4 Min | Perspektiven

Ausblick 2020

Ausblick 2020: Chinesische Aktien


Louisa Lo

Louisa Lo

Head of Greater China Equities

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2019 war ein Jahr voller Herausforderungen, in dem sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft erheblich verlangsamte. Diese Schwäche spiegelte größtenteils das schwierigere externe Umfeld aufgrund der amerikanisch-chinesischen Handelsspannungen wider sowie die Auswirkungen der bisherigen staatlichen Bemühungen, systemische Risiken in der Wirtschaft einzudämmen. Wir denken dabei vor allem an die Bekämpfung von Überschuldung und die 2018 ergriffenen Maßnahmen, um die Immobilienpreise zu kontrollieren. 

Wir erwarten, dass sich Chinas Wirtschaft 2020 stabilisieren wird. Getragen werden dürfte dies von günstigeren monetären Bedingungen durch die Zentralbankmaßnahmen für eine bessere Kreditverfügbarkeit, einer besseren fiskalischen Unterstützung durch eine entsprechende Steuer- und Ausgabenpolitik der Regierung sowie möglicherweise von einer Wiederbelebung der globalen Industrieaktivität. Irgendeine Form von Handelsabkommen mit den USA sollte im Laufe des Jahres ebenfalls dazu beitragen, eine leichte Wachstumsbeschleunigung zu fördern.

Warum wir 2020 mit weiteren Stimuli rechnen

2020 markiert das letzte Jahr in Chinas 13. Fünfjahresplan, der unter anderem den Aufbau einer „Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand“ vorsieht. Eines der zentralen Ziele des Plans ist es, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes zwischen 2010 und 2020 zu verdoppeln. Um dies zu erreichen, wird China in diesem Jahr ein BIP-Wachstum von ungefähr 6 % erwirtschaften müssen.

Derzeit legt die chinesische Wirtschaftspolitik ein stärkeres Gewicht darauf, längerfristige Risiken zu steuern. Die bislang moderateren Stimulationsmaßnahmen belegen dies. Mit Blick auf das schwierige externe Umfeld und die schwache Binnenkonjunktur halten wir jedoch weitere Entlastungen für nötig, um das Wirtschaftswachstum in den nächsten zwölf Monaten zu stützen.

Wie können die Stimuli aussehen?

An der geldpolitischen Front erwarten wir eine weitere Lockerung in Form von Senkungen des Mindestreservesatzes (RRR) für Banken sowie eine Reduzierung des Referenzzinses Loan Prime Rate (LPR). Der RRR ist der Prozentsatz der Einlagen, den Banken kraft Gesetzes als Reserve vorhalten müssen, während es sich beim LPR um einen Zinssatz handelt, der vom National Interbank Funding Centre, einem Ableger der People‘s Bank of China, auf der Basis von Quotierungen eines Bankenpanels ermittelt wird.

Zinssenkungen (Reposätze) dürften schwieriger zu realisieren sein, zumindest im ersten Quartal. Grund dafür ist der jüngste leichte Inflationsanstieg infolge gestiegener Schweinepreise. Was Kredite betrifft, werden die Banken ihre Vergabestandards möglicherweise etwas lockern. Aber wie wir schon in den vergangenen 18 Monaten gesehen haben, wird die chinesische Zentralbank weiterhin Maßnahmen für das Wirtschaftswachstum mit einem Risikoabbau im Schattenbankensektor in Einklang bringen müssen.

Unseres Erachtens dürfte die Regierung 2020 stärker auf die Fiskalpolitik setzen, um zur Stabilisierung des Wachstums beizutragen. 2019 fielen die Regierungsausgaben insgesamt eher enttäuschend aus. Daher glauben wir, dass die in der zweiten Jahreshälfte 2019 zuletzt zu beobachtende Zunahme bei den Anleiheemissionen von Zweckgesellschaften und bei den Infrastrukturausgaben sich in der ersten Hälfte des kommenden Jahres fortsetzen wird. Die Regierung könnte außerdem ihr Ziel für das Haushaltsdefizit (bei dem die Staatsausgaben die Einnahmen übersteigen) in Richtung 3 % des BIP erhöhen (von 2,8% 2019), um 2020 mehr Infrastrukturinvestitionen zu finanzieren. In anderen Sektoren sind die Investitionsaussichten unsicherer, zum einen wegen des Überhangs, der von den Handelsbeziehungen zu den USA herrührt, zum anderen weil sich der Häusermarkt abschwächen könnte.

Wir erwarten, dass die Regierung ihre Kapitalmarktreform weiter vorantreiben wird, um Investitionen anzukurbeln. Gleiches gilt für die Reform der staatlichen Haushaltsregistrierung (Hukou-System), die darauf abzielt, den Immobilienmarkt und den Konsum zu unterstützen. An der Immobilienfront rechnen wir jedoch angesichts der wiederholten Erklärung, dass „Wohnungen nicht zum Spekulieren da sind, sondern um darin zu leben“, mit keiner bedeutenden Lockerung der Politik.

Welche Bereiche der Wirtschaft werden das Wachstum vorantreiben?

Der Konsum hat in diesem Jahr wesentlich zur Stützung des Wachstums beigetragen – ein Trend, der 2020 dank einer Reihe von Faktoren anhalten dürfte. So bleibt das Beschäftigungswachstum solide – in den ersten zehn Monaten des Jahres wurden in den Städten fast zwölf Millionen Stellen geschaffen –, während das verfügbare Einkommen 2019 real um 6 % wuchs. Die Sparquoten sind im internationalen Vergleich weiterhin hoch, gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Dienstleistungen, die unerfüllte Bedürfnisse (d. h. medizinisch) abdecken. Darüber hinaus dürften sich auch neue Geschäftsmodelle, die im Zuge der technologischen Disruption entstehen, und unterstützende politische Maßnahmen (d. h. Einkommenssteuersenkungen) günstig auswirken.

In Bezug auf private Investitionen sehen wir Potenzial für einen moderaten Anstieg der Investitionen in Produktionsanlagen und Kapitalvorhaben, da zum einen die Kreditbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) gelockert werden und zum anderen die Gewinnerwartungen steigen. Dies ist aber noch keine ausgemachte Sache.

An der Handelsfront ist nicht zu übersehen, dass sich die Spannungen zwischen China und den USA mittlerweile auch auf andere strategische Bereiche wie Technologie und Kapitalmärkte ausgeweitet haben. Gemäß unseres Basisszenarios wird der Konflikt zwischen beiden Seiten die Investitionen und das globale Wachstum in den kommenden Jahren weiter belasten.

Als Antwort darauf setzt China nun auf eine stärkere technologische Unabhängigkeit und intensiviert die Bemühungen, Unternehmen in strategisch wichtigen Branchen (d. h. Luft- und Raumfahrt, IT, Halbleiter, Robotik) zu fördern.  Wir rechnen hier mit einigen attraktiven Gelegenheiten für Anleger, sobald sich die ersten „nationalen Champions“ formieren.

Bewertungen unter dem Durchschnitt und Aussicht auf steigende Gewinne

Wir glauben, dass die negativen Gewinnrevisionen der vergangenen 18 Monate kurz vor dem Wendepunkt stehen. Für 2020 erwarten wir dann ein stabileres Gewinnwachstum gegenüber dem Vorjahr im mittleren einstelligen Bereich.

Da die Bewertungen für den MSCI China Index derzeit insgesamt unter ihrem langfristigen Durchschnitt liegen, könnte die Liquiditätsunterstützung durch den „Südwärtshandel“ – mit entsprechenden Kapitalströmen von den Märkten in Festlandchina Richtung Hongkong – weiter anhalten. Die Kapitalflüsse für chinesische A-Aktien werden dagegen möglicherweise durchwachsener ausfallen, da die jüngste Runde der Änderungen für die MSCI-Index-Aufnahme mittlerweile abgeschlossen ist und der Zeitpunkt für weitere Anhebungen der Indexgewichtungen noch nicht feststeht.

Wo finden sich an den chinesischen Aktienmärkten die Anlagechancen?

Vor diesem Hintergrund verfolgen wir für alle unsere Strategien mit Fokus auf China einen ausgewogenen Ansatz. Dabei konzentrieren wir uns weiterhin auf binnenwirtschaftlich orientierte Unternehmen, die wir als Nutznießer von Chinas mittelfristiger Wachstumsstory sehen. Unsere Präferenz gilt hier Unternehmen im Bereich Konsumgüterunter mit Bezug zum Thema höherwertiger Konsum, den Bereichen erneuerbare Energie, Pharma und Versicherungen sowie ausgewählten TMT/Internet/5G-Titeln.

 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.