3 Min | Perspektiven

Rückkehr zu Einwegplastik wegen Corona? Wie Unternehmen ihre Versprechen erneuern müssen


Holly Turner

Holly Turner

Sustainable Investment Analyst

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Louise Wihlborn

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Der Kampf gegen Plastikmüll hat in den vergangenen Jahren rasch an Fahrt aufgenommen.

In unserem Bericht aus dem Jahr 2018 – „Plastik-Ausstieg: Welche Unternehmen werden am meisten betroffen sein?“ – haben wir uns mit den Herausforderungen beschäftigt, mit denen sich die Sektoren jenseits von Plastiktüten, Mikroperlen und Strohhalmen konfrontiert sehen. Unser Fazit lautete, dass es sich hierbei nicht nur um eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse handelt, sondern auch entweder um eine Chance für zukunftsgerichtete Unternehmen oder um eine Bedrohung für die Rentabilität von Unternehmen.

Die dringlichen Prioritäten der Covid-19-Krise haben die Maßnahmen zur Bewältigung dieser Herausforderung zumindest kurzfristig ausgebremst – was sowohl in den neuen Prioritäten der Unternehmen als auch in den Hygienemaßnahmen begründet liegt.

Langfristig ist eine Kreislaufwirtschaft für Plastik jedoch unvermeidlich. Diese umfasst nicht nur die Herstellung, Verwendung und Entsorgung von Plastik. Unnötige Kunststofferzeugnisse müssen auch vermieden und innovative Produkte gefertigt werden. Darüber hinaus müssen Erzeugnisse wieder für die erneute Verwendung in Umlauf gebracht werden.

Wir haben 60 neue Vorschriften zur Eindämmung von Einwegplastik ermittelt und uns mit mehr als 100 Unternehmen darüber unterhalten, wie sie auf die strengeren Vorschriften reagieren und welche Verpflichtungen sie eingegangen sind.

Wir sind der Ansicht, dass die jüngsten Rückschritte nur von vorübergehender Dauer sein werden. Unser jüngster Fortschrittsbericht – „Forging a new future for problematic plastic: are companies prepared?“ (in englischer Sprache) – macht deutlich, dass die Unternehmen sowohl ihre Transparenz als auch ihre Ziele und Maßnahmen dringend hochschrauben müssen.

Warum das Coronavirus die Nachfrage nach „flexiblen Verpackungen“ angekurbelt hat

Laut Prognosen des Marktforschungsinstituts Wood Mackenzie wird in Europa die Nachfrage nach „flexiblen Verpackungen“ für Endverbraucher in diesem Jahr um 5 % ansteigen – obwohl die Nachfrage im Vorjahr auf unter 1,5 % gesunken ist, wie die nachstehende Grafik veranschaulicht.

Flexible Verpackungen sind meistens Einwegplastik wie Tüten, Auskleidungen und Verpackungen, enthalten aber auch Papier, Folien und Werkstoffkombinationen.

Aufgrund der Corona-bedingten Lockdowns ist der plastikfreie Einkauf schwieriger geworden. Aufgrund gesundheitlicher Bedenken haben Einzelhändler auch wiederverwendbare Kaffeebecher aus dem Verkehr gezogen. Hinzu kommt, dass der Preis von reinem Kunststoff aufgrund der rückläufigen Ölpreise eingebrochen ist, wodurch Plastik wieder attraktiver wird.

Infolge der Schließung von Cafés, Fast-Food-Betrieben und Restaurants sind die Verbraucher stärker auf Supermärkte und andere Lebensmittelhändler angewiesen – und in diesem Sektor bestehen 37 % der Verpackungen aus Einwegplastik. Dies geht aus dem Bericht „Unwrapping the Packaging Industry“ von EY hervor.

Aufgrund der schützenden und hygienischen Eigenschaften von Plastik wurde der Verbrauch in den Industrieländern wie in Europa und den USA während der Pandemie angekurbelt.

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Der Fortschritt ist zwar gefährdet – die eingegangenen Verpflichtungen zur Vermeidung von Plastikmüll dürften jedoch weitgehend Bestand haben

Die Krisenmaßnahmen haben sich generell auf drei Themen ausgewirkt:

  • Vermeidung problematischer und unnötiger Erzeugnisse;
  • Innovationen zur Sicherstellung, dass benötigte Kunststoffe wiederverwendbar, recyclingfähig oder kompostierbar sind;
  • Einbringung der verwendeten Kunststoffe in die Kreislaufwirtschaft und nicht in die Umwelt.

Das Ausmaß von Plastikmüll, seine negativen Auswirkungen auf die weltweiten Ökosysteme und die mit Mikroplastik verbundenen potenziellen Gesundheitsrisiken für den Menschen sind allesamt Themen, die zu wichtig sind, als dass sie ignoriert werden können.

Auch wenn sich einige Interessengruppen bei den Regierungen dafür einsetzen, dass die für Einwegplastik geltenden Einschränkungen wieder aufgehoben werden, und einige Vorschriften zurückgestellt wurden, sind wir der Ansicht, dass der regulatorische Druck bestehen bleibt.

Beispielsweise hat die Europäische Kommission bereits bestätigt, dass die Fristen für das EU-weite Verbot von Einwegplastik, das 2021 in Kraft treten soll, Bestand haben und eingehalten werden müssen.

Gleichermaßen rückt auch die britische Regierung nicht von ihrer Steuer für Kunststoffverpackungen ab. Diese wird ab 2022 auf alle Kunststoffverpackungen erhoben, die nicht zu mindestens 30 % aus recyceltem Kunststoff bestehen.

Warum die Unternehmen sowohl ihre Transparenz als auch ihre Ziele und Maßnahmen dringend hochschrauben müssen

In Anbetracht der Covid-19-Krise sind die Vorteile, die Plastik in der Gesundheitsbranche mit sich bringt, nur schwer zu ignorieren. Persönliche Schutzausrüstungen werden fast immer aus Kunststoff gefertigt, wobei einige Bestandteile wie Kittel und Handschuhe sogar zu Einwegplastik zählen.

Wenn das Gastgewerbe wieder öffnet und die Regulierungsbehörden wieder ihre vor der Coronakrise gültige Agenda hervorholen, wird deutlich werden, dass der Plastikmüll in den Ozeanen – anders als die CO2-Emissionen – nicht zurückgegangen ist.

Die langfristigen Risiken bleiben bestehen. Unseres Erachtens werden Verbraucher und Aufsichtsbehörden auch künftig Druck ausüben, um den Umstieg auf die Kreislaufwirtschaft voranzutreiben – auch wenn dieser nicht notwendigerweise im gewünschten Tempo erfolgt.

Covid-19 sollte die Anstrengungen verstärken, nicht ausbremsen. Die Krise hat deutlich gemacht, dass sich die Unternehmenswelt auf langfristige Lösungen und nicht auf Notlösungen konzentrieren muss.

Geschäftsmodelle und Infrastrukturen können Krisenzeiten überstehen und sogar aufblühen, wenn entschieden gehandelt wird. Es ist an der Zeit, dass die Unternehmen ihre Versprechen erneuern.

Gesamten Bericht lesen (in englischer Sprache): „Forging a new future for problematic plastic: are companies prepared?“


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von den Autoren und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.