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Der Klimawandel und das Coronavirus: Wohin führt der Weg?


Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, befindet sich fast die ganze Welt im Lockdown, und die Industrie ist zum Erliegen gekommen.

Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns werden deutlich spürbar sein, er könnte jedoch auch erhebliche Auswirkungen auf die Erreichung der Klimaschutzziele haben.

Wir haben uns mit zwei Experten auf diesem Gebiet unterhalten: Andrew Howard, Leiter Sustainable Research, und Isabella Hervey-Bathurst, die in Themen rund um den Klimawandel investiert.

Sie erläuterten uns die Klimaschutzziele und deren Beweggründe, welche Fortschritte erzielt wurden und wie sich die aktuelle Krise auf die zukünftige Politik und Investments auswirken könnte. 

Das Pariser Abkommen spielt bei allen Themen, die wir in diesem Gespräch erörtern werden, eine zentrale Rolle. Worum geht es genau?

Andrew Howard (AH): Das Pariser Abkommen wurde im Dezember 2015 von Regierungen weltweit unterzeichnet. Praktisch alle von ihnen erklärten sich damals damit einverstanden, kollektive Maßnahmen zu ergreifen, um den langfristigen Temperaturanstieg auf rund zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, das am Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnet wurde.

Damit war ein Wendepunkt erreicht, auf den etwa 20 Jahre hingearbeitet wurde. Im Pariser Abkommen wurde dargelegt, wie stark die globale Erwärmung künftig ausfallen könnte, zu welchen Maßnahmen die Regierungen bereit sind und mit welchem Ergebnis diese leben könnten.

Der Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Niveau beläuft sich bislang bereits auf etwas mehr als ein Grad. Auf dem Weg zum Gesamtziel haben wir also lediglich etwas mehr als die Hälfte erreicht.

Wie können wir die Fortschritte messen, die wir auf dem Weg zum Zwei-Grad-Ziel erreicht haben?

AH: Das von Schroders entwickelte Climate Progress Dashboard dient als objektiver Gradmesser für unsere bisherigen Fortschritte und gibt Aufschluss darüber, wie schnell unterschiedliche Faktoren verändert werden müssen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Es gibt zwölf unterschiedliche Kennzahlen, darunter politische Maßnahmen, Geschäftsstrategien, der technologische Wandel und die Produktion fossiler Brennstoffe.

Wir beschäftigen uns beispielsweise mit der Frage, wie viele Elektrofahrzeuge zusätzlich auf die Straße gebracht werden müssen. Wie hoch ist die Menge erneuerbarer Energien, die zusätzlich erzeugt werden muss? Und wie schnell muss die Produktion von Öl, Gas und Kohle gedrosselt werden, um den Temperaturanstieg auf unter zwei Grad zu beschränken?

Welche Informationen hält das Dashboard bereit?

AH: Das Dashboard wird vierteljährlich aktualisiert. Das letzte Update deutete auf eine langfristige Erwärmung von 3,9 Grad hin. Es steht außer Frage, dass noch viel zu tun ist.

Der erste Schritt ist gemacht, es müssen jedoch noch viele weitere folgen. Wenn wir die Verpflichtungen des Pariser Abkommens erfüllen möchten, wird es zu noch größeren Umwälzungen kommen.

Welche Auswirkungen, wenn überhaupt, hat Covid-19 auf die Erreichung der Klimaschutzziele?

AH: Kurzfristig hatte das Virus beträchtliche Auswirkungen auf die industrielle Aktivität, die Wirtschaftsleistung und insbesondere auf die CO2-Emissionen. Es ist extrem wahrscheinlich, dass 2020 weniger CO2-Emissionen als im Vorjahr verzeichnet werden. 2020 ist dann lediglich das vierte Jahr in drei Jahrzehnten, in dem die weltweiten CO2-Emissionen tatsächlich zurückgehen.

Wenn es bei früheren Krisen zu einem Rückgang der Emissionen kam, war dies häufig nur ein temporäres Phänomen – im Jahr darauf stiegen die Emissionen wieder.

Das Climate Progress Dashboard zeigt, dass die Auswirkungen insgesamt relativ gering waren.

Welche Branchen könnten gestärkt aus der Krise hervorgehen?

Isabella Hervey-Bathurst (IH-B): Es ist aufschlussreich, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und sich anzuschauen, wie die Branchen während und nach der globalen Finanzkrise abgeschnitten haben. Das gibt jedoch nicht unbedingt Aufschluss darüber, wie krisenfest sie sind.

Auffallend war jedoch, wie viel sich seit 2008 in den Bereichen saubere Technologien und Klimapolitik getan hat.

Das lässt sich beispielhaft an Elektrofahrzeugen veranschaulichen. Im Jahr 2008 gab es auf dem europäischen Markt nur zwei E-Modelle, und von den absatzstärksten Elektrofahrzeugen wurden rund 330 Stück verkauft. Inzwischen – also im Jahr 2020 – gibt es auf dem europäischen Markt 70 E-Modelle, und das weltweit absatzstärkste Elektrofahrzeug wurde im vergangenen Jahr mehr als 300.000 mal verkauft.

Erneuerbare Energien sind ein weiterer Industriezweig, der einen enormen Wandel durchlaufen hat. Im Jahr 2008 war regenerative Energie stark von Subventionen abhängig. Wenn die Staatsfinanzen stark beansprucht wurden, waren erneuerbare Energien deshalb gefährdet. Nach der Krise wurden die Subventionen in mehreren Regionen aufgehoben.

Seitdem sind die Kosten massiv zurückgegangen. Anfang 2020 stellten erneuerbare Energien in zwei Dritteln der Welt die kostengünstigste Art der Energieerzeugung dar. Erneuerbare Energie ist jetzt preislich weitgehend wettbewerbsfähig. Das ist ein himmelweiter Unterschied gegenüber der vorigen Krise.

Auch die Politik und die Unternehmenswelt haben sich weiterentwickelt. Im politischen Planungsprozess und in den Unternehmensstrategien haben Klimaverpflichtungen inzwischen einen festen Platz. Deshalb scheinen Klimainvestoren heute auf einem viel solideren Fundament zu stehen als 2008.

Wie könnte sich die Covid-19-Krise auf die Unternehmenspolitik auswirken?

IH-B: Die unmittelbarste Herausforderung besteht darin, die Krise zu meistern. Viele Menschen stellen sich jedoch die Frage, wie die Welt danach aussehen wird.

Es gab bereits dramatische Veränderungen. Sofern möglich, arbeiten die Menschen von zu Hause aus. Sitzungen und Konferenzen finden virtuell statt. Die Krise wird die Unternehmen vor die Frage stellen, ob das, was sie davor als „Business as usual“ erachtet haben, tatsächlich notwendig ist. Und das könnte nur der Anfang sein.

Wir halten es für recht wahrscheinlich, dass sich unsere Arbeitsweise in einigen Aspekten dauerhaft verändern wird – wovon das Klima profitieren könnte.

Könnte sich Covid-19 als Wendepunkt im Klimawandel erweisen?

AH: Covid-19 könnte einen Ausgangspunkt darstellen, es ist jedoch schwierig, sich hier festzulegen. Die Gesellschaft durchläuft eine enorme Veränderung. Diese wird die Bedeutung politischer Maßnahmen und politischer Führungsstärke unterstreichen.

Der Klimawandel ist Teil dieser Debatte – und zwar noch mehr als vor zehn Jahren oder in früheren Krisen. Es gibt zahlreiche Gründe für Hoffnung, und die Chancen stehen gut, dass die politischen Entscheidungsträger und Unternehmen die Krise überstehen werden.

Wie können Investoren ihre Rolle als Aktionäre nutzen, um zu einem Wandel beizutragen?

AH: Die Aufgabe aktiver, verantwortungsbewusster Anleger besteht darin, sich mit den Unternehmen auszutauschen, in die sie investieren.

Kurzfristig gibt es zweifellos Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen – und diese können in vielen Branchen gravierend sein. Investoren können bei der langfristigen Planung jedoch eine Schlüsselrolle spielen, indem sie sich mit den Unternehmen über ihren Umgang mit der Krise austauschen.

Gibt es für Klimainvestoren Grund für Optimismus?

IH-B: Ja. Wir konnten insbesondere in Europa beobachten, dass das Konzept des Green Deal einen nachhaltigen Auftrieb erfährt. Der „grüne Deal“ ist eine Roadmap für eine nachhaltige europäische Wirtschaft.

Die Europäische Kommission und verschiedene Industrieverbände haben sich zusammengeschlossen, um darauf hinzuwirken, dass der Klimaschutzplan nicht durch die aktuelle Krise zunichte gemacht wird.

Hinzu kommt, dass viele der wichtigen Trends auf einem viel stabileren Fundament als vor zehn Jahren stehen. Deshalb finde ich diese Entwicklungen wirklich ermutigend.

 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von den Autoren und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.