Perspektiven

Warum Anleger auf Zucker achten sollten

Seit Jahrzehnten weiss man, dass Fettleibigkeit das Risiko für schwere und lebensbedrohliche Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und einige Krebsarten erhöht.

Nun setzen Experten auch Covid-19 auf diese Liste.

Es gibt Hinweise darauf, dass Übergewicht die Risiken in Verbindung mit Covid-19 erhöht. Für Menschen, die an Fettleibigkeit leiden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ins Krankenhaus eingewiesen und auf Intensivstationen behandelt werden müssen.

2016 beschloss die Politik in Grossbritannien, binnen zehn Jahren die Fettleibigkeit bei Kindern zu reduzieren.  Zuletzt wurde eine Reihe von Massnahmen getroffen, die sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene richtet (fast zwei Drittel der Erwachsenen sind übergewichtig oder fettleibig), um gesündere Verhaltensweisen zu fördern. So wurden

Sparangebote wie „Zwei zum Preis von einem“ für ungesunde Lebensmittel verboten und Werbung für Junk-Food wurde auf bestimmte Tageszeiten beschränkt.

Bei der zunehmenden Verbreitung von Fettleibigkeit und damit zusammenhängenden Krankheiten spielt Zucker eine wesentliche Rolle und wir haben dies für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie schon vor längerer Zeit als möglicherweise problematisch erkannt.

Wir haben mit Elly Irving, Leiterin Engagement bei Schroders, über die Rolle von Zucker in der Adipositas-Krise und über die Auswirkungen auf die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie sowie das Gastgewerbe gesprochen.

Was waren die Hauptursachen für die Adipositas-Krise in den letzten Jahren?

Die Zunahme von Fettleibigkeit ist auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen, nicht zuletzt auf eine Zunahme der körperlichen Inaktivität. Es besteht allerdings auch ein enger Zusammenhang zwischen Übergewicht und einer immer schlechteren Ernährung. Während die Bedeutung von Fett und Salz seit Langem bekannt ist, nehmen die Bedenken zu, was die Rolle von Zucker in einer kalorienreichen Ernährung anbelangt.

Was bedeutet dies für Anlagen in den betroffenen Branchen?

Als Anleger beschäftigen wir uns in erster Linie mit den Chancen und Risiken, die sich aus der aufkommenden Debatte um Zucker, Fettleibigkeit und nichtübertragbare Krankheiten ergeben. Seit wir unseren ersten Artikel zu diesem Thema im Jahr 2015 veröffentlicht haben, sind Gesundheitsbedenken für einige Branchen zu einem bedeutenden Risiko geworden. Durch die Massnahmen der britischen Regierung zur Bekämpfung von Fettleibigkeit treten die Risiken nun schneller auf, aber auch die Chancen.

Unserer Auffassung nach gibt es drei beschleunigende Faktoren, welche die Umsätze verringern, Druck auf die Margen ausüben und die branchenrelevanten Unternehmen teuren Rechtsstreitigkeiten aussetzen könnten. Diese haben wir 2015 identifiziert und seither haben alle drei an Dynamik gewonnen:

Faktor 1: Zunehmendes Bewusstsein unter Verbrauchern und Gesundheitsbehörden

Das erhöhte Bewusstsein für die gesundheitlichen Auswirkungen von Zucker führt zu einem Rückgang des Mengen- und Preiswachstums im gesamten Basiskonsumgütersektor, was teilweise auch auf strengere Vorschriften zurückzuführen ist. Dies bekamen vor allem Produzenten von Softdrinks zu spüren, aber auch Lebensmittelhersteller waren stark betroffen.  Und nun wächst der Druck für den Lebensmitteleinzelhandel und das Gastgewerbe.

Faktor 2: Steigende Gesundheitskosten

Bei der zunehmenden Verbreitung von Fettleibigkeit, Diabetes und anderen nichtübertragbaren Krankheiten spielt Zucker eine gewichtige Rolle und ist somit mitverantwortlich für die steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen. Covid-19 verstärkt diese Belastung nur noch.

Regierungen weltweit haben reagiert, indem sie Zuckersteuern eingeführt, Abgaben erhöht und Produkte für die Verbraucher verteuert haben. Unternehmen, die bereits neue Formeln entwickelt haben oder deren Portfolios weniger zuckerhaltige Produkte enthalten, dürften gegenüber trägeren Konkurrenten im Vorteil sein.  Neue Werbebeschränkungen werden es der Branche noch schwerer machen.

Faktor 3: Steigendes Risiko von Rechtsstreitigkeiten

Die Prozessrisiken sind nach wie vor beträchtlich. Die durch den Zuckerkonsum verursachten Schäden lassen sich zwar nur schwer beziffern und zuordnen, unseren Schätzungen zufolge könnten sich die Auswirkungen jedoch auf mehr als 1 % der derzeitigen Gewinne im Basiskonsumgütersektor belaufen. Unternehmen mit einem weniger zuckerhaltigen Angebot befinden sich in einer besseren Position.

Wie reagiert die Branche?

Die Akteure sind an verschiedenen Fronten aktiv.

M&A, Veräusserungen und die Bedrohung durch aktivistische Investoren

Wir beobachten seit 2015 den anhaltenden Aufstieg kleinerer Wettbewerber, wodurch sich für die grossen Lebensmittelkonzerne Möglichkeiten für Fusionen und Übernahmen (M&A) ergeben. Die grossen Nahrungsmittelkonzerne selbst werden indes zum Ziel aktivistischer Investoren, was ihr Engagement für die Forschung und Entwicklung (F&E) zugunsten gesünderer Produkte betrifft.  

Neue Formeln, kleinere Portionen und innovative Produkte

Grosse Lebensmittel- und Getränkefirmen entwickeln zudem neue Formeln für bestehende Produktportfolios, um auf die Kundennachfrage und drohende Zuckersteuern zu reagieren. Die Ergebnisse ihrer Bemühungen sind bislang gemischt. Eine Neuformulierung kann kostspielig sein und der Marke schaden, wenn damit die Erwartungen der Verbraucher nicht erfüllt werden.

Welche Schritte unternimmt Schroders, um das Zuckerrisiko zu verringern?

Wir treiben den Wandel in der Branche mit einer Reihe von Massnahmen voran und bemühen uns darum, das Risiko von Zucker für unsere Kundenportfolios genau einzuschätzen.

Einsatz für eine bessere Offenlegung

Seit wir 2015 mit unseren Untersuchungen begonnen und unsere Studie „Investor Expectations: Sugar, Obesity and Non-Communicable Diseases“ veröffentlicht haben, konnten wir eine Verbesserung der Berichterstattung durch die Unternehmen feststellen, die mittlerweile mehr Punkte rund um das Thema Zucker abdeckt. Unsere Untersuchungen bieten einen Rahmen für die Offenlegung von Unternehmen und wurden an über 40 Lebensmittel- und Getränkefirmen weltweit verteilt.

Unternehmensanalysen und Aktienempfehlungen

Es ermutigt uns zu sehen, dass sich in einer Reihe von Studien und Bewertungen unserer Analysten Verweise auf diese spezifischen Untersuchungen finden. 

Portfoliokonstruktion

Diese Analysen fliessen in die Portfolioentscheidungen von Schroders ein, wobei die Teams die Beteiligungen in den einzelnen Sektoren anpassen, um das potenzielle Bilanzrisiko, dem sich die jeweiligen Sektoren ausgesetzt sehen, zu reduzieren. Auf Unternehmensebene haben wir beispielsweise als unmittelbare Reaktion auf Zuckersteuern und langsame oder erfolglose Versuche einer Neuformulierung von Produkten unsere Positionen in mehreren Erfrischungsgetränkeunternehmen reduziert.

Wie gestaltet sich der Ausblick für die betroffenen Branchen?

Die meisten der in unseren ersten Untersuchungen im Jahr 2015 identifizierten Risiken sind inzwischen eingetreten und durch Covid-19 noch beschleunigt worden. Zuckersteuern sind sogar weiter verbreitet, als wir erwartet hatten. Seit 2015 wurden 17 neue Zuckerabgaben eingeführt, sodass sich ihre Anzahl auf insgesamt 42 erhöhte. Damit wird ein grösserer Teil der Weltbevölkerung mit einer Zuckersteuer belegt als mit einer Kohlenstoffsteuer.  

Wir gehen davon aus, dass die Regierungsmassnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährung, insbesondere angesichts der Verbreitung von Covid-19, einschliesslich der Einführung von Zuckersteuern, sowie Vorschriften zu Werbe- und Verkaufspraktiken und der anhaltende Wandel der Verbrauchervorlieben für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie weiterhin Gegenwind bedeuten werden – und zunehmend auch dem Lebensmitteleinzelhandel und Gastgewerbe zu schaffen machen werden. Der Druck auf diese Branchen steigt, Produkte neu zu formulieren und innovativ zu sein, um auch künftig Gewinne zu erwirtschaften.

Durch die bessere Berichterstattung der Unternehmen konnten wir Branchenführer und Nachzügler besser identifizieren. Gleichwohl werden wir uns mit den Unternehmen weiter austauschen und neue bewährte Verfahren verfolgen.

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Marc Brodard

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