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Kann China sein Netto-Null-Ziel wirklich bis 2060 erreichen?


Auf der UN-Generalversammlung im September 2020 versprach Chinas Präsident Xi Jinping, dass das Land bis 2060 sein Netto-Null-Ziel erreichen werde. Die Ankündigung kam überraschend und wurde als wichtiger Schritt im globalen Klimakampf begrüßt – umso mehr, da China für rund 30 % der globalen Emissionen verantwortlich ist. Xi versprach auch, dass Chinas Emissionen vor 2030 ihren Höhepunkt erreicht haben würden. Zuvor hatte er sich zu Spitzenemissionen „um 2030“ verpflichtet.

Die Ankündigung erfolgte jedoch im selben Jahr, in dem China Pläne zum Bau neuer Kohlekraftwerke mit der schnellsten Rate seit 2015 genehmigte. Geplant sind weitere Kapazitäten von 40 Gigawatt (GW). Zum Vergleich: In Großbritannien beträgt die Stromerzeugungskapazität für alle Quellen 107 GW. Ist es China also ernst mit der Dekarbonisierung? Und wie wird ein Land kohlenstoffneutral, das mehr Kohle verbraucht als alle anderen Länder zusammen?

Was ist notwendig, damit China sein Netto-Null-Ziel erreichen kann, und was sind einige der positiven Schritte, die unternommen werden?

Energie: Die Dekarbonisierung des Energiemixes ist das einfachste Puzzleteil, stellt jedoch eine dramatische Transformation und eine enorme Herausforderung dar. 2019 stellte Kohle rund 65 % der chinesischen Stromerzeugung. Um bis 2060 den Netto-Nullpunkt zu erreichen, muss der Strom aus nicht fossilen Brennstoffen bis 2060 voraussichtlich 85 % übersteigen. Diese Verschiebung muss noch dazu bei einer Verdreifachung des gesamten Strombedarfs erfolgen, mit der laut Schätzungen von Goldman Sachs aus dem Jahr 2021 zu rechnen ist.

Die Stromgestehungskosten (die durchschnittlichen Stromkosten, die ein Kraftwerk während seiner Lebensdauer erzeugt, LCOE​) von Wind und Sonne sind bereits niedriger als bei neuen Kohlekraftwerken und werden bald billiger sein als der Betrieb bestehender Anlagen. Die technologische Lösung ist auch ohne Subventionen wirtschaftlich tragbar. Ihr Einsatz muss beschleunigt werden. Wir beobachten dazu bereits konkrete kurzfristige Maßnahmen: Unter dem 14. Fünfjahresplan (für 2021-2025) will China bis 2025 neue Kapazitäten von insgesamt 500 GW aus Wind- und Sonnenenergie und einen Anteil nicht fossiler Brennstoffe am Primärenergieverbrauch von 20 % erreichen.

Mobilität: China weist bereits den größten Elektrofahrzeugmarkt der Welt auf. Zu verdanken ist dies verschiedenen Maßnahmen nach der „Zuckerbrot und Peitsche“-Methode, die Fahrzeuge mit neuartigem Energieantrieb (NEV) gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor (ICE) fördern. Da die Branche für NEVs weiter expandiert, wird damit gerechnet, dass die Kostenparität mit ICE-Fahrzeugen in den kommenden zwei bis drei Jahren erreicht wird und die Subventionen wegfallen.

Bis 2025 werden NEVs laut Daten von Goldman Sachs erwartungsgemäß 20 % der Neuwagenkäufe stellen. 2019 waren es noch 5 %. Unter dieser Annahme würden NEVs im Jahr 2025 immer noch weniger als 10 % der gesamten Pkw-Flotte stellen. Dieser Anteil muss bis 2060 auf nahezu 100 % steigen, wenn das Netto-Null-Ziel erreicht werden soll.

Industrie: Die Industrie ist für über 25 % der chinesischen Emissionen verantwortlich. In diesem Sektor wird die Dekarbonisierung voraussichtlich am schwierigsten sein. Es gibt jedoch erste Anzeichen dafür, dass auf die Ankündigung von Präsident Xi Taten folgen. Zum Beispiel verpflichtete sich Chinas größter Stahlhersteller im Januar mit der ersten derartigen Ankündigung eines großen chinesischen Stahlunternehmens, bis 2050 das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Baowu Steel ist für 5 % der weltweiten Produktion verantwortlich und hat sich verpflichtet, 2023 Spitzenemissionen zu erreichen und die Kohlenstoffemissionen bis 2025 um 30 % zu senken.

Angesichts der Tatsache, dass chinesische Unternehmen sechs der zehn weltweit führenden Stahlproduzenten stellen und die Stahlproduktion 15 % der CO2-Emissionen des Landes ausmacht, gehen wir davon aus, dass andere dem Beispiel folgen werden, um dem Versprechen der Regierung zu entsprechen. Der genaue Weg zur Dekarbonisierung muss noch geklärt werden, nicht zuletzt, weil das Durchschnittsalter der chinesischen Stahlwerksflotte nur 10 bis 15 Jahre beträgt. Dennoch ist dies ein äußerst wichtiger Schritt.

Kohlenstoffpreise: Seit 2014 gibt es mehrere regionale Pilotprogramme für den Handel mit Kohlenstoff, und im Februar 2021 wurden neue Maßnahmen für ein nationales System für den Kohlenstoffhandel angekündigt. Angemessene Kohlenstoffpreise sind ein wichtiges Werkzeug, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dieses System kurzfristig signifikante Auswirkungen hat.

In der ersten Phase geht es nur um die Stromerzeugung. Der Kohlenstoffpreis ist niedrig (etwa 6 US-Dollar/Tonne gegenüber mehr als 35 US-Dollar/Tonne in der EU), und es bleibt abzuwarten, wie streng die Einhaltung der Vorschriften kontrolliert wird. Wie Chinas Kostensenkungskurve (eine Schätzung der Kosten für die Emissionsreduzierung in einem bestimmten Jahr) zeigt, werden bedeutende Fortschritte nur mit wesentlich höheren Kohlenstoffpreisen und einem breiteren Spektrum der berücksichtigten Emissionen erzielt.

Was bedeutet das für Anleger?

Es bleibt noch viel zu tun. Die Verpflichtung zum Netto-Null-Ziel stärkt jedoch das langfristige Wachstumspotenzial für Dekarbonisierungsinstrumente wie erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge, grüner Wasserstoff, Energiespeicherung sowie Kohlenstoffabscheidung und -Speicherung. Einer Schätzung zufolge könnten die Anlagechancen für saubere Technologien bis zu 16 Bio. US-Dollar betragen (Goldman Sachs, 2021).

China hat in der Vergangenheit die Industriepolitik genutzt, um Führungspositionen in Schlüsseltechnologien zu erobern. Daher ist es wahrscheinlich, dass die inländischen Unternehmen die Hauptnutznießer sein werden. Eines ist klar: Wer in den Klimawandel investiert, kann es sich nicht leisten, den chinesischen Markt zu ignorieren.


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