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Perspektiven - Märkte

Der Run auf nachhaltige Mode und die Folgen

Immer mehr Verbraucher achten auf einen verantwortungsvollen Konsum und verlangen nachhaltigere Textilien. Dies hat enorme Auswirkungen auf eine der größten Branchen der Welt.

02.07.2019

Daniel McFetrich

Daniel McFetrich

Leiter Research für globale und internationale Aktien

Die Textilbranche – vor allem die Stoff- und Bekleidungsindustrie – produziert jährlich fast 100 Millionen Tonnen Fasern. Diese Zahl wird nur noch steigen, wenn die Kaufkraft in Schwellenländern zunimmt.

Die Branche – und ihr Wachstum – hat enorme Auswirkungen auf die Umwelt und den Klimawandel, da sie jährlich rund 1,2 Mrd. Tonnen CO2-Äquivalente produziert. Immer mehr Verbraucher sind sich jedoch bewusst, welche Auswirkung ihre Kleidungswahl auf die Umwelt haben kann, und ändern infolgedessen ihr Kaufverhalten.

Bei einer Branche, die pro Jahr einen Umsatz in Höhe von 3 Bio. US-Dollar erzielt und weltweit fast 60 Millionen Menschen beschäftigt, hat dies auch wesentliche Folgen für Anleger.

Zahlen und Fakten

- 66 % der Verbraucher weltweit geben heute an, dass sie bereit sind, mehr für nachhaltige Waren zu zahlen. Laut Daten von Nielsen entspricht dies einem Anstieg gegenüber 2014 und 2013, als dieser Wert bei 55 % bzw. 50 % lag.

- Millennials sind nach wie vor am ehesten bereit, mehr Geld für nachhaltige Produkte zu zahlen. Die aktuellsten Ergebnisse zeigen, dass fast drei von vier Teilnehmern dieser Gruppe dies bejahten. 2014 waren es noch rund die Hälfte gewesen.

- In Schwellenländern geben mehr als 65 % der Verbraucher an, dass sie aktiv Ausschau nach nachhaltiger Mode halten.1

Was spricht gegen Textilien?

Selbst wenn wir nur die CO2-Emissionen und den Wasserverbrauch berücksichtigen, zählt die Textilproduktion zu den Branchen, die die größte Umweltverschmutzung weltweit verursachen.

CO2

Die Textilbranche produziert mehr CO2 als der internationale Flugverkehr und die Seefahrt. Bei der Herstellung von 1 Tonne Textilien entstehen 17 Tonnen CO2-Äquivalent. Bei Plastik sind es im Vergleich dazu 3,5 Tonnen, bei Papier weniger als 1 Tonne.

CO2-Emissionen nach Fasertyp

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Quelle: SEI

Mehr als 60 % der Textilien werden in der Bekleidungsindustrie eingesetzt und ein Großteil der Bekleidung wird in China und Indien – von Kohlekraftwerken abhängigen Ländern – hergestellt. Dadurch verschlechtert sich die CO2-Bilanz jedes Kleidungsstücks.

Auch die Art der produzierten Textilien wirkt sich erheblich auf die Emissionen aus, die bei der Herstellung freigesetzt werden. Laut Schätzungen verursacht ein einzelnes Polyester-T-Shirt Emissionen von 5,5 kg CO2, ein Baumwoll-T-Shirt hingegen Emissionen von 2,1 kg CO2.3

Wenn die derzeitige Entwicklung der Branche anhält, könnte sie bis 2050 mehr als 26 % des CO2-Budgets verbrauchen, das laut dem Pariser Klimaabkommen4 höchstens zulässig ist, um den globalen Temperaturanstieg auf 2 °C zu begrenzen.

Wasser

Die Textilproduktion (einschließlich des Baumwollanbaus) verbraucht jährlich rund 93 Mrd. Kubikmeter Wasser, was 4 % des globalen Süßwasserverbrauchs entspricht.5 Baumwolle verursacht zwar weniger CO2-Emissionen als Polyester, aber ihre Produktion erfordert mehr Wasser als die Produktion aller anderen Fasern.

Beim Waschen von Kleidung in Waschmaschinen werden weltweit schätzungsweise weitere 20 Mrd. Kubikmeter Wasser pro Jahr verbraucht.6

Die größte Herausforderung stellt der Zugang zum benötigten Wasser in Regionen mit Wasserknappheit dar. Derzeit leiden viele der wichtigen Baumwolle erzeugenden Länder wie China, Indien, die USA, Pakistan und die Türkei unter großen Wassernöten.7 In China werden 80 % bis 90 % der Stoffe, Garne und plastikbasierten Fasern in Regionen mit Wasserknappheit oder Wasserstress hergestellt.8

Außerdem gibt es zwar wenige Daten über den Einsatz von „besorgniserregenden Stoffen“ in der Branche, aber es wird allgemein anerkannt, dass bei der Textilproduktion große Wassermengen mit gefährlichen Chemikalien in die Umwelt freigesetzt werden. Die Weltbank geht zum Beispiel davon aus, dass 20 % der weltweiten industriellen Wasserverschmutzung auf die Färbung und die Behandlung von Textilien zurückzuführen sind.9

Welche Lösungen gibt es?

Es gibt mehrere Möglichkeiten für die Textilindustrie, diese Probleme anzugehen. Faserhersteller, die auf eine nachhaltige Beschaffung (d. h. zertifizierte und kontrollierte Quellen) setzen, über geschlossene Abfall vermeidende Kreislaufsysteme verfügen und Biomasse auf nachhaltige Weise verarbeiten – im Idealfall mit erneuerbaren Energiequellen –, haben die beste CO2-Bilanz. Diese „Bioraffinerien“ erzeugen Zellstoff, biobasierte Chemikalien und Energie.

Auch für die Färbung von Textilien gibt es neue innovative Ansätze, die weniger Wasser, Chemikalien und Energie erfordern. Der Digitaldruck ist ein Beispiel dafür.

Eine der wirksamsten Änderungen könnte die Förderung der Verwendung von holzbasierten Zellulosefasern sein. Derzeit werden mehr synthetische Fasern als Naturfasern eingesetzt und unter den Naturfasern liegt Baumwolle nach wie vor an der Spitze. Baumwolle und Polyester dominieren den Fasermarkt. Auf sie entfallen 85 % aller für Kleidungsstücke eingesetzten Fasern. Für die Baumwollproduktion sind große Mengen an Wasser und Pestiziden erforderlich, während Polyester und Nylon eine sehr schlechte CO2-Bilanz aufweisen. Zudem sind synthetische Fasern nicht biologisch abbaubar.

Holzbasierte Zellulosefasern machen heute nur 6 % der verwendeten Fasern aus, aber ihr Einsatz nimmt stärker zu als bei anderen Fasern. „Modalfasern“ sind Zellulosefasern, die 1951 in Japan entwickelt wurden. Sie werden aus regenerierten Zellulosefasern gesponnen.

Modalfasern absorbieren 50 % mehr Wasser pro Volumeneinheit als Baumwolle, und bei ihrer Produktion wird weniger Wasser verbraucht. Modalfasern sind zudem schrumpffrei, bleiben auch nach dem Waschen in warmem Wasser farbfest, bieten Atmungsaktivität und liegen seidig-weich auf der Haut. „Modalfaser“ ist eine allgemeine Bezeichnung für Viskose und Kunstseide, die 90 % aller Zellulosefasern ausmachen. Modalfasern werden mit einem modifizierten Viskoseverfahren hergestellt und bieten bessere Textileigenschaften. Deshalb stellen sie eine eigene Faserart dar.

Lyocell-Fasern werden aus der natürlichen Polymerzellulose in Holz gewonnen. Sie sind zu 100 % biologisch abbaubar und eine Unterkategorie von Kunstseide. Ihre Herstellung erfolgt im Rahmen eines geschlossenen Kreislaufs. Das heißt, dass Wasser und nicht giftige Lösungsstoffe praktisch komplett wiederverwendet werden.

Zellulosefasern wie Lyocell und Modal verbrauchen viel weniger Energie als synthetische Fasern und verursachen infolgedessen geringere CO2-Emissionen als die wichtigsten Alternativen auf dem Markt. Außerdem führen sie nicht zu den gleichen mit dem Wasserverbrauch verbundenen Problemen wie Baumwolle.

Globaler Fasermarkt im Überblick

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Quelle: CIRFS, The Fiber Year, The Fiber Organon, Schätzungen von Lenzing

Die Verwendung der genannten Faserarten könnte Klimaschäden weiter eingrenzen, die Textilien oder Kleidungsstücke während ihres Lebenszyklus hervorrufen. Die meisten Emissionen im Lebenszyklus von Kleidungsstücken entstehen während ihrer Nutzung. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Baumwoll-T-Shirt 50-mal verwendet wird, dann kommen mehr Emissionen bei der Nutzung der Kleidung auf als bei anderen Vorgängen.

CO2-Emissionen im Lebenszyklus

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Quelle: Carbon Trust

Allein beim Waschen und Trocknen von Kleidungsstücken werden schätzungsweise 120 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent erzeugt.10 Schnell trocknende Produkte, die bei niedrigeren Waschtemperaturen eine höhere Geräteeffizienz ermöglichen, könnten deutlich weniger Emissionen verursachen als bisher eingesetzte Fasern.

Manche Fasern – vor allem Zellulose- und Wollmischgewebe – ermöglichen eine schnellere Trocknung. Haushaltsgeräte werden immer effizienter, was ebenfalls zur Reduzierung der CO2-Emissionen beitragen wird. Auch die verstärkte Wiederverwertung von Fasern sowie eine längere Nutzung von Kleidungsstücken – also „Slow Fashion“ und höherwertige Kleidungsstücke – werden hilfreich sein.

Wenn abgetragener Polyester oder Baumwollabfälle in neuen Polyester- oder Baumwollfasern wiederaufbereitet werden, ist der Beitrag zum Klimawandel viel geringer als bei der Herstellung völlig neuer Fasern. Darüber hinaus bedeutet die Dominanz der Emissionen während der Nutzungsphase, dass wir bei einer längeren Nutzungsdauer der Kleidungsstücke eine große Menge an CO2-Emissionen einsparen können.

Was wird unternommen?

Die Textilindustrie ist für fast 10 % der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Wir denken, dass diese erheblich gesenkt werden können, wenn Zellulosefasern und Digitaldruck eingesetzt werden, die Schonung der Ressourcen verbessert und mehr Fokus auf Recycling und die nutzungsbedingten Emissionen gerichtet wird.

Ermutigend ist, dass Veränderungen nun so wahrscheinlich sind wie nie zuvor. Der Umweltprüfungsausschuss des britischen Parlaments veröffentlichte im Februar seine Entwürfe für die Verbesserung der Nachhaltigkeit in der Modebranche. Zu den Empfehlungen gehören: Schärfere Gesetze gegen Sklaverei, Steuern zur Sanktionierung von Unternehmen, deren Produkte die Umwelt stärker belasten, und neue Regelungen über die Verantwortung der Hersteller zur Abfallvermeidung.

Auch in China nehmen die entsprechenden Bemühungen an Fahrt auf. Der Fokus des diesbezüglichen Fünf-Jahres-Plans liegt auf dem Aufbau einer umweltfreundlicheren Lieferkette in der Mode- und Textilbranche. Im Januar gab sich der nationale chinesische Textil- und Bekleidungsrat ambitioniert. Er kündigte an, dass ein neues Image unter den drei neuen Schlagwörtern „Technologie, Mode und Umweltfreundlichkeit“ aufgebaut werden soll, und setzte sich das Ziel, die Umweltprobleme besser in den Griff zu bekommen.


1 Quelle: Cotton Lifestyle Monitor (n.d.) zitiert nach Business of Fashion (2016), The State of Fashion 2017

2 Quelle: Eunomia, The potential contribution of waste management to a low carbon economy (2015)

3 Der Grund dafür ist, dass Ersteres aus fossilen Treibstoffen wie Rohöl produziert wird. 2015 führte die Herstellung von Polyester für Textilien zu mehr als 706 Mrd. kg CO2-Äquivalent.

4 Im Vergleich zu den Vorgaben der Internationalen Energieagentur (IEA) zur Erreichung des 2-Grad-Ziels bis 2050, die 15,3 Gigatonnen CO2-Äquivalent erlauben.

5 Quelle: Weltbank, AQUASTAT und FAO, Dataset: Annual freshwater withdrawals, total (2014)

6 Berechnung basiert auf Analysen der Circular Fibres Initiative und folgenden Quellen: Pakula, C., Stamminger, R., Electricity and water consumption for laundry washing by washing machine worldwide (2009)

7 Quelle: Gassert, F., et al., Water stress by country, WRI Aqueduct (2013)

8 Quelle: Maxwell, D., et al., State of the apparel sector report: Water, GLASA (2015), S. 43

9 Quelle: Kant, R., Textile dyeing industry: An environmental hazard, Natural Science, Vol. 4, 1 (2012), S. 23

10 Quelle: Berechnung basiert auf Analysen der Circular Fibres Initiative und folgenden Quellen: Pakula, C., Stamminger, R., Electricity and water consumption for laundry washing by washing machine worldwide (2009); Dupont, Consumer Laundry Study (2013)

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.