit vor allem daran, wie sich die Tätigkeiten der Unternehmen auf die Gesellschaft auswirken. Dicht dahinter rangieren Umweltanliegen und der Umgang mit den Beschäftigten.

Was denken Sie darüber?

Stuart Podmore: „Man erinnere sich an die Anfangszeit der Pandemie, als das Verhalten der Unternehmen gegenüber Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten genau verfolgt wurde. Das hat mir gezeigt, dass wir alle uns einen fairen Umgang wünschen. Und das spielt eine starke, emotionale Rolle, wenn wir Anlageentscheidungen treffen.“

„Fühlen wir Ungerechtigkeit, reagieren wir sehr emotional und halten stärker an unseren Werten fest.“

„Ich halte die Umfrageergebnisse als eine Bestätigung dafür, dass es den Anleger beim Thema Nachhaltigkeit nicht nur um Klimawandel oder Elektrofahrzeuge geht, sondern um alle Aspekte des Verhaltens eines Unternehmens und wie es seine Geschäfte auf lange Sicht führt.“

„Und in Zukunft könnte dies zwei Folgen haben: Erstens, dass unser soziales Bedürfnis nach Zusammenhalt entscheidend sein wird, was das künftige Engagement und Veränderungen anbelangt. Zweitens, dass Anleger jene Unternehmen, die nicht mitziehen, abstrafen werden, indem sie ihr Kapital woanders investieren.“

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Es stimmt ermutigend, dass viele Anleger nicht glauben, für ihre Überzeugung Erträge opfern zu müssen. Wie die Studie ergeben hat, setzen 42 % der Anleger auf nachhaltige Investments, da diese ihrer Meinung nach höhere Renditen versprechen.

Was sagt uns das?

Stuart Podmore: „Die Anleger erkennen offenbar, dass Nachhaltigkeitsziele auf lange Sicht erreicht werden können. Dass die Vermögensziele dabei nicht zu kurz kommen müssen, mag für einige eine neue Erkenntnis sein. Und in diesem Bereich können Behavioral-Finance-Experten für Anleger einen greifbaren Mehrwert bieten.“

Über die Schroders Global Investor Study

Schroders beauftragte Raconteur mit der Durchführung einer unabhängigen Online-Studie zwischen dem 30. April und dem 15. Juni 2020, an der 23 450 Anleger in 32 Ländern auf der ganzen Welt teilnahmen. Für diese Studie wurden Personen befragt, die in den kommenden zwölf Monaten mindestens 10 000 Euro (oder den Gegenwert in einer anderen Währung) investieren wollen und in den vergangenen zehn Jahren Änderungen an ihren Anlagen vorgenommen haben.

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Marc Brodard

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