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Märkte

Die klimabedingte Disruption hat für Anleger gerade erst begonnen


Simon Webber

Simon Webber

Leitender Portfoliomanager

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Die Finanzmärkte sind auf das Ausmaß der Disruption durch den Klimawandel nicht vorbereitet. Dies ergab eine aktuelle Studie. Im September veröffentlichten die Prinzipien für verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen (PRI) – ein Netzwerk von Anlegern, zu dessen Mitgliedern 500 globale Anlagemanager zählen — einen Bericht. Das Fazit? Die Märkte haben die bevorstehenden politischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels nicht eingepreist. Noch wichtiger: Der Bericht schlussfolgert, dass Anleger bis 2025 mit politischen Maßnahmen rechnen sollten, die aufgrund der Verzögerung „ausgeprägt, abrupt und ungeordnet“ sein werden.

Das Klimawandel-Team von Schroders glaubt seit Langem, dass die Disruption durch den Klimawandel von Märkten nicht eingepreist wird. Man sagt, dass die Finanzmärkte kurzfristige, kleinere Veränderungen bei den Aussichten eines Unternehmens relativ schnell einpreisen – dass sie sich aber schwer damit tun, Unsicherheit, Wendepunkte und Disruption einzupreisen. Genau das bringt aber der Klimawandel mit sich.

Unsicherheit

Wie lange wird es dauern, bis Wähler und Politiker erkennen, dass die langfristigen Folgen der Tatenlosigkeit die Kosten eines Umstiegs auf erneuerbare Energie bei Weitem übersteigen? Werden die Wähler Maßnahmen unterstützen, die den Kohlenstoffdioxidausstoß bis 2050 auf null reduzieren – oder werden sie ihnen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Unterstützung versagen?

Wendepunkte

Wendepunkte erkennt man oft erst im Nachhinein. Nur die Frühindikatoren der bevorstehenden Veränderungen lassen sich identifizieren. Es ist nicht leicht, sich eine dramatisch andere Situation vorzustellen als der, in der man sich gegenwärtig befindet. Man beruhigt sich damit, Gründe zu finden, warum eine Veränderung nur langsam vonstatten gehen wird. Der Umstieg von fossiler Energie auf erneuerbare Energie und Elektrofahrzeuge stellt unserer Meinung nach einen solchen Wendepunkt dar. Eine vollständige Dekarbonisierung dieser Branchen rückt mit den inzwischen vorhandenen Technologien in den Bereich des Möglichen. Dennoch haben nur wenige Anleger das Ausmaß der bevorstehenden Veränderungen begriffen.

Disruption

Wie wir anderswo bereits dargelegt haben, fällt den Märkten eine Einpreisung von Disruption sehr schwer. Geschäftsleitungen sehen sich oft einem Dilemma gegenüber: Selbst wenn sie eine Gefahr für ihr Unternehmen erkennen, neigen sie oft dazu, ihre bestehenden Ertragsflüsse zu schützen. Anleger neigen auch dazu, sich zu sehr auf kurzfristige Cashflows eines Unternehmens, das einer Disruption ausgesetzt ist, zu konzentrieren. Sie glauben, dass der Titel im Vergleich zu den aktuellen Erträgen „billig“ ist und sind dann überrascht, wenn es mit dem Unternehmen abwärts geht. Rückläufige Unternehmen sind in der Regel keine gute Investition. Umstrukturierungen sind sehr teuer, die Moral der Belegschaft leidet und Fixkosten beschneiden die Gewinne.

Bis vor Kurzem konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Märkte, was die Disruption durch Klimawandel anging, auf Kohle. Das sind die offensichtlichsten „verwaisten“ Investitionen, wenn sich die Industrieländer von Kohlekraftwerken abwenden. Kohlepreise sind auf Mehrjahrestiefs gesunken und jede Woche wird eine frühzeitige Stilllegung eines Kohlekraftwerks angekündigt.

Der spanische Versorger Endesa hat kürzlich die Stilllegung seiner beiden Kohlekraftwerke in Spanien angekündigt. Dadurch ergibt sich ein Verlust eines Großteils oder des Gesamtwerts von 1,3 Mrd. Euro dieser Anlagen. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten andere Bereiche der Wirtschaft, die sich ebenfalls einer Disruption durch den Klimawandel gegenübersehen. Immobilien und Luftfahrt sind zwei Beispiele, in deren Preise die Auswirkungen des Klimawandels bislang nicht berücksichtigt wurden.

Luftfahrt

Die Luftfahrtindustrie hat sich bislang hervorragend entwickelt. Eine wirtschaftliche Expansion von Rekordlänge und das Wachstum der globalen Tourismusindustrie haben der Branche ein stetiges Wachstum beschert. In den vergangenen zehn Jahren erwirtschaftete die Branche des MSCI World Aerospace and Defence eine jährliche Gesamtrendite von 13,8 % – eine doppelt so hohe Rendite wie die Jahresrendite des MSCI World.

Die Vermögenswerte in dieser Branche (hauptsächlich Flughäfen und Flugzeuge) sind sehr langlebig, so dass die zukünftigen Bedingungen für die Branche überaus wichtig sind. Anders als die Automobilindustrie gibt es für die Luftfahrtbranche keine wirtschaftlich tragbare Technologie, mit der sich ihre Emissionen deutlich reduzieren ließen. Die anhaltende Expansion der Branche steht damit nicht im Einklang mit vielen langfristigen Zielen und Plänen, die von Regierungen derzeit vorbereitet werden. Nachdem die Kosten für Flugreisen über Jahrzehnte hinweg gesunken sind, wodurch die Branche immer weiter wuchs, müssen jetzt die Preise erhöht werden, um entweder die Nachfrage nach unten zu drücken oder die Kosten des CO2-Ausstosses der Branche aufzufangen. Die CO2-Emissionen pro Passagierkilometer sind für Flugreisen sehr hoch.

CO2-Emissionen (pro Passagierkilometer)

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Quelle: Bernstein Research, September 2019

Zahlen von Bernstein Research deuten darauf hin, dass 40 % der Gewinne der Branche im letzten Jahr verloren gegangen wären, hätte sie die Kosten ihrer CO2-Emissionen decken müssen. In Zukunft wird diese Last bei steigenden Emissionen noch höher ausfallen.

Gleichzeitig ist die Videokonferenztechnologie so weit fortgeschritten, dass damit ein Großteil der Geschäftsreisen überflüssig wird. Geschäftsreisen sind für Fluglinien am rentabelsten. Da aber immer mehr Unternehmen die Kohlenstoffneutralität anstreben, geraten Flugreisen ins Fadenkreuz. Die nächsten zehn Jahre werden für die Branche wohl nicht so erfreulich ausfallen wie die vergangenen zehn Jahre.

Immobilienvermögenswerte

Bis vor Kurzem waren die physischen Auswirkungen des Klimawandels für viele Menschen eher theoretischer Natur. Immer extremere Wetterereignisse und steigende Meeresspiegel haben jedoch für ein größeres Bewusstsein der Öffentlichkeit gesorgt, und zwar zu dem Ausmaß, dass sich dies auf die Immobilienpreise auswirkt. Beispielsweise befasste sich im Oktober ein Bericht der Investmentgruppe CLSA (Credit Lyonnais Securities Asia) und CWR (China Water Affairs) mit den Auswirkungen von Flutwellen aufgrund steigender Meeresspiegel auf Hongkong. Insbesondere untersuchten sie den Supertaifun Mangkhut des Jahres 2018, der im Victoria Harbour von Hongkong eine Sturmflut von 3,9 m auslöste, sowie den Supertaifun Hato, der im Inner Harbour von Macau 5,6 m erreichte. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Sturmflut in Hongkong noch viel schlimmer hätte ausfallen können.

„Mangkhut hätte eine Flutwelle von 5, 7 m verursachen können, was zu einer Überflutung des Hongkonger Finanzdistrikts Central geführt hätte. Unseren Berechnungen zufolge hätten Flutwellen die Des Voex Road erreichen können, was extrem teuer und überaus disruptiv gewesen wäre.“

Potenzielle Sturmflut des Supertaifuns Mangkhut

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Quelle: CWR, „New Atlantis“, Sep. 2019. Basierend auf einem digitalen Geländemodell (5m) der Hongkonger Landbehörde, Google Maps. Standort des Gezeitenpegel, laut Website des HKO. Infografik von China Water Risk, Copyright, alle Rechte vorbehalten.

Wenden wir uns einer anderen Region zu, die für die Auswirkungen des Klimawandels höchst anfällig ist. Die Data Insights Unit und das Global Cities Team von Schroders berechneten vor Kurzem die Bahn von Hurricanes im Atlantischen Ozean. Die Analyse fand im Rahmen eines laufenden Projekts statt, mit dem Klimarisiken in Modelle zur Evaluierung von Immobilenpreisen in städtischen Gebieten integriert werden sollen. Die unten stehende Abbildung zeigt eine Simulation von Hurrikanbahnen der vergangenen 100 Jahre, die übereinander abgebildet sind. Die prekäre Lage von Florida und North Carolina sticht dabei klar ins Auge.

1919 – 2019 Skalierte Intensität von Tropenstürmen

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Quelle: Data Insights Unit (Datenauswertungsabteilung), Schroders

Gillian Tett verwies in einem Artikel für die Financial Times1 ebenfalls auf das erhöhte Flutrisiko in Florida angesichts steigender Meeresspiegel, sowie auf die Tatsache, dass häufiger auftretende Hurrikane die Häufigkeit und den Schweregrad von Immobilienschäden in die Höhe treiben.

Der Artikel beschreibt die organisatorischen Barrieren, die in Finanzinstituten im Hinblick auf die Berücksichtigung dieser Informationen bestehen. Dies ist wichtig, denn flutbedingte Verluste dürften sich in Südflorida in den kommenden Jahrzehnten verdreifachen – ein Zeithorizont, der übrigens genau der Dauer einer durchschnittlichen neuen US-Hypothek entspricht. Zwar wird die Versicherungsbranche ihre Prämien bei zunehmenden Überflutungen und Verlusten über das Jahr verteilt relativ schnell zurückgewinnen. Hauseigentümer sehen sich jedoch steigenden Versicherungskosten gegenüber und Hauspreise stehen unter Druck. Menschen werden umgesiedelt und zerstörte Häuser wieder aufgebaut.

Vermögenswerte scheinen gegenüber neu auftretenden Faktoren vorerst immun zu sein, bis eine bestimmte Anzahl an Teilnehmern die neuen Informationen erkennt und sie in ihren Anlageentscheidungen berücksichtigt. An diesem Punkt kann es zu dramatischen Veränderungen der Bewertung kommen. Wir stehen erst am Anfang einer sehr langen Zeit, in der der Klimawandel einen beträchtlichen und immer größeren Einfluss auf die Vermögenspreise nehmen wird.

 

1 Gillian Tett, ‘Climate change could cause a new mortgage default crisis' - Financial Times


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