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China: Was Nulltoleranz, Unterbrechungen der Lieferkette und Überschwemmungen für das Wirtschaftswachstum bedeuten


Aufgrund der anhaltenden Disruptionen haben wir unsere Wachstumsprognose für China in diesem Jahr herunterkorrigiert. Die aufgrund von Covid-19-Ausbrüchen und Lieferkettenengpässen eingeschränkte Aktivität wird größtenteils wieder aufgeholt. Die verzögerten Auswirkungen der früheren geldpolitischen Straffung machen sich jedoch inzwischen bemerkbar. Daher gehen wir weiterhin davon aus, dass sich das Wachstum bis Mitte 2022 verlangsamen wird.

Ein umfangreiches fiskalpolitisches Unterstützungspaket scheint unwahrscheinlich, solange der Abschwung nicht deutlich stärker ausfällt als von uns erwartet. Stattdessen wird die Regierung wahrscheinlich weiterhin mit relativ kleinen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen die Räder schmieren. Weitere regulatorische Maßnahmen scheinen hingegen wahrscheinlicher, da die Regierung die längerfristige Wachstumsdynamik ins Auge fasst.

Zusammentreffen mehrerer Faktoren belastet die Wirtschaftsaktivität

Wir haben unsere Prognose für das BIP-Wachstum in China in diesem Jahr von 9,2 % auf 8,5 % gesenkt, da mehrere Faktoren zusammen die Aktivität kurzfristig belasten dürfte. Teile des Landes waren von Überschwemmungen betroffen und Engpässe in globalen Lieferketten schränken die Produktion ein. Die Behörden in Peking haben zahlreiche regulatorische Änderungen angekündigt und angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante erneut Einschränkungen verhängt.

Die Konjunkturdaten blieben im Juli auf breiter Front hinter den Erwartungen zurück, und die jüngsten EMIs deuten darauf hin, dass die Konjunktur im August verhalten blieb. Im vergangenen Monat wurden die teilweisen Lockdowns zur Eindämmung von Covid-19 verschärft. Der NBS-EMI für das nicht verarbeitende Gewerbe ging nach einem Covid-19-Ausbruch stärker zurück als Anfang des Jahres. Die Produktion wurde ebenfalls unterbrochen, wozu auch Betriebsbeschränkungen in Ningbo, dem drittgrößten Seehafen der Welt, zählten.

Jetzt, da die Neuinfektionen wieder auf ein niedriges Niveau gesunken sind, werden die Beschränkungen gelockert und die makroökonomischen Folgen sollten sich umkehren. Dies dürfte der Aktivität im vierten Quartal etwas Auftrieb verleihen. Darüber hinaus dürfte die Aktivität nach den Überschwemmungen mit Beginn der Wiederaufbauarbeiten wieder etwas zulegen. Ferner signalisierte die Regierung auf dem letzten Politbüro-Treffen, dass sie einige Infrastrukturprojekte vorantreiben wird. Trotz der großen Fortschritte bei den Impfungen bedeutet der Nulltoleranz-Ansatz der Regierung gegenüber Covid-19, dass es in Zukunft wahrscheinlich wieder zu Unterbrechungen der Aktivität aufgrund lokaler Ausbrüche kommen wird.

Warum wir mit einem zyklischen Abschwung rechnen

Insgesamt jedoch spielen diese Disruptionen nur eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu den großen makroökonomischen Trends, die in den kommenden Monaten wahrscheinlich zu einem zyklischen Nachlassen des Wachstums führen werden. Wie wir im Frühjahr hervorhoben, erreichten zyklische Frühindikatoren wie der Kreditimpuls und die reale Geldmenge M1 im Herbst des vergangenen Jahres ihren Höhepunkt, nachdem die Behörden ihre Politik insbesondere im Hinblick auf die Kreditversorgung der Wirtschaft und des Immobiliensektors gestrafft hatten.

Da sich der Rückgang dieser Frühindikatoren, der sich im Juli fortsetzte, typischerweise erst mit einer Verzögerung von etwa neun Monaten auf die Aktivität niederschlägt, steht die Verlangsamung des chinesischen Wachstums gerade erst an ihrem Anfang und wird bis Mitte 2022 anhalten. Daher gehen wir weiterhin davon aus, dass sich das offizielle BIP-Wachstum im nächsten Jahr auf etwa 5,5 % verlangsamen wird.

Umfassendere geldpolitische Unterstützungsmaßnahmen würde uns veranlassen, unsere Wachstumserwartungen im nächsten Jahr heraufzukorrigieren. Bislang gibt es dafür aber kaum Anzeichen. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Monaten weitere Senkungen der Mindestreservepflicht für Banken sowie höhere öffentliche Ausgaben wahrscheinlich sind.

Aber solange die Regierung weiterhin hart gegen den Immobiliensektor vorgeht, dürften diese Lockerungsmaßnahmen eher die Abwärtsbewegung abfedern als einen Richtungswechsel herbeiführen. Zwar rechnen wir in unserem zentralen Szenario nicht mit Zinssenkungen, sie können jedoch nicht ausgeschlossen werden. Sie werden wahrscheinlich der letzte Ausweg sein, da sie den Bemühungen zur Eindämmung der Verschuldung entgegenwirken würden.

Die regulatorischen Maßnahmen nehmen zu – aber was bedeutet das für das langfristige Wachstum?

Weitaus aktiver ist die Regierung auf regulatorischer Ebene. Die Behörden haben ihre lange Liste von Sektoren erweitert, die in Zukunft einer stärkeren Prüfung unterzogen werden. Diese reichen vom privaten Bildungswesen bis hin zu Internet-Tech-Unternehmen in Teilen der Gig Economy, wie etwa Fahrdienste. Es wurden bereits viele gute Analysen über das regulatorische Durchgreifen veröffentlicht, die wir hier nicht wiederholen werden.

Aus makroökonomischer Sicht scheint die Motivation für zumindest einige der Maßnahmen der Versuch zu sein, mit der langfristigen strukturellen Abschwächung der chinesischen Wirtschaft fertig zu werden, da die alten Wachstumsmotoren verschwinden. Wie wir Anfang des Jahres bemerkten, ist es unvermeidlich, dass sich das Wachstum aufgrund der hohen einstelligen Expansionsraten der jüngsten Vergangenheit verlangsamt, nachdem die rasante Industrialisierung und Urbanisierung nun weitgehend abgeschlossen sind und die Demografie weniger förderlich ist. Dennoch kann die Regierung die Verlangsamung beeinflussen, indem sie Maßnahmen zur Unterstützung des Produktivitäts- und Einkommenswachstums ergreift, was effektiv die Ziele der Politik des „dualen Kreislaufs“ sind.

Der Wunsch, in Hightech-Sektoren autark zu werden, verstärkt durch den Handelskrieg mit den USA, hat dazu geführt, dass China seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) in den letzten Jahren erhöht hat. Aber der Weg ist noch weit, insbesondere in Sektoren wie der Halbleiterindustrie. Das Vorgehen gegen Internetdienstleistungsunternehmen könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Behörden Ressourcen in strategisch wichtigere und produktivere Sektoren umleiten wollen.

Unterdessen strebt die Regierung seit Langem eine Neuausrichtung der Wirtschaft zum Konsum an – ein bemerkenswertes Merkmal der Erholung von der Covid-Rezession war die laue Verbraucheraktivität. Ein Aufstieg in der Wertschöpfungskette in der Industrie durch F&E würde höhere Einkommen ermöglichen. Dies wird eindeutig Zeit in Anspruch nehmen. Die jüngsten Maßnahmen, um gegen das private Bildungswesen vorzugehen und die Abzüge zu begrenzen, die Unternehmen von Arbeitnehmern in der Gig Economy machen können, deuten allesamt auf einen Versuch hin, das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte zu stützen, auch wenn die Auswirkungen wahrscheinlich gering sein werden.

Somit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Regierung mit diesen Reformen noch weiter geht, und es besteht eindeutig die Gefahr, dass die Maßnahmen den Aktivitäten des Privatsektors einen Dämpfer versetzen. Die Zeit wird zeigen, ob es der Regierung gelingt, das langfristige Wachstum zu stützen.


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