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Könnte die Technologie die Produktivität dauerhaft steigern?


Vor zwei Jahren identifizierten wir eine Reihe von unausweichlichen „Investment-Wahrheiten“, die vermutlich das folgende Jahrzehnt gestalten werden. Unter diesen Wahrheiten, die zu beobachten sind, haben wir zwei disruptive Trends festgestellt: das rasche Einführungstempo der Technologie sowie den wachsenden Populismus. Hat Corona diese beiden Entwicklungen nun gestärkt oder infrage gestellt?

Robuste Wachstumsaussichten im Zuge der Anpassung der Volkswirtschaften

Die weltweiten Wirtschaftsaussichten haben sich trotz anhaltender Infektionszahlen verbessert. In diesem Zusammenhang sind drei Schlüsselfaktoren zu nennen:

  1. Wirksame Impfstoffe
  2. Außerordentliche staatliche Hilfsprogramme
  3. Bessere Ausrichtung der Volkswirtschaften auf die Online-Arbeit

Im Mittelpunkt standen unlängst, nach der Zulassung der Vakzine und der anlaufenden Impfkampagnen, die Staatsausgaben. Das Konjunkturpaket von Präsident Biden über 1,9 Bio. US-Dollar führte zu einer wesentlichen Heraufstufung der Wachstumsprognosen in den USA. Die überbordenden Auswirkungen sind für die Weltwirtschaft nachfragefördernd.

Dem dritten Faktor widmete man in der jüngsten Konjunkturerholung weniger Aufmerksamkeit: die Anpassung. Diese wird langfristig betrachtet von größerer Bedeutung sein. Betriebe jeder Art hatten die Gelegenheit, mit unterschiedlichen Arbeitsmethoden – gezwungenermaßen – zu experimentieren. Viele Firmen haben sich auf die virusbedingten Betriebsbeschränkungen eingestellt.

Der generelle Stand der Konjunktur legt darüber Beweis ab: Im ersten Lockdown brach das BIP zwar ein, aber die Rückgänge waren beim zweiten weitaus geringer. Natürlich besteht kein Zweifel daran, dass die Stärksten überlebt haben. Während der ersten Schließungswelle traf es vorwiegend die schwächsten Betriebe.

Dennoch lassen sich daraus nützliche Rückschlüsse ziehen. Ein wesentlicher Motivationsschub, sich auf neue Umstände einzustellen, war der verstärkte Einsatz der Technologie. Firmen und Betriebe hatten somit die Möglichkeit, online zu arbeiten.

Der sprunghafte Zuwachs der Online-Umsätze bedeutete, dass Geschäfte weiter geöffnet sein konnten. In Großbritannien entfällt mittlerweile ein Drittel der Umsätze auf Online-Käufe.

Laptops und Headsets standen hoch im Kurs, denn mehr Arbeitende waren vom Homeoffice aus tätig. Trotz des konjunkturellen Abschwungs erhöhten sich sogar die Investitionen in IT und Ausrüstung. Damit Unternehmen während des Lockdowns in der Wirtschaft weiter tätig sein konnten, mussten sie digital arbeiten. Das Tempo der Investitionspläne musste deshalb entsprechend angepasst werden.

Digitalisierung kurbelt Produktivitätswachstum an

Erhöhte sich dadurch die Leistung pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter? Aus unserer Sicht ja. Die zahlenmäßige Verbesserung geht jedoch weitgehend auf Darwins Selektionsprozess zurück. Der Leistungsmix der Wirtschaft hat sich von arbeitsintensiven Services zu produktiveren Sektoren entwickelt.

Entscheidend dabei ist, ob die Ökonomie dies mittelfristig aushalten kann. Die Pandemie hat eine plötzlich auftretende Veränderung ausgelöst, die Betriebe zu einer gesteigerten Produktivität zwang. Zudem sind wir aufgrund der erhöhten Nutzung der Technologie an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Die aus dieser Veränderung resultierenden Vorzüge zahlen sich inzwischen aus.

Die durch Corona ausgelöste Rezession hat momentan wohl erstmals zu einer Produktivitätssteigerung seit über 60 Jahren geführt.

Dieser Mixeffekt dürfte sich mit der Wiederbelebung des Dienstleistungssektors etwas umkehren. Die künftig vermehrte Anwendung der Technologie wird mittelfristig wahrscheinlich eine Produktivitätsverbesserung mit sich bringen.

Die Nachteile von Corona sind einerseits Entlassungen und andererseits Betriebsschließungen. Es gibt allerdings zudem viele Unternehmen, die während der Pandemie neue Arbeitsmethoden und -WSeisen ausprobiert haben. Die gestiegenen Kapitalausgaben von Unternehmen bilden einen auffallenden Gegensatz zur weltweiten Finanzkrise. Damals belasteten die reduzierten Investitionen ein potenzielles Produktivitätswachstum.

Wichtig dabei ist, dass die Produktivität für viele nicht unbedingt schlechter sein sollte, ganz im Gegenteil, sie sollte mit der Wiedereröffnung der Wirtschaft besser sein. Dies sollte man zudem im Zusammenhang mit KI und Robotik sehen, denn hiervon profitieren Bereiche des Dienstleistungssektors. Die seit Langem herbeigesehnten Vorteile des erhöhten Einsatzes der Technologie im Hinblick auf die Produktivität könnten sichtbar werden. Dies würde außerdem eine Trendwende gegenüber dem vergangenen Jahrzehnt darstellen.

Geht damit ein stärkerer Zulauf zum Populismus einher?

Es besteht die Gefahr, dass die Technologie das Streben der Politiker erschweren könnte, gegen die gesellschaftliche Ungleichheit anzukämpfen. Denn eines ist gewiss: Die vierte industrielle Revolution wird Arbeitsplätze wegrationalisieren. Aus der Geschichte wissen wir, dass soziale Unruhen nach einer Pandemie zunehmen und einen fruchtbaren Boden für eine populistischere Politik schaffen.

Die verbesserte Konjunkturlage sollte den Unterschied zwischen Reich und Arm verringern. Die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung hat während der Pandemie zweifelsohne zugenommen. Verspürt die Bevölkerung, dass die Gewinne der Volkswirtschaft nicht geteilt werden, breitet sich Unzufriedenheit aus. Somit setzt die Suche nach politischen Alternativlösungen ein. Bei Corona hat sich diese Tendenz bisher noch nicht bewahrheitet. Die Bevölkerung scheint in Krisenzeiten eher Kompetenz und Stabilität zu schätzen.

Sobald die Pandemie in den Hintergrund rückt, steigt die Gefahr von Unruhen. Ehe wir zu dem Fazit kommen, der Populismus sei ein weiteres Opfer der Pandemie, sollten wir uns im Klaren sein, dass diese Ereignisse über einen langen Zeitraum geschehen.

Der Populismus hat möglicherweise eine andere Gestalt angenommen. Die neue US-Regierung hat die Bekämpfung der gesellschaftlichen Ungleichheit ganz oben auf die Agenda gesetzt. Die US-Finanzministerin Janet Yellen wurde zur Weisheit des amerikanischen Rettungsschirms und zum Risiko der Konjunkturüberhitzung befragt. In ihrer Antwort betonte sie, wie wichtig es sei, Vollbeschäftigung so schnell wie möglich zu erreichen. Nur so ließe sich gewährleisten, eine dauerhafte Benachteiligung der Bevölkerung aufgrund der Pandemie zu bekämpfen.

Diese Themen finden auch anderenorts Anklang, allen voran in Europa. Hier haben die Staaten stark in die Volkswirtschaft eingegriffen, und die Fiskalpolitik spielt eine Schlüsselrolle bei der Stützung der Nachfrage.

Entscheidungsträger*innen sollten vorsichtig sein, denn Geringverdiener*innen waren von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie überproportional betroffen. Das Problem wird darin bestehen, inwieweit Politiker*innen gegen die Missstände der gesellschaftlichen Ungleichheit vorgehen und der wachsenden Forderung nach höheren Haushaltsausgaben für andere Bereiche wie Gesundheit und Klimaschutz nachkommen.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von den Autor*innen und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.