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Märkte

Die versteckten Stars des europäischen Technologiesektors


Vijay Anand

Analyst für europäische Aktien

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Der europäische Technologiesektor wird seit Langem von den „Superstar“-Technologieunternehmen aus den USA und Asien überschattet. Es gibt wohl keinen europäischen Technologietitel, der einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie Apple, Samsung, Microsoft oder Google aufweist. Nokia war dank seiner berühmten Handys einmal nahe dran. Heute ist das Unternehmen allerdings nur mehr als weniger sichtbarer Netzwerkanbieter aktiv.

Zudem sind in Europa viel weniger Technologieunternehmen an den Börsen notiert als in den USA. Zum 31. Dezember 2019 machte der IT-Sektor 23,4 % der Marktkapitalisierung des MSCI USA Index aus, jedoch nur 6 % des MSCI Europe Index.

Trotzdem gibt es in Europa höchst innovative Technologieunternehmen, die nicht nur für die Funktionsfähigkeit unserer bestehenden Geräte (wie Smartphones) unerlässlich sind, sondern auch für die Entwicklung neuer Technologien in der Automobilbranche und für das Internet der Dinge. Letztere werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich beide sehr signifikante Wachstumsbereiche darstellen.

Internet der Dinge transformiert die Tech-Nachfrage

Das Internet der Dinge (IoT) wird für den Technologiesektor in den nächsten zehn Jahren eine äußerst spannende Chance sein. Es vernetzt Geräte für den Versand und Empfang von Daten, sodass sie miteinander kommunizieren können.

Viele Menschen kennen bereits das Konzept des „Smart Home“, in dem sie das Licht von jedem beliebigen Ort aus einschalten können, damit es so aussieht, als ob jemand zu Hause wäre. Oder in dem sie die Klimaanlage oder Heizung einschalten können, bevor sie nach Hause kommen. Ein weiteres Beispiel sind Wearables wie Smartwatches.

Solche Anwendungen für Verbraucher sind allerdings noch lange nicht alles. Die echte Revolution – und größte Wachstumschance – wird voraussichtlich von der Digitalisierung des Industriesektors, auch „Smart Manufacturing“ oder intelligente Fertigung genannt, ausgelöst werden.

Ein zentraler Bestandteil der intelligenten Fertigung sind industrielle Sensoren. Mit Bewegungs-, Umgebungs- und Vibrationssensoren kann zum Beispiel kontrolliert werden, wie Geräte funktionieren oder positioniert sind und ob externe Erschütterungen auftreten. Sie könnten die Effizienz der Wartungsplanung deutlich erhöhen. Denn mit ihrer Hilfe müsste nicht mehr nur geschätzt werden, wann eine Anlage geschlossen werden muss. Mit vernetzten Vorrichtungen hätte jede Maschine einen Sensor, der genau erkennt, wann die Maschine gewartet oder ausgetauscht werden muss.

Vernetzte Maschinen können zudem zur Optimierung der Planung und Flexibilität im Fertigungsprozess beitragen. Die Digitalisierung der Industrie in Europa wird eine enorme Vielzahl von Sensoren, Mikrocontrollern, Mikroprozessoren und anderen Produkten erfordern.

Der europäische Halbleitersektor ist gut aufgestellt, um diese zu produzieren. STMicroelectronics ist zum Beispiel ein Unternehmen mit einer breiten Palette von Produkten für die Umstellung auf Smart Manufacturing. Infineon Technologies, ein weiterer in Europa notierter Titel, übernahm vor Kurzem den US-Konzern Cypress Semiconductor, um seine Kompetenzen in diesem Bereich zu verbessern.

Steigende Tech-Nachfrage der Automobilbranche

Autos enthalten immer mehr technologische Komponenten und dieser Trend wird sich fortsetzen, da die Automatisierung zunimmt und Autos mit Verbrennungsmotor schrittweise durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden. Insbesondere angesichts der immer strengeren Emissionsstandards ist der Ausblick für den Absatz von Elektrofahrzeugen vielversprechend.

Das Wachstum bei Elektrofahrzeugen fördert auch die Nachfrage nach neuen Arten von Halbleitermaterialien wie Siliziumkarbid. Die Elektrofahrzeuge des Marktführers Tesla sind unter anderem deshalb effizienter als ihre Konkurrenzmodelle, weil sie Siliziumkarbid-Chips von STMicroelectronics enthalten.

Auch im Bereich der aktiven Sicherheit werden verstärkt Technologien eingesetzt. Innovative Fahrerassistenzsysteme (FAS) sind elektronische Systeme, die den Fahrer unterstützen. Beispiele dafür sind Sensoren, die erkennen, wenn ein Zusammenstoß des Fahrzeugs mit einem anderen Objekt droht, und die den Fahrer entsprechend warnen. Solche Systeme helfen, menschliche Fehler zu vermeiden und Unfälle zu verhindern.

Weitere Beispiele für Fahrerassistenzsysteme sind automatisiertes Licht, Stauwarnungen, Navigationsanweisungen oder sogar ein Kollisionsvermeidungsassistent, der die Steuerung übernimmt, wenn eine Kollision droht. Diese Systeme erfordern eine Reihe spezialisierter Sensoren und Beleuchtungen, Vermessungsinstrumente und Informationen aus verschiedenen Datenquellen.

In Zukunft könnten Fahrerassistenzsysteme über Drahtlosnetzwerke eine Verbindung zu anderen Autos oder Infrastruktursystemen herstellen, um die Verkehrssicherheit weiter zu verbessern. Laserbasierte Sensoren, die für selbstfahrende Autos eingesetzt werden könnten, sind ein wichtiger Entwicklungsschwerpunkt für viele Unternehmen.

Bei Halbleitern für die Autobranche zählen, wie bereits erwähnt, die in Europa börsennotierten Unternehmen STMicroelectronics und Infineon Technologies zu den Marktführern. Der österreichische Konzern AMS – ein Spezialist für Gesichtserkennungs- und 3D-Sensor-Technologie – übernimmt gerade das deutsche Beleuchtungsunternehmen Osram Licht, um Zugang zu seinen Beleuchtungsprodukten für Autos zu erhalten.

Herstellung komplexer Chips erfordert moderne Instrumente

Alle oben beschriebenen Technologien sind sehr komplex. Damit sie ordnungsgemäß funktionieren, müssen die eingesetzten Halbleiter nicht nur leistungsstark, sondern auch unglaublich klein sein. In Europa sind mit ASML und ASM International zwei Halbleiterausrüster angesiedelt, deren Technologien wichtig für die Entwicklung moderner Halbleiter sind.

ASML spezialisiert sich auf Lithografie, also die Nutzung von Licht für den Druck kleiner Muster auf Silizium. Sie ist ein entscheidender Schritt bei der Herstellung von Computer-Chips. Die Lithografiegeräte der nächsten Generation werden extremes UV-Licht (EUV) einsetzen, mit dem noch kleinere Chips gefertigt werden können. ASML ist der weltweit einzige Hersteller von EUV-Lithografiegeräten.  

ASM International spezialisiert sich hingegen auf die Atomlagenabscheidung (Atomic Layer Deposition, ALD), mit der, wie der Name schon sagt, Beschichtungen Atom für Atom hergestellt werden können. Sie ermöglicht höchste Präzision auf kleinstem Raum.

Die Verkleinerung der Chips zählt zu den wichtigsten Faktoren, die in den vergangenen 50 Jahren technologische Fortschritte ermöglichten. Dieses Phänomen beschreibt das Mooresche Gesetz: Die Leistung der Mikrochips verdoppelt sich alle zwei Jahre, während sich die Kosten der Rechenleistung halbieren. Innovationen wie EUV und ALD können dazu beitragen, dass das Mooresche Gesetz auch in Zukunft gilt und die Fortschritte anhalten.

Doch nur weil ein Unternehmen eine moderne Technologie hat, stellt es noch lange keine gute Anlagechance dar. So wie in jedem anderen Sektor müssen Anleger Faktoren wie die Glaubwürdigkeit der Managementteams, die Bilanzstärke und die Bewertung analysieren.

Auch die Konjunktur darf nicht außer Acht gelassen werden. Immerhin hatte etwa die jüngste Abschwächung auf dem Automobilsektor negative Auswirkungen auf die Aktienkurse von Technologieunternehmen, die in diesem Bereich tätig sind. Tech-Anleger sollten berücksichtigen, dass Konsumgüter nur ein Teil des großen Ganzen sind und es viele Unternehmen gibt, deren Technologien entscheidend, jedoch versteckt sind.

 


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