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China: Stabiles Wachstum bei Anstieg langfristiger Kosten

Das Wachstum des chinesischen Bruttoinlandsproduktes entspricht den Erwartungen. Steht trotzdem eine abgeschwächte Dynamik ins Haus?

07.11.2016

Craig Botham

Craig Botham

Volkswirt für Schwellenländer

Chinas Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal erwartungsgemäß gegenüber dem Vorjahr um 6,7 %. Damit blieb es zum zweiten Quartal unverändert. Eine Analyse der Daten zeigt beschleunigte Zunahmen in der Grundstoffindustrie und ein langsameres Wachstum im Dienstleistungssektor. Das verarbeitende Gewerbe wuchs stabil. Insgesamt zeichnen diese Ergebnisse kein ausgewogenes Bild: Vielmehr deuten sie darauf hin, Wachstum auf Kosten von Nachhaltigkeit zu erreichen.

Dies lässt sich mit einem Blick auf die Hochfrequenzdaten veranschaulichen. Im Quartalsverlauf nahm das rückläufige Kreditwachstum kaum ab, obwohl weniger Kredite an Unternehmen ausgegeben wurden, da die Vergabe von Hypotheken sowie Kommunalanleihen lokaler Verwaltungen dabei half, das entstandene Vakuum zu füllen.

Dennoch beobachten wir zurzeit ein scharfes Durchgreifen am Immobilienmarkt durch die auf das Gesamtsystem fokussierte Aufsicht und, Berichten zufolge, durch die Kreditkanäle, da sich die Zentralbank auf Geldgeber stützt. Damit schwindet die Fähigkeit der Kommunalverwaltungen, das Kreditwachstum durch die Ausgabe von Kommunalanleihen zu stützen. Der für 2016 festgelegte Quotenhöchstwert von 6,2 Billionen Renminbi entspricht einer Ausgabedrosselung im letzten Jahresquartal von monatlich 600 Milliarden Renminbi auf 400 Milliarden Renminbi.

Wenn man bedenkt, dass die lokalen Verwaltungen auch mit einer Unterstützung in dieser Größenordnung nicht mehr tun konnten als der nachlassenden Investitionsbereitschaft Einhalt zu gebieten, scheinen die Anlageaussichten zum Jahresende eher trüb.

Schuld an diesem Problem sind zum Teil nach wie vor die mangelnden privatwirtschaftlichen Investitionen. Die Zuwächse auf diesem Gebiet haben im dritten Quartal weiter abgenommen. Der Privatsektor steht vor mehreren Schwierigkeiten: Überkapazität, Gewinnrückgänge und höhere Kreditkosten.
Die Rückkehr der Erzeugerpreisinflation in den positiven Bereich kommt der Rentabilität zugute, doch die anderen Probleme scheinen sich damit nicht ausmerzen zu lassen. Die Zentralbank scheint im Kontext der Immobilienblase und dem verstärkten Druck der Währungsabwertung sowie staatlicher Unternehmen, die für kapazitive Lasten sorgen, nicht zu einer Lockerung gewillt zu sein.

Der Immobiliensektor, der bisher die treibende Kraft für das Wachstum in diesem Jahr ist, konnte auch im September wieder Umsatzzuwächse verzeichnen. Dennoch kam es trotz des Verkaufsbooms zu einem starken Einbruch im Immobilienbau. Dieser Trend setzte schon vor Einführung der meisten Maßnahmen ein, sodass ein weiterer Konjunkturabschwung wahrscheinlich wird, der Investitionen in Sachanlagen in Mitleidenschaft ziehen wird.

Ein weiterer Grund, weshalb sich die wirtschaftliche Dynamik im letzten Quartal verlangsamen wird, besteht ganz einfach darin, dass die Regierung sich dies leisten kann. Das BIP bewegte sich in den letzten neun Monaten deutlich über der Zielmarke von 6,5 %, sodass die Regierung auch mit einem Zuwachs von nur 6 % bis zum Jahresende immer noch im Zielbereich liegt.
Politische Entscheidungsträger ziehen es vielleicht vor, sich im vierten Quartal eher zurückzuhalten und sich mit ihren Reserven für 2017 zu wappnen, um noch vor dem 19. Parteikongress ein starkes Wachstum sicherstellen zu können. Äußerungen des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping zur Fiskalpolitik und der Wichtigkeit der Staatskontrolle über staatliche Unternehmen lassen vermuten, dass Marktreformen im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum derzeit unabhängig von den damit verbundenen langfristigen Kosten ganz in den Hintergrund rücken. Die für 2016 und 2017 gesteckten Wachstumsziele dürften größtenteils erreicht werden, doch längerfristig verschlechtert sich die konjunkturelle Lage.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Craig Botham, Schwellenländervolkswirt, und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.