Perspektiven

Neues Leben für alte Kleidung: Warum die Modebranche auf die Vergangenheit zurückblicken muss, um auch in Zukunft Bestand zu haben


Nähen und Fondsmanagement haben nicht viel gemeinsam. Zwar geht es bei beiden Disziplinen darum, die richtigen Komponenten auszuwählen und sie zu einem zusammenhängenden Ganzen zusammenzusetzen, aber das ist auch schon alles.

Als ich klein war, hat mir meine Mutter die Grundlagen des Nähens beigebracht, aber ich habe den Sinn darin erst als Studentin erkannt. An meinem College in Oxford gab es alle zwei Wochen Kostümpartys, daher schien es sinnvoller, in eine winzige Nähmaschine zu investieren, als für Kostüme zu bezahlen.

Im Lauf der Jahre habe ich meine Fähigkeiten mit Kursen und vielen YouTube-Videos verfeinert. Im Lockdown hatte ich endlich Zeit, meine Stoffkiste zu plündern und ehrgeizigere Projekte in Angriff zu nehmen. Und wie alle anderen auch habe ich meine Garderobe gründlich ausgemistet. Da die Oxfam-Läden geschlossen waren, wurden die ungeliebten Stücke entweder geändert oder sie mussten für selbstgenähte Masken herhalten.

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Ich finde es nicht nur befriedigend und therapeutisch, etwas Neues zu kreieren, ich weiß auch, dass der DIY-Ansatz sozial- und umweltfreundlicher ist als der Kauf von der Stange (oder von der Website). Durch die Arbeit unserer Nachhaltigkeitsteams und nachhaltiger Investor*innen ist mir inzwischen bewusst, wie wichtig Nachhaltigkeit ist.

Einige erschreckende Fakten über Fast Fashion 

Wussten Sie, dass die Modeindustrie mehr CO2 ausstößt als internationale Flüge und Seeschifffahrt zusammen? Oder dass jede Sekunde ein Müllwagen voller Kleidung verbrannt oder auf einer Deponie abgeladen wird? 

Dieser BusinessInsider-Artikel (auf Englisch) zeigt die Auswirkungen der Modeindustrie auf die Umwelt. Zum Beispiel ist die Modebranche weltweit der zweitgrößte Wasserverbraucher. Für ein einziges Paar Jeans werden etwa 7.570 l Wasser benötigt. Man müsste zehn Jahre lang acht Gläser Wasser pro Tag trinken, um diese Menge zu erreichen.

Und das sind nur die Umweltauswirkungen.

Aus sozialer Sicht sind die Arbeitsstandards in der Bekleidungsindustrie oft erbärmlich. Viele Marken oder Subunternehmer nutzen immer noch billige Arbeitskräfte aus und bezahlen Textilarbeiter*innen weit unter dem Mindestlohn. Ein existenzsichernder Lohn ist ein Menschenrecht; der Mindestlohn, den Arbeiter*innen verdienen müssen, um die Kosten für die Grundbedürfnisse zu bestreiten.

Zum Beispiel kam es 2020 zum Skandal beim Online-Händler Boohoo, als bekannt wurde, dass Arbeiter*innen in „Dark Factories“ im englischen Leicester nur 3 bis 4 britische Pfund pro Stunde erhielten. Zum Vergleich: Der britische Mindestlohn beträgt für 21- bis 24-Jährige 8,20 britische Pfund und der existenzsichernde Lohn 8,72 britische Pfund (Stand: April 2020).

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Neben den Löhnen gibt es weitere Probleme mit Arbeitsstandards, Gesundheit und Sicherheit usw. Ein besonders trauriger Aspekt ist, dass Kinderarbeit in der Branche weit verbreitet ist. Über 100 Millionen Kinder sind an der Lieferkette von Bekleidung und Schuhen weltweit beteiligt, entweder als Arbeiter oder als Kinder von berufstätigen Eltern in der Nähe von Baumwollplantagen und Fabriken. Dies ergab ein Bericht der UNICEF aus dem Jahr 2020 (auf Englisch).  

Die Realität ist, dass jemand in der Lieferkette den Preis zahlt, wenn Kleidung zu Schnäppchenpreisen verkauft wird.

Wie können Anlegerinnen und Anleger helfen? 

Ein düsteres Bild, das Sie möglicherweise von Ihrem nächsten Einkaufsbummel abschrecken wird. Dennoch ist es wichtig, dass Investierende in dieser Branche aktiv sind und ihre finanzielle Schlagkraft nutzen, um positive Veränderungen zu bewirken. Unser Kapital muss in Unternehmen mit wirklich nachhaltigen Geschäftsmodellen fließen, die zu sozialen und/oder ökologischen Lösungen beitragen. Dadurch können sie expandieren und Marktanteile gewinnen. Wir müssen ferner Nachzügler identifizieren und aktiv mit ihnen interagieren, um positive Veränderungen anzuregen.

Obwohl wir letztendlich das Engagement mit Unternehmen suchen, um ihre Geschäftspraktiken zu verbessern, besteht der erste Schritt oft darin, eine bessere Offenlegung und mehr Transparenz zu fordern. So können wir Vorreiter und Nachzügler besser identifizieren.

Als Investierende müssen wir schwierige Fragen stellen – insbesondere wenn es um komplexe und undurchsichtige Lieferketten geht. 

Selbst die größten Modehäuser haben keine 100%ige Transparenz darüber, wie verantwortungsbewusst alle Mitglieder ihrer Lieferkette handeln. Manchmal lassen sich diese Mitglieder in dem Gewirr von Vereinbarungen und Unterauftragsvergaben noch nicht einmal identifizieren. Immer mehr Unternehmen veröffentlichen inzwischen glänzende Berichte über ihre Tier-1-Lieferanten. Diese kratzen jedoch kaum an der Oberfläche. 

Ein Rahmenwerk zu Fast Fashion 

Als Reaktion auf diese Herausforderungen haben meine Kolleg*innen einen Rahmen entwickelt, um die Nachhaltigkeit verschiedener Modeunternehmen zu bewerten. So können wir potenzielle Kandidaten für unseren nachhaltigen Fonds ebenso wie für uns interessante Bereiche identifizieren.

Dabei werden eine Vielzahl von umwelt- und lieferantenorientierten Faktoren berücksichtigt, beinhaltet aber vor allem auch eine Kennzahl für die „Disposability“ eines Artikels, ein Faktor, der von Bewertungssystemen von Drittanbietern im Allgemeinen nicht berücksichtigt wird. Der Grundgedanke dahinter: Wenn ein produzierter Artikel eine Wirkung von 100 Einheiten hat, macht es einen großen Unterschied, ob dieser Artikel einmal (100 Einheiten pro Verwendung) oder zwanzigmal (5 Einheiten pro Verwendung) getragen wird. 

Neues Leben für alte Kleidung 

Als Investierende können und sollten wir mehr tun, um die Industriestandards anzuheben und einen langfristigen, nachhaltigen Wandel zu bewirken.

Die Modeindustrie hat das Potenzial, zu allen 17 Zielen der UN für nachhaltige Entwicklung beizutragen: Von der Stärkung der Frauen bis hin zur Verringerung der Umweltverschmutzung können Veränderungen in der Modebranche weitreichende positive soziale und ökologische Veränderungen bewirken. 

Aber letztlich stimmen wir als Kund*innen mit unserem Geld dafür ab, welche Zukunft wir uns wünschen. Wir müssen „faule Äpfel“ bestrafen und Unternehmen mit nachhaltigeren Praktiken unterstützen. Eine solche Identifikation ist jedoch schon für Anleger*innen schwierig – für Kund*innen daher umso mehr. Es wird viel über „nachhaltige Mode“ gesprochen. Wir sind jedoch nicht davon überzeugt, dass die Marken ihren schönen Worten auch wirklich Taten folgen lassen. 

Was wir meiner Meinung nach wirklich brauchen, ist eine grundlegende Änderung unseres Konsumverhaltens. Wir alle essen inzwischen bewusster, verzichten auf Fleisch und kaufen Hafermilch. Aber die meisten von uns denken nicht allzu sehr über unsere Kleidung nach. Es ist schwer, fundierte Entscheidungen zu treffen. Was wir jedoch tun könnten, ist, uns von der Wegwerfmode zu verabschieden, indem wir weniger kaufen und Kleidungsstücke öfter tragen. Das bedeutet wahrscheinlich, mehr Geld für Kleidung auszugeben, die länger hält, und Kleidungsstücke zu reparieren und zu ändern, anstatt sie zu entsorgen.

Wenn Sie dafür kein Talent haben, helfen Änderungsschneidereien Ihnen gerne weiter. Und wenn Sie besonders nett fragen, übernehme auch ich vielleicht den einen oder anderen Auftrag.


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